Sonntag, 21. April 2019

Ex-Bankchef im Gerichtssaal Ackermann - "Ich schäme mich für die Rechtstaatlichkeit Deutschlands"

Josef Ackermann im Münchener Landgericht: Dass Deutschland das einzige Land sei, in dem diejenigen, die Werte schaffen, deswegen vor Gericht gestellt werden, hatte der Ex-Chef der Deutschen Bank schon früher kundgetan. Nun legt der Ex-Banker mit einer neuen Gerichtschelte nach

Seit 20 Verhandlungstagen sitzt Josef Ackermann nun schon im Betrugsprozess gegen ihn und vier weitere Deutsch-Banker in München auf der Anklagebank. 19 Tage lang hat er sich zurückgehalten: Meist hat er geschwiegen, im Gerichtssaal wie außerhalb, hatte allenfalls mal den Richter des Oberlandesgerichts kritisiert, der die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen im Zivilstreit Ende 2012 zu Schadensersatz verurteilt hatte.

Als jedoch heute nachmittag Staatsanwalt Florian Opper begann, weitere Beweisanträge über insgesamt 90 Seiten zu verlesen, da verlor der frühere Deutsche-Bank-Chef seine Contenance.

Nachdem Opper eine Stunde leicht leiernd vorgetragen hatte, setzte Noll 15 Minuten Pause an, bevor mit Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner abermals ein weiterer prominenter Zeuge auftreten sollte.

Ackermann lief los Richtung Tür, doch vor der voll besetzten Journalistenbank hielt er inne: Und sprach, zu SPIEGEL-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen gewandt, einen einzigen Satz: "Ich schäme mich für die Rechtstaatlichkeit Deutschlands." Dann verließ er den Saal.

Eine beabsichtigte Einlassung oder doch eine spontane Entgleisung? Dass der - für mehrere Journalisten - gut hörbar geäußerte Satz komplett untergeht, damit durfte Ackermann jedenfalls sicher nicht rechnen.

Victory-Zeichen, dann Gerichtschelte: Ackermann hat nichts dazu gelernt

So liegt der Schluss nahe: Dem Schweizer, der die Deutsche Bank über ein Jahrzehnt geführt hat, mangelt es nach wie vor an Respekt vor der deutschen Justiz. Man könnte auch sagen, er hat wenig dazu gelernt. Nach wie vor steht sein "Victory"-Zeichen im Mannesmann-Prozess Anfang 2004 als Symbol für die Arroganz und Abgehobenheit der Banker - wiewohl der Konzernchef seine gespreizten Finger weiland nur als Persiflage auf Michael Jackson einsetzen wollte. Damals empörte Ackermann die Republik zusätzlich mit seinem Ausspruch: "Dies ist das einzige Land, in dem diejenigen, die Erfolg haben und Werte schaffen, deswegen vor Gericht gestellt werden."

Seit einigen Jahren stellt sich allerdings heraus, dass Ackermanns Deutsche Bank keinesfalls nur Werte schuf, sondern in die meisten Rechtsverstöße der internationalen Investmentbanken - oft mit an vorderster Front - verwickelt war. Seit Jahren bekommt die Bank dafür immer neue, milliardenschwere Strafzahlungen aufgebrummt. Aus Sicht der leidgeprüften Aktionäre hat Ackermann keine Werte geschaffen, sondern Werte vernichtet.

Trotz Ackermanns Entgleisung: Für die Angeklagten sieht es gut aus

Im Prozess in München immerhin sieht es nach 20 Verhandlungstagen für die Angeklagten rund um Ackermann, seinen Vorgänger Rolf Breuer und seinen Nachfolger Jürgen Fitschen ziemlich gut aus. Sie haben sich des Vorwurfs zu erwehren, sie hätten im Schadensersatzprozess des verstorbenen Medienunternehmers Leo Kirch und seiner Erben gegen die Deutsche Bank gelogen, um eine Verurteilung abzuwenden.

Die Staatsanwälte stemmen sich mit aller Gewalt gegen die drohende Niederlage und benennen Zeugen um Zeugen - was ihnen von der Verteidigung den Vorwurf der Prozessverschleppung eintrug. Auch Richter Noll wirkt vom Vorgehen der Ankläger zusehends ermüdet. Trotzdem kommt er kaum darum herum, die beantragten Zeugen zu bestellen, da er sein Urteil revisionsfest machen will. So hat Noll kürzlich nochmals neue Termine bis 12. Januar angesetzt.

Der Erkenntnisgewinn hielt sich indes auch am heutigen Prozesstag in Grenzen, an dem Verlegerwitwe Friede Springer und Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner über ihre Geschäftsbeziehungen zum verstorbenen Medienmogul Leo Kirch Auskunft gaben.

Anmerkung der Redaktion: Nach dem Kommentar Angela Maiers thematisierten auch andere Medien die Einschätzung Ackermanns. Der FAZ-Rechtsexperte Joachim Jahn etwa teilt die Einschätzung des Schweizers zum Verlauf des Prozesses in München, wie er auf Twitter in Reaktion auf unseren Kommentar auf manager-magazin.de kundtat:

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