Sanierungspläne Bahn-Kunden brauchen künftig noch mehr Geduld

Die Passagier- und Frachtzahlen steigen, doch wegen eines alten Schienennetzes ist die Bahn damit überfordert. Der Konzern muss sanieren und ausbauen. Die Konsequenzen für Fahrgäste und Fracht werden in den nächsten Jahren heftig sein, warnt der Vorstand.
"Wird Jahre dauern, bis es besser wird": Laut Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft wird die Generalsanierung der Deutschen Bahn den Kunden viel Geduld abverlangen

"Wird Jahre dauern, bis es besser wird": Laut Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft wird die Generalsanierung der Deutschen Bahn den Kunden viel Geduld abverlangen

Foto: Bodo Marks/ DPA

Wegen ihres maroden Schienennetzes ist die Deutsche Bahn mit den steigenden Passagier- und Frachtzahlen überfordert und bereitet die Kunden auf Verspätungen und Ausfälle vor. Die wachsende Nachfrage treffe auf einen Rückstau bei den nötigen Investitionen ins Netz, warnte Bahnchef Richard Lutz (58) am Montag in Berlin.

"Wir haben ein kurzfristig kaum auflösbares Dilemma: gleichzeitig wachsen und modernisieren." Die Betriebslage sei kritisch, die Verspätungen nähmen zu, es gebe eine Rekordzahl an Baustellen. Der Modernisierungsbedarf werde aber weiter steigen. "Es braucht ein grundsätzliches, ein radikales Umsteuern. Ein weiter so ist definitiv keine Alternative." Das Pünktlichkeitsziel von 80 Prozent im Fernverkehr werde man verfehlen und "signifikant davon weg sein". Im April waren fast ein Drittel der Züge unpünktlich.

Das Eingeständnis kommt kurz nachdem der langjährige Infrastrukturvorstand und Ex-Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (63) den Konzern verlassen hat. Für die Bundesregierung kommt es zur Unzeit: Bei den Klimaschutzzielen bis 2030 im Verkehr spielt die Bahn eine erhebliche Rolle. Die Passagierzahlen sollen sich bis dann verdoppeln, der Anteil der Bahn am Frachtverkehr deutlich steigen. Doch wird das mit dem gegenwärtigen Schienennetz nicht zu schaffen sein. Zudem steht der Regionalverkehr schon ab Juni vor einer neuen Herausforderung: Das Neun-Euro-Monatsticket wird Millionen zusätzlicher Kunden ab Juni in die Züge locken. Allein der Staatskonzern hat in der vergangenen Woche 2,7 Millionen dieser Fahrkarten verkauft.

Bahn-Chef: Mehr Fracht muss zurück auf die Straße

Passagiere und Fracht kämen nach der Corona-Flaute schneller wieder als erwartet, sagte Lutz. Bis zum Sommer wolle mit dem Bund nun ein Konzept erstellen, dessen Kern die vorrangige und grundlegende Sanierung der zentralen Trassen sei. Diese werde ab 2024 beginnen. Dabei sollen alle Bauprojekte der kommenden Jahre gebündelt werden - auch auf Kosten längerer Sperrungen. Wegen der zuletzt vom Bund deutlich erhöhten Mittel für das Netz sei Geld nicht das Problem. Lutz räumte ein, dass nun in Einzelfällen Fracht während der Sanierungen auch auf die Straße verlagert werden müsse. Dennoch stünde der Strategiewechsel im Einklang mit dem Klimaschutz, da die wichtigsten Korridore Ende der 20er Jahre nachhaltig instand gesetzt sein sollten.

Zur Neueinschätzung der Lage sei man erst im vergangenen Herbst gekommen, sagte Lutz, als besonders Unternehmen über Unpünktlichkeit der Güterzüge klagten. Der Verband der Bahn-Konkurrenten, Mofair, nannte Lutz Analyse richtig. Das Thema sei aber nicht neu. Offenbar wolle der Bahnchef von der Debatte über die künftige Organisation der Netz-Tochter ablenken. Die Bahn-Konkurrenten fordern seit langem eine stärkere Unabhängigkeit des Netzes vom Konzern - auch um eine Benachteiligung etwa bei Gebühren und bei der Vergabe von Trassen zu verhindern. Mehr als die Hälfte des Güterverkehrs in Deutschland wickeln inzwischen Konkurrenzfirmen der Bahn ab.

Die angekündigte Generalsanierung bei der Bahn wird aus Gewerkschaftssicht den Fahrgästen viel Geduld abverlangen. "Die Bahnverkehrsunternehmen und die Kunden werden durch ein Tal der Tränen gehen", sagte der Vorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft, Klaus-Dieter Hommel (63), am Montag. "Es wird Jahre dauern, bis es besser wird. Aber die Kunden werden das honorieren, weil die Situation auf der Straße auch nicht besser wird und sie umweltbewusst sind", bemerkte Hommel, der auch Vizechef des Bahn-Aufsichtsrats ist.

Auch Hommel nannte die Ankündigung richtig und notwendig. Er fügte hinzu: "Die Überalterung und Kapazitätsprobleme sind selbst verursacht. Man hat die Instandhaltung sträflich vernachlässigt." Das betreffe nicht nur Nebenstrecken, sondern das 3500 Kilometer lange Kernnetz, das die Hauptlast des Bahnverkehrs trägt. "Das Kernnetz ist ein Sanierungsfall", sagte Hommel. Ziele wie die Verdoppelung der Fahrgastzahl und der einheitliche Fahrplantakt für Deutschland seien damit unrealistisch.

sio, rei/Reuters/DPA