Freitag, 19. April 2019

Commerzbank/Deutsche Bank Die vier Hürden, die Deutsche Bank und Commerzbank nehmen müssen, damit die Fusion zum Ziel führt

Die Distanz ist größer als es scheint: Deutsche Bank und Commerzbank in Frankfurt

Den ganz großen Wurf, wie sich die Probleme von Europas Banken lösen lassen, haben Analysten der Deutschen Bank Mitte vergangene Woche in einer Studie skizziert. Institute müssten fusionieren und Politiker die Bankenunion vollenden sowie eine ambitioniertere Kapitalmarktunion auf die Beine stellen, fordern die Branchenexperten in dem knapp 30-seitigen Papier, für das Deutsche-Bank-Chefvolkswirt David Folkerts-Landau die Einleitung geschrieben hat.

Den ersten Schritt dieses Rezepts geht die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigen jetzt an. Der Vorstand des Geldhauses hat am Sonntag entschieden, offizielle Gespräche über einen Zusammenschluss mit der Commerzbank zu führen. Ein enttäuschender Start in das Jahr 2019 soll zu diesen Schritt beigetragen haben, denn damit sinken die Chancen, dass die Bank aus eigener Kraft in absehbarer Zeit auf eine auskömmliche Rendite kommt.

Damit die Fusion zu dem großen Wurf wird, bei dem die beiden angeschlagenen Institute ihre Probleme abschütteln und die Basis für eine zukunftsfeste Strategie legen, müssen die Beteiligten vier Hürden überwinden. Angesichts der dürftigen Erfolgsbilanz der Beteiligten, sobald es um Fusionen geht, erscheint das ähnlich wahrscheinlich wie ein erfolgreicher Brexit.

1. Widerstand beim Jobabbau überwinden

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing hat Vorbedingungen für die Aufnahme offizieller Fusionsgespräche gestellt - allen voran: Die Bundesregierung, die mit 15 Prozent an der Commerzbank Börsen-Chart zeigen beteiligt ist und seit Monaten von einem nationalen Banking Champion schwärmt, dürfe sich nicht dem notwendigen Jobabbau in den Weg stellen und eine zügige Umsetzung des Zusammenschlusses verhindern. Diese Zusage soll Sewing Ende der Woche bekommen haben.

Zum einen stellt sich die Frage, wie viel eine solche informelle Zusicherung wert ist. Selbst wenn Bundesfinanzminister Olaf Scholz, eine der wichtigsten Geburtshelfer dieses Projekts, sich in der Öffentlichkeit mit Forderungen nach Arbeitsplatzerhalt und nach einer Mehrmarkenstrategie zurückhält, damit möglichst viele Stellen erhalten bleiben, der Widerstand an anderen Fronten ist damit noch lange nicht gebrochen - vor allen bei den Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat. Sie haben bereits deutlich gemacht, dass sie sich der Fusion entgegenstellen. Auch Oppositionspolitiker zum Beispiel aus den Reihen der Grünen können dem Projekt nichts abgewinnen. Und angesichts sinkender Popularitätswerte der Großen Koalition ist es kaum wahrscheinlich, dass alle Regierungsmitglieder den voraussichtlich Kahlschlag gutheißen oder völlig unkommentiert lassen werden.

Deutsche Bank und Commerzbank haben gemeinsam rund 140.000 Mitarbeiter, mehr als die Hälfte davon arbeitet in Deutschland. Um die Kosten deutlich zu senken, dürften 30.000 bis 40.000 Stellen wegfallen. Und das Argument der niedrigeren Ausgaben wird die Deutsche Bank dringend brauchen, um Großaktionäre wie Katar von der Fusion zu überzeugen. Zuletzt hatte das Geldhaus ein Verhältnis von Aufwand zu Ertrag von über 90 Prozent. Von einem verdienten Euro ging der Großteil also auf die Kosten drauf.

2. Aktionäre von Kapitalerhöhung überzeugen

Durch den Zusammenschluss wird eine Neubewertung der Assets notwendig. So hält die Commerzbank beispielsweise 8,4 Milliarden Euro an italienischen Staatanleihen, auf die dann Abschreibungen in Milliardenhöhe fällig werden.

