Niedrige Zinsen und ihre Folgen Weg von der Bank, rein in den Tresor

Mit ihrer Niedrigzinspolitik schröpfen Notenbanken wie die EZB vor allem Kleinsparer. Zwar wird auch die Wirtschaft belebt - aber lediglich da, wo es den Geldwächtern kaum recht sein kann.
Kontrahenten Draghi (l.) und Weber: Der Sparer ist der Dumme

Kontrahenten Draghi (l.) und Weber: Der Sparer ist der Dumme

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Geht es um die Europäische Zentralbank, dann nimmt Axel Weber kein Blatt vor den Mund. Die milliardenschweren Anleihekäufe der Notenbank waren einst ein Grund dafür, dass Weber von der Spitze der Bundesbank zurücktrat. In dieser Woche nahm der Banker, der heute dem Verwaltungsrat der Schweizer UBS  vorsitzt, die EZB-Maßnahmen erneut ins Visier.

Webers Kritik in Kürze: Die EZB und andere Zentralbanken seien zu Reparaturbetrieben geworden, die die Versäumnisse der Politik ausbessern müssten. Und das tun sie zu allem Überfluss auch noch ohne Erfolg: Mit niedrigen Zinsen erzielen Geldlenker wie EZB-Chef Mario Draghi nicht die gewünschte Wirkung, nämlich ein Anspringen der Konjunktur sowie der Inflation, so Weber auf einer Bankentagung in Frankfurt. Diese Maßnahmen brächten stattdessen mehr Schaden als Nutzen. Sie entwerten Ersparnisse der Normalverdiener und trieben immer mehr Menschen ins Risiko, sprich in riskantere Geldanlagen. Nach den schwachen US-Jobdaten am Freitag hat auch die Wall Street das Thema Zinserhöhung in den USA vorerst abgehakt: Anleger stellen sich weiterhin auf eine lange Phase des billigen Geldes ein.

Mit seiner Skepsis steht der erfahrene Banker, der auch Wirtschaftsprofessor ist, keineswegs alleine da. Mahnende Worte kommen beispielsweise auch von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), immerhin die Dachorganisation der Notenbanken. "Wir müssen sehr wachsam sein, was potentiellen Stress an den Finanzmärkten betrifft", sagte deren Chefvolkswirt Hyun Song Shin jüngst in einem Interview.

Erfolge der Geldflut bleiben aus

Dabei legen die Kritiker den Finger in die immer gleiche Wunde: Eigentlich wollen die Notenbanken mit extrem billigem Geld die Konjunktur beleben und die Inflation entfachen. Doch das gelingt bislang nicht, denn von der vielen Liquidität der Zentralbanken kommt in der Wirtschaft offenbar kaum etwas an.

Stattdessen parken die Geschäftsbanken, denen die EZB Anleihen abkauft, die Erlöse einerseits wiederum auf Konten bei der Zentralbank. So überschritt die sogenannte Überschussliquidität der Geschäftsbanken bei der EZB, die sich im Wesentlichen aus den Erlösen dieser Anleihekäufe speist, zuletzt die Schwelle von einer Billion Euro, wie die Notenbank am Freitag bekannt gab. Das ist ein bisher nicht ansatzweise erreichter Rekordwert.

Zum anderen steigen seit Beginn der ultralockeren Geldpolitik die Preise an den Finanzmärkten, sprich für Aktien, Anleihen und andere Wertpapiere. Die US-Börsen etwa eilen von einem Rekordhoch zum anderen. Auch die europäischen Börsen haben zuletzt wieder stark zugelegt. Und am Rentenmarkt sprechen Experten schon vor einer gigantischen Preisblase, die spätestens bei eventuellen Zinserhöhungen zu platzen drohe.

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Der Dumme in dieser Gemengelage ist wie so oft der sprichwörtliche "kleine Mann", also der private Sparer. Der könnte zwar an den Finanzmärkten investieren und versuchen, kräftig mitzuverdienen. Dann müsste er aber auch das entsprechende Verlustrisiko schultern. Und das wiegt bei eigenem Geld erfahrungsgemäß deutlich schwerer als beim Geld anderer Leute.

So werden Sparer schleichend enteignet

Kein Wunder also, dass zumindest hierzulande der Großteil privater Ersparnisse auf festverzinsten Bankkonten landet. Genauer gesagt: Auf kaum noch verzinsten.

Einer Aufstellung der Bundesbank zufolge hielten private Haushalte in Deutschland Ende des ersten Quartals rund 5,3 Billionen Euro an Ersparnissen. Nicht weniger als rund 40 Prozent davon befanden sich in der Obhut der Geldhäuser. Aktien und Investmentfonds liegen mit knapp 20 Prozent Anteil weit abgeschlagen lediglich auf dem zweiten Platz.

