Group Management Committee der Deutschen Bank Die erstaunliche Wiederkehr der Wall-Street-Heroen

Lehman-Szene: Ein Mann mit Karton verlässt die Deutsche Bank in der Londoner City

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Drei Abgänge - und drei neue Vorstände: So baut die Deutsche Bank ihre Führung um

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Auf den ersten Blick ist der Fall klar: Die Deutsche Bank begräbt ihre globalen Ambitionen. Der Kahlschlag von 18.000 Stellen trifft vor allem die Investmentbanker in Übersee - viele von Tokio bis London mussten gleich Montag früh ihre Büros räumen. Überbleiben soll im Kern eine deutsche Bank, die sich in erster Linie an den Bedürfnissen hiesiger Unternehmen orientiert. Im künftigen Vorstand sitzen sieben Deutsche neben einem Briten und einer Amerikanerin, mehrheitlich seit über 20 Jahren im Konzern.

Als der heutige Chef Christian Sewing (49) 2015 in das Gremium einzog, ging es noch deutlich bunter und polyglotter zu. Vor allem war der Vorstand damals nur Teil des großen Group Executive Committee (GEC) mit Namen wie Colin Fan, Alan Cloete, Michele Faissola oder Nadine Faruque - bis Sewings Vorgänger John Cryan die weltumspannende Führung im Namen einer "besser kontrollierten, kosteneffizienteren und stärker fokussierten Bank" kurzerhand einsparte.

Das GEC, 2002 unter Josef Ackermann eingeführt, galt zeitweise als heimliches Machtzentrum und passte nicht mehr in die Zeit.

Doch halt: Die Ironie der Geschichte will, dass im nächsten Umbau der Bank - mit ähnlichen Zielen und ähnlichem Ton verkündet wie 2015 - genau so ein Gremium wieder eingeführt wird, nur mit leicht verändertem Namen: das Group Management Committee, dem zusätzlich zum neunköpfigen Vorstand neun Leiter der Geschäftsbereiche angehören sollen. Der Abbau zehntausender Jobs und hunderter Milliarden Euro Bilanzposten war allgemein erwartet worden; die Wiederkehr des Schattenkabinetts nicht. Anleger reagierten verunsichert: Die Aktie der Deutschen Bank  gab am Montag im späten Handel deutlich nach.

In einem Brief an die Beschäftigten begründet Christian Sewing die neue, alte Struktur damit, dass "wir die operativen Leiter der Geschäftsbereiche ganz bewusst von den Vorstandsaufgaben entbinden, die viel Zeit und Aufmerksamkeit erfordern". Stattdessen sollten sie "wie Unternehmer innerhalb unserer Bank arbeiten können". Die Spartenchefs verschwinden völlig aus dem eigentlichen Vorstand, der nur noch für zentrale Aufgaben wie Recht, IT oder Verwaltung zuständig ist - und die Regionen, jedenfalls zwei davon: Amerika und Asien.

Enron, Anshu Jain, Bankers Trust - die Referenzen der neuen Führung

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Drei Abgänge - und drei neue Vorstände: So baut die Deutsche Bank ihre Führung um

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Für eine starke Rolle des Group Management Committee spricht vor allem die Berufung von Stefan Hoops (39), einem der großen Aufsteiger der Deutschen Bank unter Sewing - und von diesem auf der jüngsten Hauptversammlung im Mai hervorgehoben, weil er als Leiter des Transaktionsgeschäfts das "Herzstück" der Bank stärke. Jetzt bekommt Hoops, 2003 aus dem Studium in Bayreuth zur Bank gekommen, die Verantwortung für die wichtigste Sparte "Unternehmensbank", die aus allen Geschäften für Firmenkunden zusammengelegt wird.

Damit verliert die bisherige Privat- und Geschäftskundenbank an Gewicht. Vor allem auf dem deutschen Markt gibt es mit der Zusammenlegung von Postbank und "blauer" Privatkundenbank aber noch viel zu tun - und dafür wurde mit Ex-Allianz-Deutschlandchef Manfred Knof (53) eigens ein neuer Manager angeworben.

