Fünf Jahre nach Lehman Wen die Lehman-Pleite reich und mächtig machte

Vor fünf Jahren ging Lehman Brothers pleite. Nur wenige Topmanager der Investmentbank kehrten danach erfolgreich in den Finanzsektor zurück - andere wurden durch das Drama reich und mächtig. manager magazin online zeigt, was aus den Lehman-Protagonisten geworden ist.
Von Meike Schreiber
Der Verfemte: Ex-Lehman-Chef Richard Fuld galt schon vor der pleite als überbezahlter "Gorilla"

Der Verfemte: Ex-Lehman-Chef Richard Fuld galt schon vor der pleite als überbezahlter "Gorilla"

Foto: ? Jonathan Ernst / Reuters/ REUTERS

Seit der Lehman-Pleite ist er das Symbol für Gier, Großmannssucht und Missmanagement an der Wall Street: Richard Fuld. Egal wo sich der letzte Vorstandschef von Lehman Brothers seither öffentlich zeigt: Überall ruft er den Zorn seiner Umgebung hervor. Bereits legendär sind die Bilder jener Wutbürger, die kurz nach der Insolvenz Fulds Anhörung vor Mitgliedern des Kongresses in Washington torpedieren.

Umstritten war der Manager schon während seiner Amtszeit: Bei Lehman trägt er wegen seines rauen Umgangstons den Spitznamen "Gorilla". 2008, im Sterbejahr der Bank, kürt ihn die Financial Times zum überbezahltesten CEO der Wall Street - in zwei Jahren zuvor hatte Fuld zusammen fast 80 Millionen Dollar Gehalt kassiert.

An der Wall Street gilt der 67-Jährige bis heute als Verfemter. 2009 gründet er ein Beratungsunternehmen, aber das Geschäft läuft mies - zu schlecht ist sein Image. 2010 wechselt er zu Legend Securities, einem weithin unbekannten Broker - doch die Aufsichtsbehörden verweigern ihm, dem ehemaligen Chef des Wall-Street-Dickschiffes Lehman, die nötige Brokerlizenz.

Fulds Villa in Florida gehört inzwischen seiner Frau

In der Finanzszene macht der "Fluch des Dick Fuld" die Runde, der die Nachlassverwalter des Lehman-Reichs trifft: Bob Diamond und Kenichi Watanabe. Die Chefs von Barclays  und Nomura Holdings  hatten sich die Lehman-Reste zu Spottpreisen einverleibt, wurden später aber mit Schimpf und Schande aus ihren Ämtern gejagt.

Und doch hätte es für Fuld schlimmer kommen können: Anders als zum Beispiel die Verantwortlichen des zusammengebrochenen Energiekonzerns Enron wurde er nie strafrechtlich verfolgt. Und sein Haus in Florida, das er einst für 13,75 Millionen Dollar gekauft hatte, hat er zum Vermögensschutz vorsichtshalber auf seine Frau übertragen - sicher ist sicher.

Die Geläuterte: Erin Callan

Foto: DPA

Im Dezember 2007, ein Dreivierteljahr vor der Lehman-Pleite, wird die damals 41-jährige Erin Callan Finanzchefin der Bank. Seit ihrem Einstieg bei Lehman 1995 hat sich die gelernte Steueranwältin konsequent nach oben gearbeitet und gilt als Vorzeigefrau der Wall Street. Der neue Job als CFO ist die vorläufige Krönung ihrer Laufbahn. Schon wird darüber spekuliert, dass sie eines Tages Vorstandschef Richard Fuld nachfolgen könnte.

Und tatsächlich scheint Callans Weg unaufhaltsam: Im April 2008 besorgt sie Lehman vier Milliarden Dollar frisches Geld an der Börse, obwohl es bereits eng wird für die Bank. Die Kapitalerhöhung gilt als ihr Meisterstück, Callan wird für ihre Verkaufskunst und Gewitztheit gepriesen.

Doch schon wenige Wochen später, im Juni, schmeißt ihr Mentor Fuld die Aufsteigerin raus, auch um seine eigene Haut zu retten: Die Lehman-Aktie ist im freien Fall, der Hedge-Fonds-Manager David Einhorn wettet mit offenem Visier auf die Pleite der Investmentbank.

Ein Bauernopfer für den Gorilla - und ein Konter auf Sheryl Sandberg

Ein Bauernopfer muss her, und das heißt Erin Callan. Für sie, deren Grenze der Himmel schien, ist das Aus bei Lehman gleichbedeutend mit dem Ende ihrer Wall-Street-Karriere. Zwar leitet sie noch für kurze Zeit bei Credit Suisse  das Geschäft mit der Beratung von Hedge-Fonds. 2009 aber verschwindet Callan von der Bildfläche - die seinerzeit als "vorübergehend" angekündigte berufliche Auszeit hält bis heute an.

Schlagzeilen macht sie erst wieder Anfang 2013: In der New York Times schreibt Callan einen aufsehenerregenden Leitartikel über ihr früheres Leben als Lehman-Workaholic.

