Donnerstag, 28. Mai 2020

Sigmar Gabriel als Aufseher für die Deutsche Bank Der Gewinner heißt Paul Achleitner

Sigmar Gabriel: Künftig Aufsichtsrat bei der Deutschen Bank
Michael Gottschalk/DPA
Sigmar Gabriel: Künftig Aufsichtsrat bei der Deutschen Bank

Die Deutsche Bank holt nach langer und zäher Suche Sigmar Gabriel in den Aufsichtsrat - ein Mitglied, das dem umstrittenen Ober-Kontrolleur Paul Achleitner nicht gefährlich werden kann.

Es ist eine Lösung, die unter großen Qualen zustande kam: "Wie bei einer Steißgeburt, die noch komplizierter ablief als sonst", kommentiert ein Insider die Entscheidung des Deutsche-Bank-Großaktionärs Katar, den ehemaligen Außen- und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (60) in den Aufsichtsrat des Instituts zu holen. Der einstige Vize-Kanzler, Mehrfach-Bundesminister und SPD-Parteichef wird Nachfolger von Jürg Zeltner (52), den die Bankenaufsicht in dieser Position nicht sehen wollte und dies bereits im Sommer vergangenen Jahres klar signalisiert hatte.

Jetzt also Sigmar Gabriel - nach langer und zäher Suche ist er die Kompromisslösung, mit der alle Beteiligten leben können, die Bankenaufseher, das Geldhaus selbst und vor allem die katarischen Großaktionäre. Deren langjähriger Gewährsmann im Aufsichtsrat, der Jurist Stefan Simon, wechselte vor etwa einem halben Jahr in die operative Führung der Bank.

Die Entscheidung für Gabriel hat vor allem aus der Perspektive von Aufsichtsratschef Paul Achleitner (63) Charme. Großaktionäre wie Katar erwägen seit längerem seine vorzeitige Ablösung. Der Ex-Politiker Gabriel kann ihm nicht gefährlich werden - wegen fehlender operativer Erfahrung im Bankgeschäft kommt Gabriel als Oberkontrolleur nicht in Frage. Von den neun anderen Aufsichtsräte der Kapitalseite kann niemand Achleitner wirklich Konkurrenz machen.

Erfahrungen in der Finanzbranche hat Gabriel zwar im Verwaltungsrat der staatlichen Förderbank KfW gesammelt, wo er als Wirtschaftsminister saß. Doch das reiche nicht, um mehr als ein einfaches Aufsichtsratsmitglied bei der Deutschen Bank zu sein, heißt es aus Finanzkreisen.

Drähte in die internationale Politik - aber kein Restrukturierer

Gabriel war zuletzt auch als Präsident des Verbands der deutschen Automobilindustrie im Gespräch. Doch am Ende entschied er sich dagegen.

Gabriel bringt aus seiner Zeit als Politiker und Minister gute Kontakte in die deutsche und internationale Politik mit. Er sitzt zudem der Atlantik-Brücke vor. Zur Lösung der Probleme der Deutschen Bank, die derzeit mitten in einem massiv Umbruch steckt, wird er dagegen wenig Neues beitragen können. Besondere Expertise in Themen wie Digitalisierung, Investmentbanking oder erfolgreiche Restrukturierungen kann er nicht vorweisen.

Bei den Gesprächen zwischen Achleitner, den Kataris und den Bankenaufsehern sind nach Angaben von Insidern, die mit der Sache vertraut sind, einige Vorschläge für die Zeltner-Nachfolge durchgefallen - darunter ein einst hochrangiger angelsächsischer Investmentbanker, der eine unrühmliche Rolle im Skandal um die Manipulation des Libor spielte, sowie ein Schweizer Banker. "Es war ein ziemlicher Eiertanz, die Vorstellungen der Kataris mit den Vorstellungen der übrigen, die hier mitgeredet haben, unter einen Hut zu bringen", heißt es aus dem Umfeld der Beteiligten.

Es habe daher bereits vor den informellen Gesprächen mit den Aufsehern ein vorsichtiges Abtasten gegeben, wer denn grünes Licht bekommen könnte. Denn eine Blamage wie bei Zeltner habe man vermeiden wollen. Bei dem einstigen UBS-Vorstand, der die von Katar kontrollierten Quintet Privatbank (ehemals KBL European Private Bankers) ist, waren die Vorarbeiten der Deutschen Bank nicht gründlich genug. Die Bankenaufsicht befürchtete bei Zeltner Interessenskonflikte. Als sich das Veto abzeichnete, hatte die Deutsche Bank ihn aber bereits ins Kontrollgremium berufen.

Der Eiertanz zeigt, wie schwer die Suche nach einem Achleitner-Nachfolger noch werden dürfte - der ideale Kandidat bring viel internationale Finanz-Erfahrung mit, hat eine tadellose Reputation, ist gut in der deutschen Politik verdrahtet, spricht Deutsch und ist bereit, sich den Job bei der chronisch in der Kritik stehenden Bank überhaupt anzutun.

Zumal für die Großaktionäre klar ist, dass sie nicht nur einen Kandidaten finden müssen, der all diese Kriterien erfüllen muss. Die Großaktionäre müssen sich untereinander informell einig sein, um Achleitner vorzeitig mit sanftem Druck von seinem vorzeitigen Amtsverzicht zu überzeugen. Denn gewählt ist Achleitner noch bis 2022.

Wenn die Großaktionäre seine Ablösung genauso dilettantisch vorbereiten wie die Suche nach einem Ersatz für Stefan Simon, dann steht der Deutschen Bank die nächste Seifenoper ins Haus.

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