Greensill- und Archegos-Debakel Urs Rohner droht bei Credit Suisse ein unwürdiger Abgang

Das Greensill- und Archegos-Debakel werden Credit Suisse Milliarden kosten. Dem Präsidenten des Verwaltungsrats, Urs Rohner, droht ein unwürdiger Abschied. Die Bank habe ihre Risiken nicht im Griff, sagen Kritiker. Rohners Nachfolger werde sie völlig umkrempeln müssen.
Teure Fehler: Der Verwaltungsratspräsident von Credit Suisse, Urs Rohner, gerät mit dem Greensill- und Archegos-Debakel kurz vor seinem Abschied immer stärker in die Kritik

Teure Fehler: Der Verwaltungsratspräsident von Credit Suisse, Urs Rohner, gerät mit dem Greensill- und Archegos-Debakel kurz vor seinem Abschied immer stärker in die Kritik

Foto: Alessandro Della Valle/ dpa

Dieser Abschied könnte bitter werden. Dabei ist es nicht so, dass Urs Rohner (61), der im April nach 12 Jahren an der Spitze des Verwaltungsrats der Schweizer Großbank Credit Suisse sein Amt aufgibt, unumstritten gewesen wäre. Im Gegenteil. Die jüngste Schieflage hauseigener Greensill-Fonds  und kurz darauf der drohende Milliardenverlust im Zuge des Archegos-Debakels brachten bei vielen Aktionären das Fass nun wohl endgültig zum Überlaufen.

Der US-Vermögensverwalter Harris Associates, mit fünf Prozent einer der größten Anteilseigner der Credit Suisse, will Rohner jetzt zumindest finanziell abstrafen und zugleich an den Pranger stellen. "Angesichts der jüngsten Ereignisse und der vergangenen Leistungen halte ich es für angemessen, dass Herr Rohner auf weitere Vergütungen der Credit Suisse verzichtet", erklärte David Herro (60), Chief Investment Officer bei Harris Associates, laut Bloomberg . Ein Affront und ein Frontalangriff auf Rohner zugleich. Herro hatte bereits im vergangenen Jahr die Absetzung Rohners gefordert.

Ein Verzicht auf Vergütungen dürfte den ehemaligen Anwalt und Medienmanager Rohner nicht wirklich schmerzen, zumal der Verwaltungsratspräsident in den vergangenen Jahren schon zweimal wegen schlechter Performance freiwillig auf Teile seines Gehalts verzichtet hatte. Für 2020 sollen seine Dienste mit umgerechnet fünf Millionen Dollar vergütet werden.

Aktionäre stellen Rohner an den Pranger

Druck macht auch der Stimmrechtsvertreter Ethos. Die Aktionäre sollten bei der Hauptversammlung Ende April Verwaltungsrat und Management nicht entlasten und auch gegen die Boni-Empfehlungen stimmen, empfiehlt Ethos. Im Kern geht es darum, dass Bank und Aktionäre ihre Rechte wahren, um womöglich rechtliche Schritte gegen Verwaltungsrat und Management einleiten zu können.

Ob es dazu kommt, ist offen. Angesichts des Kurssturzes der Aktie und des erwarteten Milliardenverlustes durch die Greensill- und Archegos-Engagements überrascht der Aufruf nicht. Bedeutende Kunden von Credit Suisse, welche in die von dem Geldhaus angepriesenen Greensill-Fonds investiert hatten, drohen bereits mit Klagen gegen die Bank, berichtet die "Neue Züricher Zeitung"  (NZZ). Das Archegos-Debakel allerdings könnte das Geldhaus noch viel tiefer reißen - bis zu vier Milliarden Dollar Verlust könnte es der Credit Suisse im ersten Quartal einbrocken, will die "Financial Times" von Insidern erfahren haben.

CS selbst sprach lediglich von einem Verlust, der "sehr bedeutend und wesentlich" sein könne. Anleger jedenfalls zogen die Reißleine: Die Aktie brach am Montag um 14 Prozent ein, Milliarden Börsenwert lösten sich in Luft auf. Der Erholungsversuch am Dienstag blieb verhalten.