Sie habe zu viel gearbeitet und bereue es, keine Kinder zu haben, räumt sie offenherzig ein. In Amerika wird ihr Meinungsstück als Konter zu den Thesen von Facebook-Managerin Sheryl Sandberg gewertet, die Frauen zu mehr Management-Verantwortung ("Lean in") aufruft.

Materiell hat Callan, wie Fuld, ausgesorgt: So hat sie laut New York Post gerade erst ihre Villa in East Hampton mit sieben Schlafzimmern für schlappe 3,75 Millionen Dollar verkauft. Mit ihrem zweiten Ehemann, einem Feuerwehrmann, wohnt sie heute in einem bescheideneren Anwesen in Florida.

Der Kronprinz: Bart McDade

Foto: epa Peter Foley/ picture alliance / dpa

Als der für das Tagesgeschäft verantwortliche Vorstand hätte Bart McDade gute Chancen gehabt, eines Tages die Nachfolge von Lehman-Chef Dick Fuld anzutreten. Mit hartem Ellenbogeneinsatz hat er sich in der Hierarchie der Bank nach oben durchgekämpft, drei Monate vor der Pleite steigt er als Chief Operating Officer (COO) zur Nummer zwei hinter Fuld auf.

McDade kämpft verbissen um die Thronfolge - so sehr, dass Kritiker ihm bis heute vorwerfen, darüber die Rettung der Bank verspielt zu haben. Zu halbherzig habe er mit potenziellen Rettern verhandelt, zu groß sei sein Ehrgeiz gewesen, Lehmans Unabhängigkeit zu retten, um selbst Chef zu werden.

Nach der Pleite heuert er zunächst bei Barclays  an, dem britischen Bankriesen und Aufkäufer des Nordamerikageschäfts von Lehman. Doch schon bald verlässt er Barclays wieder. Später gründet er einen Hedge-Fonds. Mit welchem Erfolg ist unklar - seine öffentliche Spur hat sich verloren.

Das Stehaufmännchen: Jeremy Isaacs

Jeremy Isaacs: Von Reue keine Spur

Jeremy Isaacs: Von Reue keine Spur

Weit weg von der New Yorker Lehman-Zentrale steigt Jeremy Isaacs über die Jahre zu einem der mächtigsten Männer der Bank auf. Als Europa- und Asienchef mit Sitz in London schmiedet er innerhalb der Bank sein eigenes Imperium. Sein Team erwirtschaftet mehr als die Hälfte der Gewinne, Isaacs geht hohes Risiko, auch gegen die eigene Vernunft.

So sinniert er öffentlich, dass der russische Markt einem Verbrechersyndikat gleicht, nur um dort trotzdem einen Lehman-Ableger zu gründen. Irgendwann fühlt sich Isaacs unangreifbar und kämpft gegen Bart McDade um die Nachfolge von Vorstandschef Richard Fuld.

Dieser Kampf lähmt die Bank. Eine Woche vor der Pleite schmeißt Isaacs schließlich hin: Kurz zuvor hat Fuld McDade zu seiner Nummer zwei gemacht, Isaacs bleibt seither von wichtigen Entscheidungen ausgeschlossen.

"Ich bin stolz auf das, was wir geleistet haben"

Schon im November 2008 kehrt er zurück in die Finanzszene: In London legt er gemeinsam mit seinen Ex-Lehman-Kollegen Peter Sugarman, Roger Nagioff und Joanna Nader den Investmentfonds JRJ Group auf und spekuliert bis heute erfolgreich mit Rohstoffen.

Im Londoner Evening Standard äußert sich Isaacs 2011 noch einmal über seinen früheren Arbeitgeber. "Ich fühle Traurigkeit, wenn ich an Lehman denke. Es war ein großer Fehler, eine Firma, die seit 1850 existierte, einfach so pleite gehen zu lassen. Ich bin sehr stolz auf das, was wir dort geleistet haben. Auf die meiste Zeit schaue ich mit großer Zuneigung zurück, aber auf den Schlussakkord mit großer Trauer."

Der Spieler: David Einhorn

Hedgefonds-Star David Einhorn: Dick Fuld wollte ihm "das Herz herausreißen"

Hedgefonds-Star David Einhorn: Dick Fuld wollte ihm "das Herz herausreißen"

Foto: ? Mike Segar / Reuters/ REUTERS

"Ich will ihm das Herz herausreißen und es vor seinen Augen essen, während er noch lebt!" Der Mann, der im Frühjahr 2008 den Zorn von Lehman-Chef Richard Fuld auf sich zieht, heißt David Einhorn. Im Mai 2008 spricht der Chef des Hedge-Fonds Greenlight erstmals von Ungereimtheiten in der Lehman-Bilanz und wettet ungeniert auf den Kursverfall der Aktie.

