Topbanker vor Wirecard-Untersuchungsausschuss "Der beste Risikomanager ist vor Betrug nicht gefeit"

Die Befragung deutscher Topbanker durch Mitglieder des Wirecard-Untersuchungsausschusses ging bis in die Nacht. Sie zeigt: Warum einigen Topbankern der einstige Dax-Konzern schon früh suspekt vorgekommen ist – und anderen nicht.
Aus Berlin berichtet Katharina Slodczyk
Christian Sewing: Auch der Chef der Deutschen Bank sagte am Donnerstag vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss aus

Christian Sewing: Auch der Chef der Deutschen Bank sagte am Donnerstag vor dem Wirecard-Untersuchungsausschuss aus

Foto: Arne Dedert/ dpa

Es waren nicht die Antworten, die sich Mitglieder des Wirecard-Untersuchungsausschusses von ihrem Zeugen erhofften. "Wo würden Sie den Fehler verorten, der zu dem Desaster fehlte?" Da werde es sich keine Meinung anmaßen, dazu wisse er nicht genug von der gesamten Materie, antwortete Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing (50). Ob er nicht auch Zweifel an dem Gebaren Wirecards gehabt habe? "Dafür war ich persönlich zu weit entfernt, um zu zweifeln." Ob das Risikomanagement der Deutschen Bank bei dem Kunden Wirecard nicht versagt habe, dem das Institut Kredite gewährte? "Der beste Risikomanager ist vor Betrug nicht gefeit."

Gleich sieben Vorstände deutscher Großbanken haben die Parlamentarier am Donnerstag und am heutigen Freitag als Zeugen geladen – neben Sewing auch den ehemaligen Commerzbank-CEO Martin Zielke (57) sowie die Risikochefs der Commerzbank und der BayernLB, Topbanker von Goldman Sachs, LBBW und der KfW. Die Ausschussmitglieder wollten sich ein besseres Bild vom Zusammenbruch des einstigen Dax-Konzerns Wirecard machen, was dazu führte und wie man es hätte verhindern können. Ein Zwischenfazit fiel für den Grünen-Abgeordneten Danyal Bayaz (37) so aus: Einige Banken hätten ihre Hausaufgaben gemacht, andere nicht.

Zu der ersten Gruppe zählt etwa die BayernLB. Bereits im Frühjahr 2018 beschloss das Institut, Wirecard keinen Kredit mehr zu geben. Da war die BayernLB seit gerade mal zwei Jahren einer der Geldgeber des Konzerns, der in Deutschland lange als Techhoffnung vom Kaliber eines Silicon-Valley-Anbieters gehandelt wurde und unaufhaltsam in den Dax drängte.

Marcus Kramer (57), Risikovorstand des Münchener Geldhauses, begründete den Ausstieg bei Wirecard bei seinem Auftritt im Bundestag unter anderem mit einer schwer verständlichen Bilanzstruktur und einen undurchsichtigen Markt, in dem das Unternehmen agierte. Einige andere Gründe seien noch hinzugekommen: Man habe die ersten Jahre der Geschäftsbeziehung eigentlich nutzen wollen, um Wirecard besser kennenzulernen, Antworten auf eine Reihe von Fragen zu bekommen. "Doch dann haben einige Antworten wieder neue Fragen aufgeworfen", sagte Kramer.

Als es darum ging, den Kredit von 60 auf 150 Millionen Euro aufzustocken, hat die BayernLB daher einen Schlussstrich gezogen. "Wenn wir 150 Millionen aus der Hand geben", so Kramer, "dann müssen wir den Kunden schon sehr, sehr gut verstehen." Das sei bei Wirecard schlicht nicht der Fall gewesen. Betrügerische Geschäfte, wie sie die "Financial Times" beschrieb, hat der BayernLB-Risikochef dennoch nicht für möglich gehalten. "Wir haben nie geglaubt, dass dort kriminelle Handlungen stattfanden."

Auch die Commerzbank gehörte zu den ersten in der Branche, denen der Zahlungskonzern fragwürdig vorkam – gut ein Jahr vor dem spektakulären Zusammenbruch des Unternehmens. Gleich drei seiner Vorstandskollegen seien im Frühjahr 2019 zu ihm gekommen, erzählte der damalige CEO Martin Zielke (57) . Sie seien sich darin einig gewesen, dass das Geldhaus keine Geschäfte mehr mit dem langjährigen Kunden Wirecard machen sollte – unter anderem wegen Compliance-Problemen. "Ich habe mich da schon gewundert", räumte Zielke am bei seinem Auftritt im Wirecard-Untersuchungsausschuss ein, "und mich gefragt: Ist es richtig, bei einem Dax-Unternehmen rauszugehen. Aber die Gründe waren überzeugend." Er habe sich daher der Meinung seiner Kollegen angeschlossen.

Damit stand fest: Die Commerzbank kappt ihre Verbindungen zu Wirecard und beendet unter anderem auch ihre Kreditbeziehung zu dem Unternehmen. Konkreter Auslöser waren Berichte der "Financial Times" über dubiose Geschäfte, die bei der Commerzbank eine interne Untersuchung auslösten. Dabei ist das Institut über verdächtige Transaktionen der Wirecard Bank nach Asien gestolpert und hat Geldwäscheverdachtsmeldungen an die Financial Intelligence Unit (FIU) des Bundes geschickt.

