Samstag, 20. Juli 2019

Geplatzte Fusion von Deutscher und Commerzbank Die Emanzipation des Christian Sewing

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing (links) und sein Aufsichtsratsvorsitzender Paul Achleitner
Thomas Lohnes/ Getty Images
Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing (links) und sein Aufsichtsratsvorsitzender Paul Achleitner

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing hat der Fusion mit der Commerzbank eine Absage erteilt und damit auch der von seinem Aufsichtsratsvorsitzenden favorisierten Lösung. Es eröffnet ihm die Chance, sich von weiteren Ansprüchen des Oberkontrolleurs loszusagen, um das Institut aus der Krise zu führen.

Die andere Seite hat es geahnt: Je länger Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing die Fusion prüfe, desto wahrscheinlicher eine Absage, mutmaßte ein hochrangiger Commerzbank-Manager bereits vor einigen Wochen. Und so ist es jetzt auch gekommen. Sewing, seit einem Jahr an der Spitze der Frankfurter Großbank, hat sich gegen den Zusammenschluss und damit gegen die von seinem Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Achleitner favorisierte Lösung entschieden.

Sewing emanzipiert sich damit von dem Oberkontrolleur, der ihn im April vergangenen Jahres in den Chefsessel hievte. Das ist gut so. Es braucht jetzt aber noch mehr solcher Schritte, um das Institut aus der Krise zu bringen. Sewing muss auch alle anderen Beschränkungen und Denkverbote abschütteln, an denen Achleitner gerne festhalten würde, die den Abwärtstrend der Bank aber nicht aufhalten können, geschweige denn umkehren.


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In der Debatte um eine Fusion mit dem Konkurrenten Commerzbank gab von vornherein deutlich mehr Argumente dagegen als dafür. Schließlich hätte eine Ehe mit der Commerzbank die Deutsche Bank auf Jahre lahmgelegt, während sich die Konkurrenz ungestört weiter für die Zukunft rüsten und den deutschen Konkurrenten Marktanteile hätte abnehmen können. Die grundsätzlichen Probleme - wie etwa die künftige Ausrichtung und Größe des Investmentbankgeschäfts - wären dagegen ungelöst geblieben. Sewing begründet seine Absagen jetzt mit der enormen Komplexität eines solchen Projekts, hohen Kosten und Risiken.

Er musste dieses Mega-Projekt aber ganz genau prüfen, weil nicht nur sein Aufsichtsratschef, sondern auch gewichtige andere Akteure energisch dafür warben - allen voran das Bundesfinanzministerium. Und der Deutsche-Bank-Großaktionär Cerberus hatte sich ebenfalls nach und nach damit angefreundet. Um diese Idee zu beerdigen, brauchte der Deutsche-Bank-Chef daher nicht nur eine Reihe guter Argumente, sondern musste das Szenario auch detailliert durchrechnen lassen.

Kein hübscher Abgang für Achleitner

Aufsichtsratschef Achleitner hätte eine solcher Zusammenschluss möglicherweise zu einem Abgang mit einer deutlich positiveren Note als bisher verholfen. Die Eröffnungsbilanz des fusionierten Instituts könnte von seinen bisherigen Fehlern ablenken. Doch daraus wird nichts. Sewing wird ihm diesen Gefallen nicht tun.

Das eröffnet ihm jetzt die Möglichkeit, auch andere Ansprüche Achleitners abzuschütteln, die ihn derzeit darin einschränken, der Bank ein neues, ein funktionierendes Geschäftsmodell zu verpassen. So pocht Achleitner darauf, dass die Deutsche Bank auch weiterhin "international der führende nicht-amerikanische Player" sein und damit im internationalen Investmentbanking ordentlich mitmischen sollte.

Das kann sich das Frankfurter Geldhaus eigentlich nicht mehr leisten. Und auch die Aufsichtsbehörden drängen schon länger darauf, dass die Deutsche Bank ihr Investmentbanking zurechtschrumpft. Sewing hat also inzwischen eine ganze Reihe von Argumenten, um endlich zu Tat zu schreiten und deutlich mehr als ein paar kosmetische Eingriffe im Investmentbankgeschäft vorzunehmen - zumal sich auch noch die Konjunktur verdüstert.

Mit seinem Nein zur Fusion hat Sewing nicht nur die Emanzipation von Achleitner eingeleitet, er hat sich auch selbst unter Druck gesetzt. Er muss jetzt entweder einen glaubwürdigen Alternativplan vorlegen oder durch schnelle Resultate deutlich machen, dass sein ursprünglicher Plan, sich aus eigener Kraft aus der Krise zu befreien, doch funktioniert.

Dieser sieht bis zum Jahresende eine Eigenkapitalrendite von vier Prozent vor. Selbst die Optimisten unter den Analysten glauben derzeit nicht daran. Sewing selbst hat dieses Ziel noch nicht kassiert, sondern nur bei der Vorstellung der Jahreszahlen im Februar angedeutet, den Sparkurs im Zweifelsfall zu verschärfen. Bank-Mitarbeiter, die angesichts der abgesagten Fusion mit der Commerzbank möglicherweise davon ausgehen, dass es jetzt doch keinen größeren Jobabbau geben wird, könnten sich irren.

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