Die Krux: Wer sich in diesem Muster wiederfindet, muss aufpassen, dass er nicht unterm Strich Verluste macht, ohne dass er es auf den ersten Blick erkennen kann. Denn wenn der Bankzins niedriger ist als die Inflation - was mitunter durchaus vorkommt -, dann schwindet der reale Wert des Geldes im Laufe der Zeit, obwohl sich das Ersparte nominal vermehrt. Die Folge eines solchen sogenannten negativen Realzinses ist also eine schleichende Enteignung der Bankkunden, während gleichzeitig Banker und Großinvestoren an den Finanzmärkten mit billigem Geld kräftig zocken können.

Immer neue Blüten treibt der Niedrigzins im Privatkundenbereich der Banken und Sparkassen. Mit der Raiffeisenbank Gmünd am Tegernsee bestätigte erst kürzlich ein weiteres Institut, künftig ab bestimmten Anlagebeträgen Negativzinsen von Privatleuten zu verlangen. Sprich: Die Anleger müssen dafür bezahlen, dass sie ihr Geld der Bank anvertrauen. Zuvor hatte bereits die Skatbank im thüringischen Altenburg mit einem solchen Schritt auf sich aufmerksam gemacht.

Weitere Geldhäuser dürften folgen, wobei die unangenehme Botschaft mal mehr und mal weniger geschickt verpackt wird. Der Negativzins der Raiffeisenbank Gmünd etwa heißt im hauseigenen Sprachgebrauch der Bank keineswegs "Negativzins", sondern "Verwahr-Entgelt".

Ähnliches hat die ebenfalls genossenschaftliche Alternativ-Bank GLS in Planung. Die Bank will von ihren Kunden einen "Solidarbeitrag" erheben - vermutlich hoffen die GLS-Vorstände, der eine oder andere Kontoinhaber könnte aus Mitleid mit der Bank noch ein paar Euro zusätzlich als Spende überweisen.

Niedrigzins befeuert Umsätze der Tresor-Hersteller

So unangenehm das Drehen an der Zinsschraube für die Kunden erscheint, es hat zumindest den Vorteil, dass es vermutlich nur vorübergehend ist und bei wieder steigenden Zinsen - jedenfalls mit Verzögerung - rückgängig gemacht werden dürfte. Das gilt für eine andere Maßnahme, die von Seiten der Banken und Sparkassen offenbar ebenfalls bereits vorbereitet wird, weniger: Elegant unter dem "Druck der Märkte" als eine Art Notwehrentscheidung verkauft, wollen die Geldhäuser die Gebühren für die Kontoführung wieder einführen beziehungsweise erhöhen.

"Ich erwarte, dass es in einigen Jahren praktisch nirgendwo mehr kostenlose Girokonten geben wird", sagte der Chef des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV), Georg Fahrenschon, diese Woche in einem Interview. Bereits im März hatte er verkündet: "Die Zeit von kostenlosen Girokonten ist vorbei."

Kurzum: Die Bankbranche tut zurzeit offenbar so ziemlich alles, um ihre Kunden zu vergraulen. Und sie hat Erfolg damit: Offenbar kehren immer mehr Menschen den Instituten den Rücken und nehmen die Verwaltung ihrer Ersparnisse lieber in die eigenen Hände.

"Es zahlt sich nicht aus, das Geld auf der Bank zu haben und obendrein auch noch dafür besteuert zu werden", zitiert das "Wall Street Journal" einen 82-jährigen deutschen Pensionär. Für seine Ersparnisse in Höhe von 53.000 Euro habe sich der Mann stattdessen einen Safe gekauft, in dem er das Geld nun lagere.

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Damit rückt schließlich eine Branche in den Fokus, die zu den wenigen gehört, deren Geschäfte durch die lockere Zinspolitik von EZB und Co. tatsächlich signifikant belebt wurden: Die Safe-Hersteller. Die Firma Burg-Waechter etwa, Deutschlands Primus auf diesem Gebiet, verzeichnete in der ersten Hälfte 2016 einen Umsatzanstieg um 25 Prozent, wie das "Wall Street Journal" berichtet. Ähnliches sei bei den Wettbewerbern Format Tresorbau sowie Hartmann Tresore zu beobachten, und zwar getrieben vor allem durch die zunehmende Nachfrage privater Haushalte, wie ein Manager aus der Branche sagt.

Die Safe-Hersteller, so zitiert das "Wall Street Journal " einen Hamburger Safe-Händler, arbeiten am Rande ihrer Kapazitäten. Eine gute Nachricht aus der Wirtschaft ist das, die direkt auf die Geldpolitik der EZB zurückzuführen ist. Ob das eher EZB-Chef Mario Draghi erfreut oder EZB-Kritiker wie den Ex-Bundesbank-Chef Weber, ist allerdings unklar.

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