Mittwoch, 18. September 2019

Deutsche-Bank-Chef schreibt Mitarbeitern John Cryan auf Konfrontation zum Aufsichtsratschef

Denkt nicht ans Aufhören: Deutsche-bank-Chef John Cryan

Der Chef der Deutschen Bank hat sich in der Diskussion um die Führung der Bank mit einer kämpferischen Botschaft an die Belegschaft gewandt. Darin beteuert John Cryan, an der Spitze von Deutschlands größtem Geldhaus zu bleiben.

Deutsche-Bank-Chef John Cryan geht auf Konfrontationskurs zu Aufsichtsratschef Paul Achleitner. "Ich möchte Ihnen versichern, dass ich mich weiterhin mit all meiner Kraft für die Bank einsetze und gemeinsam mit Ihnen den Weg weiter gehen möchte, den wir vor rund drei Jahren angetreten haben", schrieb Cryan am Mittwoch an die Mitarbeiter von Deutschlands größtem Geldhaus. Anfang der Woche war bekannt geworden, dass Achleitner einen Nachfolger für den 57 Jahre alten Briten zu sucht. Cryans Vertrag läuft noch bis 2020. Normalerweise versucht ein Aufsichtsratschef eine Einigung mit dem amtierenden Vorstandschef herzustellen, wenn er diesen frühzeitig ablösen will.

Mit einem leichten Seitenhieb auf Achleitner widersprach Cryan Berichten, dass es einen Grundsatzstreit über die Strategie gebe. "Leider geht es rund um unsere Bank alles andere als ruhig zu - einmal mehr sind wir in den Schlagzeilen (...) Die Zahlen sind noch nicht da, wo wir alle sie uns wünschen. Auch wenn es unter diesen Bedingungen leichter gesagt als getan ist: Wir müssen uns weiter darauf konzentrieren, unsere mit dem Aufsichtsrat abgestimmte Strategie umzusetzen. Hier gibt es keinen Dissens."

Cryan, der 2015 als Nachfolger von Anshu Jain angetreten war, um die Deutsche Bank aus der Krise zu holen, hat in den vergangenen Monaten auf seinem Sanierungskurs mehrere Rückschläge hinnehmen müssen. 2017 meldete die Deutsche Bank vor allem wegen der US-Steuerreform das dritte Verlustjahr in Folge. Doch auch das operative Geschäft im Anleihehandel und im Investmentbanking läuft nach wie vor alles andere als rund.

Cryan spricht von "ausgezeichneten Fortschritten"

Cryan verteidigte seinen Kurs. Die Bank komme voran. "Wir müssen die ausgezeichneten Fortschritte, die wir in so vielen Bereichen machen, besser zum Vorschein bringen", schrieb er den Mitarbeitern. Als Beispiel führte er den Börsengang der Vermögensverwaltungstochter DWS in der vergangenen Woche an. "Wir liegen gut auf Kurs und dürfen uns nicht aus der Bahn werfen lassen."

Nach den Korrekturen werde die Bank wieder mehr Zeit und Ressourcen nutzen können, um Neugeschäft aufzubauen und das bestehende Geschäft effizienter zu machen. Künftig werde der Fokus der Bank wieder mehr auf Wachstum liegen und darauf, attraktive Renditen für die Aktionäre zu erzielen. "Es gibt keinen besseren Weg, um ungewollte Schlagzeilen zu vermeiden. Und ich werde all meine Kraft dafür einsetzen, dass wir das erreichen."

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Zur Suche nach mehr Effizienz gehört offenbar auch die Überprüfung des kriselnden Investmentbankings. Wie Reuters am Mittwoch von einer mit den Plänen vertrauten Person erfuhr, sollen an Ende dieses umfassenden Checks Empfehlungen an den Vorstand stehen, die theoretisch auch weitere Stellenstreichungen und den Rückzug aus oder die Stärkung von speziellen Aktivitäten beinhalten könnten. Überprüft wird nach Angaben des Insiders bei dem sogenannten "Project Colombo" vor allem der Handel mit Anleihen, Aktien, Devisen und Rohstoffen - insbesondere in den USA, aber nicht ausschließlich dort. Die Bank wollte die Informationen nicht kommentieren.

Investmentbanking steht offenbar auf dem Prüfstand

Die Sparte Investmentbanking der Deutschen Bank war in den vergangenen Jahren nach der Finanzkrise kräftig gestutzt worden, unter anderem weil die Kosten zu hoch waren und sich die Bank aus einer Reihe von Geschäften verabschiedet hat. Der Bereich steht zwar immer noch für einen Großteil der Erträge, kostet wegen der hohen Boni für die Investmentbanker allerdings auch viel Geld. Zuletzt hatte Finanzchef James von Moltke davor gewarnt, dass der starke Euro die Gewinne der Investmentbank im ersten Quartal deutlich belastet hat.

Wie lange die Prüfung dauern soll und wie die am Dienstag bekannt gewordene Suche nach einem neuen Chef für die Bank das Projekt beeinflusst, ist unklar. Marcus Schenck, der zusammen mit Garth Ritchie die Investmentbank der Deutschen Bank leitet, gilt als ein möglicher Kandidat für die Nachfolge von Cryan.

Das Investmentbanking steht im Zentrum der Debatte um die Ausrichtung der gesamten Bank. Ex-Goldman-Sachs-Partner Achleitner und einflussreiche Aktionäre wie das Emirat Katar wollen die Sparte eher gestärkt sehen. Andere Stimmen in der Bank kritisieren die hohen Boni für die dort tätigen Händler und Investmentexperten, bei gleichzeitig sinkenden Erträgen und Marktanteilsverlusten. Cryan schreibt in seinem Brief, es sei "meine persönliche Aufgabe, die oft gegensätzlichen Ansprüche der vielzähligen Interessensgruppen auszubalancieren".

Alleine für das vergangene Jahr bekamen die etwa 17.000 Beschäftigten der Sparte einen Gutteil der insgesamt 2,3 Milliarden Euro, die die Bank insgesamt an variabler Vergütung an ihre rund 98.000 Mitarbeiter auszahlte. Das Geld gilt auch als eine Art Halteprämie, damit wichtige Händler und andere Spezialisten nicht zur Konkurrenz wechseln.

Rei/Reuters

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