Montag, 14. Oktober 2019

Hintergrund des Credit-Suisse-Beschattungsskandals Wie sich ein Gartenzaunstreit zur Schweizer Bankenaffäre auswuchs

Iqbal Khan auf der Credit-Suisse-Hauptversammlung im April in Zürich

Schon die Nachricht selbst wirkte wie eine Posse: Die Schweizer Großbank Credit Suisse muss einen Spionageskandal aufarbeiten, nachdem sie einräumte, dass sie ihren früheren Vermögensverwaltungschef Iqbal Khan (43) während dessen Freistellung beschatten ließ.

Richtig skurril jedoch ist der Hintergrund der Affäre, wie ihn die "Financial Times" (FT) darstellt. Demnach führte ein privates Zerwürfnis zwischen Khan und Credit-Suisse-Chef Tidjane Thiam (57) zu der Trennung - und dazu, dass jetzt Ermittler Fragen wie diese klären müssen: Wurden Khan und seine Frau von drei Detektiven körperlich bedroht, wie er selbst es schildert? Oder wurde ein einzelner Detektiv vielmehr von Khan im Schatten der Nationalbank-Zentrale bedrängt, wie es der Mitarbeiter der Firma Investigo bezeugt? All das bringt CEO Thiam in Misskredit, gerade als der auf Kurs schien, den Konzern nach drei Verlustjahren zu sanieren.

Als Thiam 2015 vom britischen Versicherer Prudential nach Zürich kam, schienen die beiden noch zu harmonieren. Der Chef beförderte Khan mehrfach, bezeichnete ihn wiederholt als "Star" und rief dessen Sparte zum Herzstück der künftigen Unternehmensstrategie aus. Khan jedoch soll sich laut "FT" allmählich darüber beschwert haben, dass es ihm an Perspektiven für den Aufstieg an die Firmenspitze mangle.

Pikant wurde das Verhältnis, als Khan ein Grundstück neben Thiams Haus in Herrliberg, einem Züricher Vorort an der Goldküste des Zürichsees, kaufte. Als Khan das Haus auf seinem Grundstück abreißen und neu bauen ließ, beschwerte sich Thiam über die fast zwei Jahre dauernden Bauarbeiten, teils auch an Wochenenden - dem Bericht zufolge wandte er sich wegen dieses Ärgernisses sogar an Verwaltungsratschef Urs Rohner. Khan wies jedes Fehlverhalten zurück.

Eskalation wegen versperrtem Seeblick

Zur Eskalation kam es auf einer von Thiam ausgerichteten Gartenparty in diesem Januar (kurz nach Khans Einzug ins nun fertige Nachbarhaus). Dort soll sich Khan gegenüber Thiams Freundin über drei neu gepflanzte Bäume beschwert haben, die den Khans den Seeblick versperrt haben. Daraufhin stellte der CEO seinen Spartenvorstand zur Rede. Von "ziemlich viel Alkohol" und "heftigem Krach" berichtet der "Tagesanzeiger". Khans Frau habe schließlich eine Schlägerei verhindert.

Khans steile Karriere bei der Credit Suisse war daraufhin jedoch sofort vorbei. Dem Manager wurde mit ungewöhnlich kurzer Frist der Wechsel zum Lokalrivalen UBS erlaubt. Am 1. Oktober soll er dort antreten. Credit Suisse wollte mit dem Anheuern der Investigo-Detektive jedoch prüfen, ob der Abtrünnige große Teile seines Teams mitnimmt.

Die ganze Affäre dürfte noch mehr Karrieren beschädigen. Zumindest Thiams Vertrauter Pierre-Olivier Bouée, der als COO auch für Sicherheit zuständig ist und den Auftrag zur Beschattung unterzeichnete, steht stark unter Druck. Aber auch Thiam selbst solle weg, forderte der frühere Credit-Suisse-Grande Oswald Grübel im Interview der "Schweizer Illustrierten".

Das Züricher Finanzblog "Inside Paradeplatz" spekuliert über die Nachfolge. "Kronfavorit" sei Schweiz-Chef Thomas Gottstein. Auch an der Verwaltungsratsspitze dürfte mit Ulrich Körner bald ein Lokalmatador stehen - "die Schweiz hätte ihre Credit Suisse". Anders als unter dem aus Côte d'Ivoire gebürtigen Franzosen Thiam oder dem in der Schweiz aufgewachsenen Pakistaner Khan, heißt das wohl. Laut "Aargauer Zeitung" häufen sich jetzt rassistische Mails gegen die Bank.

Ein von der "FT" zitierter großer Investor hält die Affäre trotz des albernen Hintergrunds für "extrem ernst". Alle Beteiligten seien beschädigt, "vor allem aber die Credit Suisse".

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