Donnerstag, 23. Januar 2020

Work-Life-Balance Investmentbanken entdecken das Wochenende

Eingang zur Zentrale von Goldman Sachs in New York: Das Investmentbanking zählt zu den wohl stressigsten Jobs in der Finanzbranche
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Eingang zur Zentrale von Goldman Sachs in New York: Das Investmentbanking zählt zu den wohl stressigsten Jobs in der Finanzbranche

Goldman Sachs, Bank of America, Credit Suisse: Immer mehr Investmentbanken versuchen, den Druck von ihren Mitarbeitern zu nehmen und ihnen mehr Freizeit einzuräumen. Auslöser war der Tod eines Praktikanten im vergangenen Jahr in London - aber es gibt weitere Gründe.

Hamburg - Der Tod eines Praktikanten der Bank of America im vergangenen Sommer in London war vermutlich der Auslöser, er ist aber sicher nicht der einzige Grund: Immer mehr Banken lockern die Vorgaben für ihre vor allem jungen Mitarbeiter im Investmentbanking, um ihnen eine bessere Work-Life-Balance zu ermöglichen. Der Nachwuchs soll weniger arbeiten, insbesondere an den Wochenenden, und dafür mehr Freizeit haben.

Das jüngste Beispiel: Die Credit Suisse Börsen-Chart zeigen. Juniorbanker sollten samstags nicht im Büro sein, es sei denn, sie arbeiteten an einem "'life'-deal", schrieb Jim Amine, Chef des globalen Investmentbankings der Bank, einem Bericht der "Financial Times" zufolge in diesen Tagen an alle seine Mitarbeiter in Nord- und Südamerika.

Die Schweizer reihen sich damit ein in die Riege anderer prominenter Adressen, die ebenfalls die Zügeln lockern. Im Oktober vergangenen Jahres hatte bereits Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen einen solchen Vorstoß gemacht. Es folgte JP Morgan im vergangenen Monat sowie die Bank of America Börsen-Chart zeigen vor wenigen Tagen. Eine Anfrage, ob es auch bei der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen Überlegungen oder bereits Veränderungen in diese Richtung gibt, wollte das Institut am Dienstag nicht kommentieren.

Was die Investmentbanken dabei unter Entlastung verstehen, dürfte Branchenfremden allerdings mitunter merkwürdig vorkommen. Vorbehalte wie der Hinweis auf den möglichen "life-deal" von Credit Suisse sind laut "Financial Times" üblich. JP Morgan zudem gönnt seinen Leuten als Entgegenkommen lediglich ein freies Wochenende im Monat. Und Christian Meissner, Chef des weltweiten Investmentbankings der Bank of America, will künftig sicherstellen, dass Mitarbeiter an mindestens vier Wochenendtagen im Monat nicht arbeiten.

Konkurrenz um Topabsolventen

Deutsche Gewerkschafter können darüber vermutlich nur den Kopf schütteln. Insbesondere für Einsteiger ins internationale Investmentbanking dürften damit allerdings so etwas wie paradiesische Zeiten anbrechen. Die Branche gilt als eine der härtesten im Finanzgeschäft überhaupt. Der große Andrang an Nachwuchskräften ermöglichte es den Banken bislang, knallhart auszusieben und den Aspiranten das Äußerste abzuverlangen. Bis zu 100 Arbeitsstunden in der Woche inklusive.

Seit der Finanzkrise haben sich die Vorzeichen jedoch geändert. Das Image von Goldman Sachs, JP Morgan und Co. hat gelitten. Namentlich Credit Suisse gehört längst nicht mehr zu den Topadressen am Markt. Hedgefonds und Beteiligungsgesellschaften sowie Branchengrößen aus dem IT-Bereich konkurrieren ebenfalls um die Topabsolventen der Eliteuniversitäten. Und sie bieten mitunter die deutlich besseren Arbeitsbedingungen, vom stets gefüllten Kühlschrank auf dem Flur bis zur deutlich lockereren Kleiderordnung.

Da brauchte es den tragischen Tod des deutschen Bank-of-America-Praktikanten Moritz Ehrhardt im vergangenen Jahr in London lediglich noch als Auslöser für ein Umdenken. Der 21jährige war in der Dusche seines Apartments gefunden worden. Einer Obduktion zufolge war der Mann an den Folgen eines epileptischen Anfalls gestorben - ausgelöst möglicherweise durch Überarbeitung.

cr

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