Kunden drohen mit Klage

Aktionäre der Credit Suisse sind bereits leidgeprüft: In Rohners Amtszeit hat das Papier mehr als 70 Prozent seines Wertes verloren. "Rohner trägt damit den Titel eines der größten Wertevernichters der Schweizer Wirtschaft", ätzt das nie um schneidige Kommentare verlegene Finanzfachblatt "In$ide Paradeplatz" . Dabei hätte die Bank womöglich die drohenden Verluste aus dem Archegos-Fall durchaus minimieren können: Wie die "Financial Times" am Dienstag  berichtet, diskutierten die involvierten Banken Goldman Sachs, Morgan Stanley, Credit Suisse, UBS und Nomura offenbar über eine geordnete Abwicklung der problematischen Geschäfte, um die eigenen Verluste zu begrenzen.

Ob die Banken sich über ein gemeinsames Vorgehen einigen konnten, ist unklar. Goldman und Morgan Stanley jedenfalls begannen am vergangenen Freitagmorgen mit dem Ausverkauf von Archegos-Wertpapieren in großen Blocktrades und stießen Titel im Volumen von 19 Milliarden Dollar ab. Nomura und Credit Suisse kamen offenbar zu spät. Sie wurden durch die US-Großbanken düpiert und hatten das richtige Timing "sträflich verpasst", kommentiert "Inside Paradeplatz".

"Credit Suisse hat die Risiken nicht im Griff"

Doch auch die deutlich verhaltenere "NZZ" kommt in einer langen Analyse  jüngster verlustträchtiger "Unfälle" bei der Bank zu dem Schluss: "Die Credit Suisse hat die Risiken nicht im Griff. Grund dafür sind weniger die Strukturen als die Personen, die sie mit Leben füllen."

Schuld am Greensill-Debakel zum Beispiel trügen bei der CS im engeren Sinne verantwortliche Asset-Manager, die Alarmzeichen übersahen oder Vorgesetzte nicht informierten. Rohner reagiert nun darauf, lagert das Asset Management der Bank in eine eigenständige Einheit aus, tauscht zudem den Chef des Fondsgeschäfts zum 1. April aus, wie die Bank vor wenigen Tagen mitteilte . Eine öffentlichkeitswirksame Handlung, um die Gemüter zu beruhigen - mehr wohl nicht. Denn schon länger brodelt bei Credit Suisse der Fall Greensill im Verborgenen, wie die NZZ weiß.

Thiams Nachfolger Gottstein hat es ebenfalls schwer

Es sei an der Zeit, dass die Spitze der Bank um Konzernchef Thomas Gottstein (57), der vor gut einem Jahr auf Geheiß von Rohner und gegen den Widerstand von Großaktionären aus Übersee Tidjane Thiam (58) ablöste, Verantwortung für die Fehler übernehme und die Bank neu ausrichte. Gottstein aber habe sich bislang kaum geäußert zu Greensill und noch weniger zum Archegos-Debakel. Die in Aussicht gestellte Auslagerung der Asset-Management-Sparte allein dürfte nach Einschätzung von Kritikern für die notwendigen Veränderungen in der Bank kaum ausreichen.

Credit Suisse müsse ihre One-Bank-Strategie, die darauf abzielt, wohlhabenden Kunden, Unternehmen und Family-Offices ein möglichst breites Angebot an eigenen Produkten und Dienstleistungen zu machen, überdenken, analysiert die NZZ. "Wer die Risiken nicht im Griff" habe, sollte sich darauf konzentrieren, was er besser beherrsche, heißt es in dem Bericht weiter. Für die Schweizer Bank bedeute dies gegebenenfalls auch ein drastisch reduziertes Investmentbanking und die Konzentration auf das weniger risikoreiche Kerngeschäft der Vermögensverwaltung.

Welchen Weg Rohners Nachfolger Horta-Osório (57) auch einschlagen werde, an Arbeit wird es ihm nicht mangeln. "In$ide Paradeplatz"  formuliert es drastischer: Der Portugiese werde in Kürze ein "Wrack" von Rohner übernehmen.

rei
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