Weltmacht China Gefahr für Chinas Banken-Viererbande

Chinas vier große Staatsbanken dominieren den Markt - sie leihen Geld an Staatsunternehmen, für die der Staat garantiert. Leidtragende sind private Unternehmen und kleine Sparer, die nun zu den Schattenbanken flüchten. Das System gerät ins Wanken.
Bank of China: Die vier Staatsbanken lebten jahrelang gut von garantierten Zinsspannen - doch mit der Flucht der Sparer geht diese Zeit zuende

Bank of China: Die vier Staatsbanken lebten jahrelang gut von garantierten Zinsspannen - doch mit der Flucht der Sparer geht diese Zeit zuende

Foto: KIM KYUNG-HOON/ REUTERS

Hamburg - Jian Jianqing (60) ist einer der besten, vielleicht der beste Banker Chinas. Jian ist Chef der bis vor kurzem größten Bank der Welt: der Industrial and Commercial Bank of China, kurz ICBC. Er hat einen der typischen Lebensläufe vieler Chinesen in diesem Alter. In Zeiten der Kulturrevolution schuftete er auf dem Lande als Bauer und unter Tage als Kohlearbeiter. 1986 kam er nach Shanghai zurück und fing bei der ICBC als kleiner Schalterbeamter an. Stufe für Stufe arbeitete er sich dort nach oben, ehe er 2000 Chef des Instituts wurde.

Unter seiner Führung stieg die ICBC zur profitabelsten Bank Chinas auf, weil er die völlig überbesetzte Bank um 160.000 Beschäftigte reduzierte, stark in die Informationstechnologie investierte und das Risikomanagement verbesserte. "Er ist ein hervorragender Banker", lobt ihn Hank Paulson, ehemaliger Goldman-Sachs-Chef und US-Finanzminister.

Doch trotz der Erfolge wird Jian regelmäßig übergangen, wenn es in Peking politische Hochämter zu verteilen gilt. Chinas Topbanker machen in der Regel ab einem gewissen Alter immer politische Karriere. Nur Jian nicht. Sein Manko offenbar: Jiang versteht sich mehr als Banker denn als Politiker.

In Jians persönlichem Dilemma Jians spiegelt sich das Problem des gesamten Bankensystem Chinas wider. Es ist gefangen zwischen politischem Einfluss und wirtschaftlicher Notwendigkeit. Chinas große Banken sind Zwitterwesen, die am Gängelband der Partei geführt werden und sich deshalb nicht frei bewegen können.

Bis vor Kurzem waren sie an kurzer Leine. Es dominierte eindeutig der Staatseinfluss. Die Zentralbank (in Abstimmung mit dem Finanzministerium) setzte die Höhe der Bankzinsen fest. Für Kredite kassierten die Institute sechs Prozent, für Einlagen zahlten sie nur drei Prozent. Das macht eine garantierte Zinsspanne von satten drei Prozent.

Vier große Staatsbanken dominieren

Damit konnten vor allem die vier großen dominierenden Staatsbanken (neben der ICBC sind das die Bank of China, China Construction Bank und Agricultural Bank of China) sehr gut leben und sehr gut verdienen. Zinseinnahmen machen den Großteil ihrer Gewinne aus: Zum Beispiel 79 Prozent bei der ICBC im Jahr 2012, 76 Prozent bei der China Construction Bank oder 70 Prozent bei der Bank of China.

Zweiter Vorteil der Big Four, die manche noch um die Bank of Communications (Big Four plus) erweitern: Weil sie auf Befehl von oben überwiegend Kredite an Staatsunternehmen vergeben, müssen sie auch nicht fürchten, dass diese faul werden könnten.

So bildete sich ein geschlossenes System: Staatsbanken leihen an Staatsunternehmen, für die wiederum der Staat garantiert.

Die Leidtragenden dieses Systems waren private Unternehmen und der kleine Sparer. Für die vielen kleinen und mittleren Firmen, die inzwischen das Rückgrat der chinesischen Wirtschaft darstellen (sie machen 60 Prozent des Bruttosozialprodukts, BIP, aus und beschäftigen 80 Prozent der städtischen Bevölkerung), war es extrem schwierig bis unmöglich, von den Banken Kredite zu bekommen. Und die Sparer, die mangels Alternativen ihr Geld zur Bank tragen mussten, brachten die niedrigen Zinsen häufig nur den Inflationsausgleich.

Flucht in das Schattenbanksystem

Sparer und Privatunternehmen flüchteten sich deshalb in den vergangenen Jahren in Chinas Schattenbankensystem, in dem sich mehr oder weniger dubiose Trusts, Hedgefunds, Mikrokreditgeber und Privatpersonen tummeln.

Über dessen Größe gibt es sehr unterschiedliche Schätzungen. Die Deutsche Bank taxiert ihn - ähnlich wie Standard & Poor's - auf 21 Billionen Yuan (das wären 40 Prozent des BIP). Dieses gigantische System entzieht sich der Aufsichtsbehörde CBSR und wird deshalb als sehr fragil angesehen.

Die neue Regierung unter Li Keqiang, übrigens der erste Ökonom in diesem Amt, hat die Gefahren erkannt, die in Chinas Bankensystem und dessen Schatten lauern. Vor Kurzem genehmigte die Regierung deshalb der Zentralbank einen wichtigen Schritt: Sie durfte die Kreditzinsen freigegeben.

Das ist ein Kompromiss zwischen den großen Vier und der Notenbank, die offenbar gleichzeitig auch gerne den Sparzinssatz liberalisiert hätten. Es ist aber vor allem ein symbolischer Schritt, der signalisieren soll: Wir gehen die notwendigen Reformen im Bankensystem an. Als nächster Schritt wird sicher die Freigabe der Sparzinsen folgen. Nur wann? Beobachter gehen davon aus, dass dies in den nächsten zwei Jahren geschehen wird.

Warten auf die Freigabe der Sparzinsen

In der Zwischenzeit will die Regierung auch ein Einlagensicherungssystem einführen. Seit 1993 wird ein solches diskutiert, doch erst im Mai diesen Jahres hat es der Staatsrat (das oberste Regierungsorgan) auf die Reformagenda gesetzt. Ein solches System ist dringend notwendig, denn nach der Liberalisierung der Zinsen wird es endlich Wettbewerb geben.

Positive Folge für die Sparer: Sie können mit höheren Zinsen rechnen, was ihr Einkommen erhöht und damit auch ihre Konsumneigung - und damit den politisch erwünschten Prozess des Rebalancing hin zu mehr Konsum unterstützt. Negativer Effekt für die Banken: Ihre Zinsspanne wird geringer und damit auch ihre Gewinne.

Vor allem die kleineren Banken, aber auch die Institute in der zweiten Reihe - wie zum Beispiel die Mingsheng Bank, China Merchants und Huaxia - könnten dann Probleme bekommen.

Die großen Vier dagegen könnten, weil sie die größeren Reserven haben und die schützende Hand des Staates über sich haben, durch den Wettbewerb gestärkt werden, allen voran die ICBC - dank Jian Jianqing.

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