Es folgt ein monatelanger öffentlicher Schlagabtausch mit "Gorilla" Dick Fuld und dessen Finanzchefin Erin Callan. Im Mittelpunkt steht die finanzielle Solidität der Investmentbank und deren Strategie. Begleitet wird der Schlagabtausch vom unaufhaltsamen Absturz der Lehman-Aktie - mit jedem Dollar, um den der Kurs abschmiert, wird Einhorn um Millionen Dollar reicher.

Mitte September 2008 schließlich muss Lehman Insolvenz anmelden. Einhorn dagegen hat ein Vermögen gemacht und sich einen Ruf als unerbittlicher Hedge-Fonds-Manager erworben, der bis heute nachhallt.

Durch die Lehman-Pleite zum Firmenschreck - und zum Milliardär

Immer wieder attackiert Einhorn prominente Unternehmen und deren Chefs. So fordert er bereits 2011 vehement den Rücktritt von Microsoft-Chef Steve Ballmer wegen der schwachen Aktien-Performance des Konzerns unter dessen Regie. Ende August 2013 kündigt Ballmer tatsächlich an, irgendwann in den kommenden zwölf Monaten zu gehen - die seit Jahren gebeutelte Microsoft-Aktie  macht einen Freudensprung von zehn Prozent, und Einhorn darf sich mit zwei Jahren Verzögerung bestätigt fühlen.

Einhorn wird ebenso gefürchtet wie geachtet, denn seine Kritik fußt auf fundierter Analyse und trifft meist den Kern des Problems. Äußert sich die jungenhaft wirkende "Heuschrecke" Einhorn kritisch über ein Unternehmen, kann das dessen Kurs zum Einsturz bringen oder, wie es an der Wall Street heißt, die Aktie "einhornen".

Im Februar 2013 geht der heute 44-Jährige sogar auf die IT-Ikone Apple  los und drängt den Konzern schließlich mit Erfolg, einen Teil seiner gewaltigen Barreserven auszuschütten. Die Apfel-Aktionäre dürfen sich über 100 Milliarden Dollar freuen.

Einhorns aggressive Strategie trägt Früchte: Seit der Gründung 1996 hat Greenlight Capital laut Forbes eine Durchschnittsrendite von jährlich 21 Prozent erwirtschaftet. Knapp 8 Milliarden Dollar verwaltet das Unternehmen inzwischen, Einhorns eigenes Vermögen wird auf 1,2 Milliarden Dollar geschätzt - auch dank der erfolgreichen Wette gegen Lehman Brothers.

Der Staatsbanker: Hank Paulson

Hank Paulson, ehemaliger US-Finanzminister: Der Ex-Goldman-Chef ließ Lehman pleite gehen

Hank Paulson, ehemaliger US-Finanzminister: Der Ex-Goldman-Chef ließ Lehman pleite gehen

Foto: ? Chip East / Reuters/ REUTERS

Gleich nach der Lehman-Pleite kursieren in Internetforen zahlreiche Verschwörungstheorien: darüber, dass US-Finanzminister Henry "Hank" Paulson Lehman geopfert haben soll, um dem Rivalen Goldman Sachs  einen Konkurrenten vom Hals zu schaffen. Dessen Vorstandschef war Paulson von 1999 bis 2006, nun ist er als Finanzminister der Regierung von George W. Bush für die Rettung der Wall Street verantwortlich - ein Karriereweg, der so wohl nur in Amerika möglich ist.

Überhaupt hat Goldman wie kein anderes Unternehmen ein dichtes Alumni-Netz über Politik und Wirtschaft gespannt, was seit Jahren Anlass zu allerlei Spekulationen gibt. Als Politiker und Ex-Investmentbanker steckt Paulson in einer ideologischen Zwickmühle: dass er Lehman nicht die Hand des Staates reichte, entsprang auch seiner ordoliberalen Überzeugung, dass Scheitern zur Wirtschaft dazugehört; andererseits hat kein US-Finanzminister jemals ein derartiges Verstaatlichungsprogramm eingeleitet wie Paulson.

Milliarden Dollar für AIG, Fannie Mae und Freddie Mac

Mit Steuermilliarden rettet Paulson den Versicherer AIG und die Hypothekenfinanzierer Fannie Mae  und Freddie Mac . Auf insgesamt 700 Milliarden Dollar beläuft sich sein Rettungsprogramm. Nach seiner Amtszeit, die mit dem Wahlsieg von Barack Obama endet, wird der glatzköpfige Paulson Gastprofessor an der John Hopkins University in Baltimore und schreibt ein Buch über seine Rolle in der Finanzkrise.

Heute kümmert sich der 67-Jährige Paulson zudem um sein Hobby, den Naturschutz. Zusammen mit Chinas Ex-Präsident Jiang Zemin setzt er sich für die Rettung der Tiger-Leaping-Schlucht in der Provinz Yunnan ein. 100 Millionen Dollar hat er bereits für Naturschutz und Umwelterziehung gespendet.

Leihen musste er sich das Geld nicht: Paulsons Vermögen wird auf 700 Millionen Dollar geschätzt.

Fotostrecke

Crash-Jahr 2008: Die Chronik der Lehman-Krise

Foto: AP
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