Mittwoch, 17. Juli 2019

Bankenfusion ohne Sinn und Verstand Wer "nationaler Champion" sagt, muss auch "Blutbad" sagen

Frankfurter Bankenviertel

Wenn es wirklich zur Fusion von Deutscher und Commerzbank kommt, wird das neue Gebilde mit dem Namen Olaf Scholz verbunden werden. Der Finanzminister mag sich noch in Understatement üben ("fairer Begleiter von privatwirtschaftlichen Diskussionen"), in Wahrheit aber sind er und sein Staatssekretär Jörg Kukies die Macher hinter dem Deal. Und offenbar gefällt Scholz sich in der Rolle, einen neuen "nationalen Champion" zu schmieden, so oft, wie er über dessen Vorzüge redet.

Doch allmählich werden die Sandkastenspiele ernst - und Scholz sollte sich ernsthaft fragen, ob er für die Konsequenzen wirklich einstehen will. Was die "Financial Times" von den Bankenaufsehern aus Bafin, EZB und Bundesbank gehört hat, ist erschütternd - nicht nur in der Wortwahl.

"Das wäre ein Blutbad", heißt es über die zum Gelingen der Fusion nötige Kostenkürzung - wohlgemerkt nicht im negativen Sinn. Vielmehr fordern die (natürlich anonymen) Aufseher von der Deutschen Bank "skrupellose Brutalität", damit die neue Großbank nicht zu viel Ballast mit sich herumschleppt.

Mit anderen Worten: Die staatlichen Instanzen, die zumindest im Fall der Bafin Scholz' Haus untergeordnet sind, wollen einen dramatischen Stellenabbau im Fall der Fusion - die Schätzungen von Analysten pendeln sich gerade bei 30.000 ein, es können auch 10.000 mehr oder weniger sein. Der SPD-Minister wendet sich direkt gegen die Gewerkschaft Verdi, die nun lauter opponiert.

Nun gut, auf Banker als Sympathieträger mag der Politiker verzichten können - auch wenn es Mitarbeiter in den Filialen sind. Ein guter Teil des Abbaus dürfte auch ohne Fusion unausweichlich sein.

Doch wo sind eigentlich die positiven Aspekte des "nationalen Champions"? Was wäre für die deutsche Wirtschaft jenseits der Bankangestellten gewonnen, wenn der Scholz-Plan durchkäme?


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Der Minister fabuliert von der Präsenz auf den Weltmärkten einer großen deutschen Bank, um die globalen Ambitionen der hiesigen Industrie zu begleiten - gerade in Zeiten, in denen man sich nicht mehr auf das Wohlwollen amerikanischer oder britischer Partner verlassen kann. Doch das ist eine hohle Phrase.

Die Deutsche Bank ist schon seit Jahrzehnten global präsent, und es hat weder ihr noch uns als Gemeinwesen gutgetan. Außerdem brauchen weltweit agierende Unternehmen nicht einen einzigen nationalen Champion als Begleiter, sondern vor allem eine Auswahl aus mehreren kompetenten Banken. Aus den Umschuldungen großer Mittelständler wie Schaeffler oder Merckle wissen wir, dass diese sich sicherheitshalber mit mehr als 50 Banken von der örtlichen Sparkasse bis zur Wall-Street-Boutique umgeben.

Den Wettbewerb vermissen dürften auch die privaten Bankkunden. Gerade deshalb finden Fusionsbefürworter unter Investoren und Bankenaufsicht das Blutbad ja so attraktiv: Deutschland gilt ihnen als "overbanked", vor allem wegen der vielen vom Gewinnzwang befreiten Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Die wird man so schnell nicht los, aber wenn sich wenigstens die Reihen der privaten Geschäftsbanken lichten, ließen sich womöglich die Margen steigern.

Das heißt aber auch: Höhere Gebühren, Provisionen und Kreditzinsen. Die Aussicht ist toll für Bankaktionäre, aber für die deutsche Volkswirtschaft ein verdammt schlechter Deal. Wir sollten es eher als Standortvorteil sehen, overbanked zu sein, und dafür gerne auf Dividenden an die Investoren verzichten.

Am wichtigsten für den Finanzminister jedoch sollte mit Blick auf die Erfahrung seit der Finanzkrise sein, die Gefahr eines für den Staat teuren Bankenkollaps zu senken. Zwei kleine, ausreichend kapitalisierte Banken (besser noch mehr, noch kleinere Banken mit noch mehr Kapital) sind in dieser Hinsicht deutlich besser als eine große.

Insgesamt macht das Vorhaben die deutsche Wirtschaft schwächer, nicht stärker.

Nichts dagegen, wenn die Regierung industriepolitisch aktiv wird und sich strategische Gedanken um führende deutsche Unternehmen macht - vor allem, wenn sie wie die Commerzbank ohnehin teilweise in ihrer Obhut sind. Aber ein bisschen durchdachter sollten die Ideen dann schon sein.

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