Katharina Slodczyk

Skandalserie bei der Credit Suisse Getrübtes Urteilsvermögen

Katharina Slodczyk
Ein Kommentar von Katharina Slodczyk
Ein Kommentar von Katharina Slodczyk
António Horta-Osório war als Verwaltungsratschef angetreten, um die Skandalserie der Credit Suisse zu beenden. Jetzt hat er sie fortgesetzt und die Bank weiter destabilisiert.
Abschied nach achteinhalb Monaten: António Horta-Osório musste als Chairman der Credit Suisse seinen Rückzug antreten.

Abschied nach achteinhalb Monaten: António Horta-Osório musste als Chairman der Credit Suisse seinen Rückzug antreten.

Foto: LEON NEAL / AFP

Es ist das eine, wortreich über sich zu philosophieren, über den eigenen Drang, stets Gutes zu tun und verantwortungsvoll zu handeln. Immer wieder zu betonen, was einem als Jesuitenschüler eingebläut wurde. António Horta-Osório (57), langjähriger Chef der britischen Lloyds-Bank hat es darin zu einer gewissen Meisterschaft gebracht.

Etwas ganz anderes ist es, sein Handeln danach auszurichten – auch dann, wenn es einem gerade mal so gar nicht ins Konzept passt. Genau daran ist er gescheitert. Und daher ist seine Zeit als Verwaltungsratschef der Credit Suisse zu einer Kurzepisode geworden, zu einer kleinen Fußnote in der Geschichte der zweitgrößten Schweizer Bank. Nach gerade mal achteinhalb Monaten musste der portugiesische Banker abtreten.

Ende April 2021 war er gekommen. Er wollte die Skandalserie der Credit Suisse beenden. So hat das Risikomanagement dort gleich mehrfach im großen Stil versagt und dem Institut massive Verluste beschert. Hinzu kamen eine Korruptionsaffäre und die Beschattung ehemaliger Topmanager. Horta-Osósrio wollte eine neue Unternehmenskultur etablieren, damit sich so etwas nicht wiederholt, damit sich Geschäft und Moral besser miteinander verbinden lassen.

Stattdessen hat er der Bank einen weiteren Skandal beschert. Mindestens zweimal soll er Corona-Regeln missachtet und sich über Quarantäne-Vorgaben hinweggesetzt haben – unter anderem bei einer Reise nach London im Juli, um sich das Wimbledon-Finale anzuschauen. Im November ist er innerhalb von drei Tagen von London nach Zürich gereist und wieder weiter geflogen, obwohl eine Quarantäne von zehn Tagen vorgesehen war.

Tiefer Fall eines Ritters

Das alles sei nicht mit Absicht passiert, lässt er ausrichten. Gleichzeitig soll er sich nach Informationen einer Schweizer Zeitung nach Sonderregelungen erkundigt haben, um die zehntägige Quarantäne zu umgehen. Man habe ihn darüber informiert, dass es keine Vorzugsbehandlung für ihn geben würde. Wenn das zutrifft, hat der Mann sein Urteilsvermögen verloren. Denn deutlicher hätte er in dem Fall nicht signalisieren können: Die Regeln sind für alle da, nur nicht für mich.

Horta-Osório hat sich vor allem mit der Rettung von Lloyds einen Namen als durchsetzungsstarker Manager gemacht – als einer, der ohne zu zögern, radikale Entscheidungen trifft und diese auch durchsetzt. Die britische Regierung konnte ihre Anteile an der Bank, die in der Finanzkrise ins Trudeln gekommen war, später mit Gewinn verkaufen. Die Königin schlug Horta-Osório zum Ritter.

In seiner Lloyds-Zeit hat er vor allem mit einer außerehelichen Affäre für Negativschlagzeilen gesorgt. Er hat sich sehr schnell dafür entschuldigt. Und später auch offen über seinen Fehler gesprochen und beteuert, dass er daraus gelernt habe.

Schielte Horta-Osório auf den Vorstandsvorsitz?

Dass der Mann bei der Credit Suisse jetzt an solchen Banalitäten wie den Corona-Vorgaben scheitert, haben daher selbst Vertraute nicht erwartet. Einige hielten andere Gründe eher für wahrscheinlicher – etwa, dass er sich mit seiner Rolle als Verwaltungsratschef schwertut, möglicherweise lieber Vorstandsvorsitzender werden und Thomas Gottstein (58) ersetzen würde. Das alles ist nicht passiert.

Mervyn King, der ehemalige Chef der Bank of England, hat Horta-Osórios Verdienste um Lloyds mal so umschrieben: Der Portugiese habe das teilverstaatlichte Institut von einer Belastung für den Steuerzahler in ein Asset verwandelt. Bei der Credit Suisse war die Entwicklung Horta-Osórios genau andersherum. Man traute ihm zu, den alten Glanz der Bank wieder herzustellen. Stattdessen ist er zu einer Bürde geworden. Und das bereits im November, als die Bank den zweiten Verstoß gegen Corona-Regeln ihres Chairmans zu untersuchen begann. Es war schon damals Zeit für eine Entschuldigung und einen einigermaßen stilvollen Rückzug. Offenbar hat zuletzt erst der Druck von Aktionären diesen Schritt bewirkt.

Axel Lehmann (63) übernimmt jetzt den Verwaltungsratsvorsitz bei der Credit Suisse, ein ehemaliger UBS-Topmanager. Ruhig, gewissenhaft, eher farblos – so wird er von ehemaligen Kollegen beschrieben. Das ist ein ziemlicher Gegenentwurf zu Horta-Osório, für eine kurze Übergangszeit möglicherweise die richtige Lösung. Mehr nicht.