Auch Asoka Wöhrmann (54), als neuer Chef der an die Börse gebrachten Geldanlagegesellschaft DWS künftig auch im Vorstand der Konzernmutter, passt ins Bild von der Rückkehr zu den Wurzeln. Wöhrmann ist sogar westfälisch-bodenständig in Herford aufgewachsen, im selben Kreis wie Bankchef Sewing.

Überraschender sind da schon die übrigen zwei Drittel des Komitees: Darin lebt die alte Ambition der Deutschen Bank, den Wall-Street-Größen Konkurrenz zu machen, weiter. Einige der Dealmaker, deren frühere Mitstreiter jetzt zu Tausenden ihre Kartons packen, dürfen sich zugleich als Aufsteiger fühlen.

In der Investmentbank, die bei allem Abbau ja auch noch irgendwie geführt werden muss, liegt das nahe. Als Co-Chefs rücken Mark Fedorcik, bisheriger Amerika-Chef der Sparte, zuvor Leiter der Anleiheemissionen (eine der verbliebenen Stärken der Deutschen Bank) und seit der Übernahme von Bankers Trust 1995 im Konzern, sowie Ram Nayak vor. Nayak wurde von Anshu Jain, der langjährigen Leitfigur der Deutsche-Investmentbanker, bei der Credit Suisse abgeworben und kümmerte sich dann für die Deutsche Bank darum, Kreditforderungen zu strukturieren - also weg vom einfachen, traditionellen Kreditgeschäft.

Investmentbanker an der Spitze der neuen Abbaubank

Zwei weitere Investmentbanker haben weniger rühmliche Posten an der Spitze der neuen Abbaubank. Ashley Wilson soll vor allem den aufgegebenen Aktienhandel verwerten. Unter Cryan war Wilson, erst kurz zuvor bei Barclays abgeworben, mit Expansion gegen den Trend aufgefallen. Während bankweit damals schon 9000 Jobs gestrichen wurden, stellte er ausgerechnet im kapitalintensiven Geschäft mit Hedgefonds viele neue Banker ein - und brüstete sich sogar noch, sein Team fühle sich nicht durch Bilanzsorgen eingeschränkt. Das dürfte jetzt anders sein.

Co-Leiterin der neuen Bad Bank ("Capital Release Unit") wird Louise Kitchen. Die Engländerin wurde 2005 von UBS geholt, nachdem die Schweizer das Handelsteam des in einem riesigen Bilanzskandal kollabierten US-Energiekonzerns Enron übernommen hatten. Kitchen selbst, die in jungen Jahren als Erfinderin der Plattform Enron Online galt, hatte kurz vor der Pleite noch eine der höchsten Abfindungen erhalten.

Fabrizio Campelli (45) galt als Chef der Vermögensverwaltung für reiche Privatkunden schon einige Male als Mann für höhere Weihen - allerdings schaffte die Deutsche Bank es nie so recht, in diesem ebenso lukrativen wie risikoarmen Geschäft an die Weltspitze zu stoßen. Exponiert war der Italiener auch als Strategiechef, bis seine interne Denkfabrik aufgelöst wurde. Dass seine Karriere mal von Josef Ackermann, mal von Anshu Jain (gemeinsam mit der künftigen Vorständin Christiana Riley, beide von McKinsey gekommen, arbeitete Campelli dessen Strategie aus) gefördert wurde, blieb kein Makel. Jetzt rückt er zum zweiten Mal in die erweiterte Führung vor.

Die erstaunlichste Karriere von allen aber hat wohl Ashok Aram hingelegt. Der Inder stieß schon 1995, nach Studium in Japan, zur Deutschen Bank. Mit Stationen in Tokio, Singapur, Frankfurt, New York, London und Dubai war er unter anderem an asiatischen Telekom-Deals oder strukturierten Krediten beteiligt - und zu Anfang auch im Team, das die Übernahme von Bankers Trust vorbereitete, mit dem das Wall-Street-Abenteuer der Bank erst so richtig begann. Künftig leitet Aram das Privatkundengeschäft außerhalb Deutschlands, und wie bisher die Region Europa-Nahost-Afrika, die entgegen Sewings Logik wohl keinen Platz im Vorstand hatte.

Nun hängt es von Sewings Führung ab: ob das Group Management Committee als Trostpreis für Manager der zweiten Reihe ausgefüllt wird, oder als Machtzentrum wie sein historischer Vorläufer.

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