Donnerstag, 19. September 2019

Deutsche Bank warnt vor "Brexit" Jains leere Drohung vom Abzug aus London

Machtzentrum des Konzerns, aber entbehrlich: Gebäude der Deutschen Bank in London
Deutsche Bank
Machtzentrum des Konzerns, aber entbehrlich: Gebäude der Deutschen Bank in London

Man könnte meinen, aus der Strategiedebatte der Deutschen Bank sei der Standort London stärker denn je hervorgegangen - als unangefochtenes Machtzentrum des Konzerns. Dort hat Co-Chef Anshu Jain seine Basis, der auf der Hauptversammlung am Donnerstag zwar mit heftiger Kritik rechnen muss, aber zumindest nicht vor Gericht steht wie sein Kollege Jürgen Fitschen. Der Rückzug des Privatkundenvorstands Rainer Neske ist auch das Eingeständnis der Niederlage der Frankfurter Traditionalisten gegen die Londoner Kapitalmarktjongleure.

Und dann das: Eine Arbeitsgruppe der Bank, die an den Vorstand berichtet, prüft ein Planspiel für den Fall, dass Großbritannien aus der EU austritt ("Brexit"). Das Szenario läuft wohl darauf hinaus, dass ein Großteil des Londoner Betriebs nach Deutschland verlegt würde, berichtet die "Financial Times" (€).

Demnach ist die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen die erste Größe der City, die einen solchen Notfallplan ausarbeitet. Gedanken machen sich aber alle, spätestens seit dem überraschend klaren Wahlsieg der Konservativen, die ein Brexit-Referendum bis spätestens 2017 versprochen haben. Manager von US-Banken sehen laut "FT" im irischen Dublin eine Alternative für ihr Europa-Geschäft.

Die Zeitung sieht in dem Vorstoß einen Versuch der Meinungsmache gegen den Brexit, vergleichbar mit den Stellungnahmen der Finanzindustrie zur Abstimmung der Schotten über eine Unabhängigkeit im vergangenen Jahr - damals ebenfalls mit der Umzugsdrohung, allerdings in Richtung London.

Die Drohung stärkt eher die Brexit-Befürworter

In den "FT"-Kommentarspalten zeigt sich jedoch die gegenteilige Wirkung: Leser zeigen sich empört über die Einmischung eines Konzerns vom Kontinent (auf Geheiß von Kanzlerin Angela Merkel, wie gemutmaßt wird) in britische Angelegenheiten. Außerdem stellen sie infrage, ob die Deutsche Bank ohne die Präsenz in der City, immerhin der führende Finanzplatz Europas und in mancher Hinsicht auch weltweit, so gut klarkäme wie die City ohne die Deutsche Bank.

Tatsächlich wäre ein Verlust des Rechts zum grenzüberschreitenden Handel in ganz Europa ohne separate Registrierung ein Desaster für die Londoner Finanzindustrie. Fraglich ist jedoch, ob es selbst im Fall eines Brexit soweit käme - Großbritannien zielt eher auf eine lockerere Verbindung mit der EU, vergleichbar mit Norwegen, das als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums den Großteil der EU-Regeln übernommen hat - und zum Beispiel über den Schengen-Raum in mancher Hinsicht enger mit dem Kontinent verbunden ist als EU-Mitglied Großbritannien.

Vor einem Referendum stünden ziemlich sicher Verhandlungen über den Status des Landes innerhalb der Union - die Brüsseler Kommission hat das bereits kurz nach der Wahl angeboten. Und unter der Bedingung weiterer Zugeständnisse (vor allem zum Vorteil der City) gibt es kaum noch Umfragen, die eine Mehrheit für den Brexit anzeigen.

Dann behielte die Deutsche Bank Recht, ohne sich an die Mühen eines Umzugs zu wagen. Man könnte aber auch sagen, sie hätte jetzt viel Lärm um nichts gemacht.

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