Fotostrecke

Banker als "Slumlords": Wie die USA Großbanken rannehmen

Foto: Getty Images
Arvid Kaiser

Deutsche Bank riskiert Vergleich mit USA John Cryans gefährliche Provokation

Eine erholte Rückkehr aus dem Sommerurlaub wünsche er allen Kollegen bei der Deutschen Bank. Er selbst habe mit seiner Frau ein wunderbares Konzert der Berliner Philharmoniker mit Werken von Gustav Mahler und Pierre Boulez genossen, schrieb John Cryan. Für entrückt konnte man diese Einlassungen auch damals, am Montag, halten - oder für ein konstruktives Bemühen um die Rückkehr zur Normalität. Aber seit Donnerstagabend stammen sie definitiv aus einer anderen Welt.

Der besonnene, sachliche Manager, der alle Probleme nacheinander einer Lösung zuführt, hat plötzlich ein anderes Gesicht bekommen. Trotzig und provokant weist er die 14-Milliarden-Dollar-Forderung des US-Justizministeriums (DOJ) wegen des Anteils der Deutschen Bank  an der Finanzkrise zurück.

"Auf keinen Fall" werde die Bank "auch nur annähernd der genannten Zahl" zustimmen, heißt es in ihrer Mitteilung.

Wer kann sich noch ohne Gesichtsverlust einigen?

Führt man auf diese Art eine Verhandlung zu einem guten Ergebnis? Natürlich verlangt das DOJ im ersten Vorschlag viel, und die Deutsche Bank will weniger zahlen. Hinter verschlossenen Türen könnte man pokern und sich schließlich gütlich einigen. Diese Aussicht, die doch schon so nah schien, hat die Frankfurter Seite mit ihrer scharfen Replik jetzt mutwillig aufs Spiel gesetzt.

Dass die Zahl 14 Milliarden im "Wall Street Journal" auftauchte, hat die Position der Deutschen schon erheblich geschwächt. Allenfalls mit ein paar Milliarden weniger als Ergebnis hätten die Verhandler sich noch ohne Gesichtsverlust präsentieren können.

Nach der Antwort aus Frankfurt jedoch ist noch schwerer vorstellbar, wie ein Kompromiss aussehen könnte. Die Ansprüche der Gegenseite öffentlich zu attackieren, das ist in dieser Situation mindestens unvorsichtig, wahrscheinlich aber gefährlich.

Cryans Leute stellen die Amerikaner als unverschämt dar. Und ungerecht - so wird das Verlangen nach einer niedrigen Strafe zu einer moralischen Prinzipienfrage erhoben, die ebenfalls keine Bewegung mehr zulässt. Die Deutsche Bank erwarte "ein Verhandlungsergebnis, das im Bereich ihrer Wettbewerber liegt".

Eher eine Antiamerikanische Bank?

Fotostrecke

Die nächste historische US-Strafe: Die Deutsche Bank zahlt und zahlt und ...

Foto: Pablo Martinez Monsivais/ AP

Klar, JPMorgan Chase  und Bank of America  haben Vergleiche von 13 bis 17 Milliarden Dollar abgeschlossen (und verkraftet). Aber das sind ja auch Großbanken, die selbst am amerikanischen Immobilienmarkt aktiv sind, die toxischen Kreditrisiken also in Umlauf gebracht haben.

Der bessere Vergleich für die Deutsche Bank wäre Goldman Sachs . Beide Investmentbanken haben sich hauptsächlich als Verteiler der Risiken über Kreditderivate betätigt.

Moralisch und hinsichtlich der wirtschaftlichen Verantwortung mögen die "I'm short your house"-Händlertruppen kaum besser dastehen als die unbedarften Hypothekenverkäufer. Juristisch aber schon: Goldman verglich sich im April für fünf Milliarden Dollar mit dem Justizministerium, wobei die tatsächlich zu zahlende Summe deutlich geringer ausfällt. Die eigentliche Zivilstrafe belief sich auf 2,385 Milliarden Dollar. Dafür müsste die Deutsche Bank wohl noch nicht einmal ihre Rückstellungen erhöhen.

Ein Deal wie der von Goldman, der dem Vernehmen nach mit einer Anfangsforderung des DOJ in vergleichbarer Höhe wie jetzt bei der Deutschen Bank eingeleitet wurde, wäre allemal möglich. Oder jedenfalls war er das, bis zu diesem Donnerstag (zufällig der achte Jahrestag der Lehman-Brothers-Pleite).

Das größte Versprechen John Cryans steht auf der Kippe

Stattdessen wird nun im Umfeld der Bank gestichelt, die Washingtoner Ministerialen würden gezielt die europäische Konkurrenz jagen. Die 14-Milliarden-Forderung wird als Retourkutsche für den ähnlich hohen Steueranspruch der EU gegen Apple  interpretiert. Eine steile These, die beim Thema Iran-Sanktionen besser gepasst hätte als zu den Hypothekenstrafen, die bislang fast nur US-Banken aufgebrummt wurden.

Cryan hätte die ideale Besetzung für den von Altlasten befreiten Neuanfang sein können, als Amerika- und Deutschland-Versteher, der zugleich frei von Wall-Street-Nostalgie ist. Der Engländer besitzt ein Haus mit Blick auf die Marineakademie Annapolis in Maryland. Ein Mann, um die Deutsche Bank zu führen, nicht eine Antiamerikanische Bank.

In dieser neuen vergifteten Atmosphäre steigt die Gefahr, dass die Deutsche Bank tatsächlich am Ende eine Existenz gefährdende 14-Milliarden-Strafe zu Gesicht bekommen wird. Zumindest müsste viel Zeit und Goodwill investiert werden, um die Kluft wieder zu schließen. "Die Verhandlungen stehen erst am Anfang", heißt es jetzt von der Bank.

Zuvor hatte Cryan noch das Ziel ausgegeben, die wesentlichen Rechtsrisiken 2016 zu klären - das Signal der Bereitschaft für Kompromisse und Lösungen war die größte Hoffnung für die Aktionäre der Deutschen Bank. Jetzt brauchen sie eine neue.

manager-magazin.de / Wochit


Alle relevanten News des Tages gratis auf Ihr Smartphone. Sichern Sie sich jetzt die neue kostenlose App von manager-magazin.de. Für Apple-Geräte hier  und für Android-Geräte hier . Viel Vergnügen bei der Lektüre!

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.