Dienstag, 2. Juni 2020

Erfolg der FinTechs Sind unabhängige Vermögensverwalter ein Auslaufmodell?

Nahezu täglich schießen neue Unternehmen aus dem Boden, die Finanzdienstleistungen digitalisieren

Die Digitalisierung verändert sowohl unser Privat- als auch unser Arbeitsleben in nie gekanntem Tempo. Bestehende Gewohnheiten, Geschäftsmodelle, ja ganze Industrien verschwinden. Die Evolution der Kommunikation vom Telegrafen über das internetfähige Smartphone bis zum intelligenten Roboter ist vielleicht das eindrucksvollste Beispiel für die Macht der Veränderung, die von dieser disruptiven Technologie ausgeht. Nur die traditionelle Finanzbranche, insbesondere die Vermögensverwaltung, schien lange unberührt von diesem Wandel. Viel hat sich dort bis heute nicht getan. Doch genau das ändert sich jetzt.

Klaus Martini
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    Mathis Beutel
    Klaus Martini leitete viele Jahre die europäischen Aktienfonds der DWS, war der oberste Vermögens-verwalter der Deutschen Bank und Vorstand der Bank Wilhelm Finck. Seit März 2015 ist er Mitglied der Geschäftsleitung bei Plückthun Asset Management.
Nahezu täglich schießen neue Unternehmen aus dem Boden, die Finanzdienstleistungen digitalisieren. Die sogenannten FinTechs bieten Bank- und Finanzdienstleistungen basierend auf Big Data und Cloud Computing an, die meist schneller, billiger und transparenter als die Angebote der Banken und Sparkassen sind. Manche von ihnen werden florieren und neue Standards setzen. Viele werden jedoch wieder verschwinden, manche von den etablierten Banken absorbiert.

Die Banken sollten wir jedoch nicht abschreiben. In der Erkenntnis, dass ihr Geschäftsmodell an vielen Stellen erodiert, werden große und teure Anstrengungen unternommen, um im Technologie-Rennen den Anschluss nicht zu verlieren. Und dann gibt es noch die Big Player wie Google Börsen-Chart zeigen, Amazon Börsen-Chart zeigen, Yahoo Börsen-Chart zeigen, Apple Börsen-Chart zeigen oder Alibaba, die vielen Branchenmarktführern Kopfzerbrechen bereiten. Firmen wie die ehemalige Ebay-Tochter Paypal oder Alipay in China - ein Bezahldienst mit mittlerweile mehr als 550 Millionen Nutzern - sind den meisten geläufig. Es gilt: Wo die Daten liegen, liegt auch die Macht.

Wo die Daten liegen, liegt auch die Macht

FinTechs sind dabei nicht nur auf die Geld-Transaktionsseite begrenzt. Inzwischen beginnen auch Portfolioverwalter mit onlinebasierten Anwendungen, um das Geld der Anleger zu buhlen. Noch stecken sie in den Kinderschuhen, doch das Beispiel des größten chinesischen Geldmarktfonds Yu'e Bao, der Mitte 2013 von Alibaba aufgelegt wurde, zeigt, wie viel Potenzial darin steckt. Der Fonds hat innerhalb von 18 Monaten rund 93 Milliarden US-Dollar eingesammelt.

In Deutschland hinterlässt das Aufkommen der FinTechs bei vielen Vermögensverwaltern gemischte Gefühle - von ungläubigem Erstaunen hin bis zu abwehrenden, abwiegelnden Aussagen: Nur der Mensch kann sachgerecht beraten, das Geldgeschäft ist Vertrauenssache, Computer haben keine Emotionen und somit kann auch kein Vertrauensverhältnis zwischen Anleger und Computer entstehen. Aber ist das wirklich so?

Stand heute würde ich dem zustimmen. Doch der Umbruch, vor dem die gesamte Vermögensverwaltungsbranche in den kommenden Jahren steht, ist unaufhaltsam. Denn wenn wir uns die Argumente der Besitzstandswahrer genauer anschauen, erkennen wir schnell, auf welch wackeligen Beinen sie stehen.

Bereits seit einigen Jahrzehnten beschäftigen sich Forscher mit künstlicher Intelligenz. Einen Meilenstein hat dabei vor etwa 60 Jahren der englische Mathematiker Alan Turing gesetzt. Nach ihm ist ein Test benannt, mit dem er untersuchen wollte, ob eine Maschine ein dem Menschen gleichwertiges Denkvermögen erreichen kann. Wir können heute Computer so bauen, dass kein Unterschied mehr zwischen der Beratungsleistung des Menschen und der Maschine zu bemerken ist. In Zeiten von Big Data kann der Computer beziehungsweise Roboter viel leichter Informationen und Daten zum Anleger und zu den zur Verfügung stehenden Anlagekonzepten und Produkten sammeln, auswerten und nutzen.

Bleibt noch die Emotionsdebatte. Es gibt mittlerweile Softwarehersteller wie etwa Affectiva, die ein Verfahren entwickelt haben, das durch Gesichtsvermessung eines Menschen die Stimmungslage des Gegenübers errechnen kann. Es wird in der Zukunft also möglich sein - ob wir Menschen das gut finden oder nicht -, dass Computer unsere Stimmungen erkennen können und entsprechend mit Emotionen reagieren werden. Wie lange mag es also noch dauern, bis wir uns mit einem computeranimierten Herrn Kaiser über unsere Vermögensanlage austauschen?

Druck auf Vermögensverwalter durch Digitalisierung und Regulierung wächst

Der Druck auf die unabhängigen Vermögensverwalter wird größer. Nicht nur durch die Digitalisierung, auch durch die Regulierung, steigende Komplexität in Beratung und in den Anlagemärkten sowie durch den fortschreitenden Verfall der Erträge. Es spricht vieles dafür, dass die Branche deutlich konsolidieren wird. Heute gibt es in Deutschland rund 800 unabhängige Vermögensverwalter, die häufig als Ein-Mann-Betrieb geführt werden. Wie viele davon die digitale Revolution überleben werden, ist schwer vorauszusagen.

Es wird sicherlich noch Zeit brauchen, bis die Digitalisierung die Branche voll erfasst. Auf lange Sicht müssen sich die unabhängigen Vermögensverwalter aber der Entwicklung anpassen und die technischen Impulse der FinTech-Unternehmen aufgreifen. Eine adäquate Beratung ganz ohne den Faktor Mensch kann ich mir zumindest mittelfristig nicht vorstellen. Aktuell scheint mir die Kombination aus Mensch und Maschine der erfolgversprechendste Beratungsansatz zu sein. Noch.

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