Auch bei der Deutschen Bank dürfte es noch Lasten geben, deren Neubewertung Löcher in die Bilanz reißt. Bei einer Fusion kämen die beiden Geldhäuser daher um eine Kapitalerhöhung nicht herum.

Analysten von Merrill Lynch schätzen den Kapitalbedarf in einer jüngst erschienenen Studie auf einen zweistelligen Milliardenbetrag. Bis zu 16 Milliarden Euro könnten es im Extremfall werden, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg aus der Studie. Das entspricht der derzeitigen Börsenbewertung der Deutschen Bank.


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3. Geschäftsmodell fürs Investmentbankgeschäft schaffen

Das fusionierte Institut käme bei Einlagen von Privatkunden auf einen Marktanteil von etwa 20 Prozent und würde damit die Lücke zu Sparkassen und Volksbanken deutlich verkleinern, die das Geschäft dominieren.

Die Probleme der Deutschen Bank im Investmentbankgeschäft würden durch den Zusammenschluss mit der Commerzbank aber noch lange nicht gelöst. Die Commerzbank hat sich in den vergangenen Jahren aus dem Sektor nach und nach zurückgezogen. Die Deutsche Bank hat dagegen auch nach der Finanzkrise am Handelsgeschäft festgehalten, das einerseits mit teuren Kapitalauflagen der Regulierer kämpft und andererseits mit strukturellen und konjunkturellen Problemen.

Sewing hat zwar das Investmentbanking an einigen Stellen geschrumpft, er hat aber keine überzeugende Wachstumsstrategie entwickelt. Ende vergangenen Jahres hat die Deutsche Bank etwa im Anleihehandel fast ein Viertel ihrer Erträge eingebüßt, deutlich mehr als die großen US-Konkurrenten. Auch in der Beratung bei Fusionen und Übernahmen hat die Bank in den vergangenen Jahren Marktanteile verloren.


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Für solche Entwicklungen findet die Bank immer wieder neue Entschuldigungen. So sei etwa die Razzia der Staatsanwälte im vergangenen Jahr wegen des Verdachts auf Geldwäsche schuld an den schlechten Entwicklung, das habe etliche Kunden zurückgehalten, Geschäfte mit der Bank zu machen.

Klar, solche Durchsuchungen fördern nicht das Vertrauen der Kunden in die Bank. Sie taugen aber nicht als Erklärung für die seit Jahren andauernden Investmentbanking-Probleme der Deutschen Bank. Das Geldhaus kann sich seine globalen Ambitionen schlicht nicht mehr leisten - scheitert aber daran, sich an die neuen Realitäten anzupassen.

4. Fusion konsequent umsetzen

Die Übernahme der Postbank, 2008 angekündigt, beschäftigt die Deutsche Bank bis heute. Nach einigen Irrungen und Wirrungen hat sich das Geldhaus entschieden, die Postbank doch zu integrieren und nicht wieder zu verkaufen. Der Prozess dauert aber bis jetzt an. Von überzeugenden Synergien und Kostensenkungen kann dabei keine Rede sein. Man hält beispielsweise an zwei Zentralen fest und verhandelt bis heute über den sozialverträglichen Stellenabbau.

Die Deutsche Bank hat es nicht geschafft, die Postbank in einer überschaubaren Zeit zu integrieren und die notwendige Härte und Durchsetzungskraft an den Tag zu legen. Wie soll das mit der größeren Commerzbank funktionieren, wo die andere Übernahme doch noch nicht abgeschlossen ist?

Sewing hat seinen Mitarbeitern gestern in einem Brief, in dem er die Gespräche mit der Commerzbank rechtfertigt, versprochen: "Wir werden ausschließlich wirtschaftlich sinnvolle Optionen verfolgen."

Wirtschaftlich sinnvoll wäre angesichts der sich abzeichnenden Konjunkturabkühlung derzeit eine andere Alternative: Das Investmentbankgeschäft zu schrumpfen, die Postbank-Übernahme möglichst schnell abzuschließen und sich als kleineres und agileres Institut aufzustellen.

Die neue Strategie von Sewing, sich in eine Commerzbank-Übernahme zu stürzen, dürfte das Institut für die nächsten Jahre dagegen lahmlegen.

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