Die Commerzbank hat grenzüberschreitende Zahlungen für die Wirecard Bank abgewickelt und dies angesichts der Ergebnisse der internen Untersuchung beendet. Aus der Kreditbeziehung konnte das Institut nicht sofort aussteigen, hat diesen Schritt aber auf den Weg gebracht. Das Geldhaus und Wirecard vereinbarten, dass bei der nächsten Verlängerung des Kredits ein Konkurrent die Commerzbank ablösen sollte. Soweit ist es nicht gekommen – auf Grund der Pleite des Konzerns Ende Juni 2020.

Deutsche Bank kam glimpflicher davon als die Commerzbank

Die Commerzbank war Teil eines Bankenkonsortiums, das Wirecard einen Kredit von rund 1,8 Milliarden Euro gewährt hatte. Das Frankfurter Geldhaus war mit 200 Millionen Euro beteiligt und hat den Großteil dieser Summe im Sommer vergangenen Jahres abgeschrieben.

Die Deutsche Bank ist mit einem deutlich geringeren Verlust davongekommen. Dieser lag bei 18 Millionen Euro. Die Bank hatte Wirecard allerdings mit 80 Millionen Euro einen kleineren Anteil an dem Konsortialkredit als der Konkurrent Commerzbank. Und die Deutsche Bank hatte Absicherungsgeschäfte vereinbart, um die Risiken zu begrenzen.

Heute ist der große Teil des Geldes verschwunden, das Banken Wirecard zur Verfügung gestellt hatten – offenbar mit Hilfe dubioser Firmen in Asien, denen Wirecard Kredite gab. Die Staatsanwaltschaft München wirft der einstigen Führung des Konzerns gewerbsmäßigen Bandenbetrug vor.

Die Deutsche Bank hatte nicht nur Wirecard, sondern auch der Beteiligungsgesellschaft von Markus Braun (51) einen Kredit gewährt – insgesamt 150 Millionen Euro. Da ist die Bank ganz ohne Verlust rausgekommen.

Mitte Dezember 2019 eröffnete Sewing dem Wirecard-Chef, dass dieser Kredit nicht verlängert würde und zurückgezahlt werden müsste. Als Sicherheit dafür hatte Braun seine Wirecard-Aktien hinterlegt und die Bank sah den Wert damals als gefährdet an. Der Grund: Der Konzern hatte eine Sonderprüfung durch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KMPG auf den Weg gebracht, um Vorwürfe der Bilanzmanipulation aus dem Weg zu räumen. Eine solche Prüfung "birgt das Risiko, dass die darunter liegende Sicherheit nicht so werthaltig ist", sagte Sewing den Mitgliedern des Untersuchungsausschusses.

Die KPMG-Sonderprüfung hat nicht nur dazu geführt, dass Braun einen neuen Kreditgeber brauchte. Sie löste auch den Zusammenbruch von Wirecard aus. Denn die Prüfer konnten die Existenz von einem Guthaben von 1,9 Milliarden Euro auf Konten philippinischer Banken nicht einwandfrei nachweisen.

Sewing berichtete den Abgeordneten ebenfalls von Gesprächen mit Wirecard über eine engere Zusammenarbeit. Doch daraus sei nichts geworden, da die Diskussionen abstrakt geblieben seien. Wirecard selbst wollte offenbar noch deutlich weiter gehen und hat mit Hilfe der Berater von McKinsey die Übernahme der Deutschen Bank geplant. "Projekt Panther" lautete der Codename. Das habe er erst im Sommer vergangenen Jahres durch Medienberichte erfahren, sagte Sewing.

Verstörende E-Mails

Der Wirecard-Untersuchungsausschuss konfrontierte Sewing zudem mit einer eher befremdlichen E-Mail, die ein Deutsche-Bank-Aufsichtsratsmitglied Alexander Schütz Wirecard-Chef Braun schickte. Darin geht es um Berichte der "Financial Times" über mutmaßlichen Betrug bei Wirecard. Er solle die britische Wirtschaftszeitung "fertigmachen" fordert der Bank-Kontrolleur Braun auf.

Bei der Commerzbank sind es E-Mails der Analystin Heike Pauls, mit denen die Abgeordneten Zielke in Erklärungsnöte bringen. Pauls schrieb Researchberichte über Wircard. Sie stimmte bis zuletzt Lobeshymnen auf das Unternehmen an, verteidigte den langjährigen Chef Markus Braun gegen jede Kritik und attackierte stattdessen die "Financial Times", wenn diese fragwürdige Vorgänge bei Wirecard offenlegte. E-Mails, die dem Untersuchungsausschuss vorliegen, zeigen jetzt, dass Pauls Wirecard mit Informationen über kritische Investoren versorgte. Die Commerzbank hat daraufhin das Research zu Aktien vorübergehend ausgesetzt, die Pauls zuletzt abdeckte.

Zu Fragen der Abgeordneten, was genau die Commerzbank aus dem Wirecard-Desaster gelernt habe, hielt sich auch Zielke zurück. Die interne Aufarbeitung dauere noch an.

Mehr lesen über