Archegos-Schieflage Hedgefonds-Desaster reißt Credit Suisse in die roten Zahlen

Die Schweizer Bank kappt die Dividende, stoppt Aktienrückkäufe und setzt sowohl den Investmentbankchef als auch die Risikochefin vor die Tür. Doch Archegos ist nur einer von vielen Fehltritten in der Vergangenheit.
Müssen Credit Suisse verlassen: Risiko-Chefin Lara Warner und Investmentbanking-Chef Brian Chin

Müssen Credit Suisse verlassen: Risiko-Chefin Lara Warner und Investmentbanking-Chef Brian Chin

Foto: Credit Suisse Group

Der Zusammenbruch des US-Hedgefonds Archegos Capital kommt die Credit Suisse teuer zu stehen. Die Schweizer Großbank verbucht in dem Zusammenhang eine Belastung von 4,4 Milliarden Franken (rund vier Milliarden Euro), teilte das Geldhaus am Dienstag mit. Für das erste Quartal stellte das Institut einen Vorsteuerverlust von rund 900 Millionen Franken (812 Millionen Euro) in Aussicht. Das Institut setzt den Angaben zufolge das Aktienrückkaufprogramm im Volumen 1,5 Milliarde Franken aus und kürzt die für 2020 geplante Dividende um zwei Drittel auf 0,10 Franken je Anteilsschein. Risiko-Chefin Lara Warner und Investmentbanking-Chef Brian Chin verlassen das Institut.

"Der erhebliche Verlust in unserem Prime-Services-Geschäft in Zusammenhang mit dem kollabierten US-Hedgefonds ist inakzeptabel", erklärte Konzernchef Thomas Gottstein (57). "Wir werden aus diesen Angelegenheiten unsere Lehren ziehen." Die Bank kündigte laut "Financial Times"  (FT) zudem zwei externe Untersuchungen zu den Vorgängen an, die zu den Verlusten bei Archegos und den hauseigenen Greensill-Fonds geführt haben.

Das übrige Investmentbanking sowie das Vermögensverwaltungsgeschäft hätten sich im ersten Quartal gut entwickelt. Credit Suisse habe bei den Kunden neues Geld eingesammelt. Die Kernkapitalquote dürfte für das erste Quartal mindestens 12 Prozent betragen und damit die regulatorischen Vorgaben übertreffen, hieß es weiter.

Greensill könnte Credit Suisse noch Milliarden kosten

Für die Credit Suisse ist der Archegos-Kollaps bereits das zweite Debakel innerhalb weniger Wochen. Anfang März hatte das Institut die Abwicklung von vier zusammen mit Greensill Capital betriebenen Lieferketten-Finanzierungsfonds mit einem Gesamtvolumen von rund zehn Milliarden Dollar eingeleitet. Noch ist unklar, wie viel Geld die Abwicklung der Fonds abwirft.

Insidern zufolge prüft die Bbank, Investoren bei möglichen Verlusten aus der eigenen Tasche zu entschädigen. Laut "FT" könnten die Kunden der Credit Suisse durch die Abwicklung dieser Fonds bis zu drei Milliarden Dollar verlieren. Zusätzlich wird die Bank mehr als zwei Milliarden Dollar für anstehende Rechtsstreitigkeiten im Zusammenhang mit ihrem Greensill-Engagement zurückstellen müssen, schreiben Analysten von JP Morgan Chase. Die langfristigen Folgen dürften erst im Laufe der Zeit zu spüren sein, da die Credit Suisse dem Kapitalerhalt Vorrang vor dem Wachstum einräumen müsse, so die Experten.

Von einer Krise in die nächste

Archegos und Greensill sind lediglich die vorläufigen Höhepunkte einer ganzen Reihe von Fehltritten, die die Bank in den vergangenen Jahren hinlegte und deren Folgen sie nun Stück für Stück beseitigen und bilanzieren muss. Allein im vergangenen Jahr war die Bank in angebliche Betrügereien bei der chinesischen Kaffeehauskette Luckin Coffee und dem deutschen Zahlungsunternehmen Wirecard verwickelt. Zu Beginn des Jahres musste die Bank 450 Millionen Dollar auf seine Beteiligung am Hedgefonds York Capital abschreiben. Zudem offenbarte Credit Suisse einen möglichen Schaden von 680 Millionen Dollar aus einem Rechtsstreit um US-Hypothekenanleihen und sieht sich zudem mit einer Strafanzeige der Schweizer Bundesanwaltschaft wegen Geschäften mit bulgarischen Mafiosi konfrontiert, die in den Kokainschmuggel verwickelt sind.

Geschäfte mit der bulgarischen Mafia?

Zugleich sind nicht wenige Beobachter der Auffassung, dass die Credit Suisse ihre Geschäfte stark anpassen muss. Die Bank müsse ihre One-Bank-Strategie, die darauf abzielt, wohlhabenden Kunden, Unternehmen und Family-Offices ein möglichst breites Angebot an eigenen Produkten und Dienstleistungen zu machen, überdenken, analysierte unlängst die NZZ. "Wer die Risiken nicht im Griff" habe, sollte sich darauf konzentrieren, was er besser beherrsche. Für die Schweizer Bank bedeute dies gegebenenfalls auch ein drastisch reduziertes Investmentbanking und die Konzentration auf das weniger risikoreiche Kerngeschäft der Vermögensverwaltung. Am Dienstag erklärte sich die Bank nicht zu möglichen Anpassungen der Geschäftsstrategie. Diese Aufgabe dürfte dann nicht zuletzt in den Händen von Rohners Nachfolger Horta-Osório (57) liegen.

Urs Rohner muss erneut auf Teile der Vergütung verzichten

Als Konsequenz aus dem Archegos-Debakel soll die Geschäftsleitung ihre Boni verlieren, Verwaltungsratspräsident Urs Rohner (61) verzichtet auf 1,5 Millionen Franken (1,35 Millionen Euro) seines Gehalts. Chin gebe seine Aufgabe zum 30. April ab, Warner trete mit sofortiger Wirkung zurück. Neuer Chef der Investmentbank werde Christian Meissner. Der frühere Leiter des Investmentbankings bei Bank of America arbeitet seit Oktober für die Credit Suisse. Interimistisch übernehme Joachim Oechslin die Aufgabe des Risikochefs, die er bereits von 2014 bis 2019 innehatte.

Rohner wird Ende April nach mehr als zehn Jahren an der Spitze des Verwaltungsrates sein Amt aufgeben. Aktionäre hatten den Manager in den vergangenen Tagen scharf kritisiert und ihn zum vollständigen Verzicht seiner Vergütung aufgefordert. Für 2020 sollten seine Dienste mit umgerechnet fünf Millionen Dollar vergütet werden. Rohner hatte in der Vergangenheit schon zweimal auf Teile seines Gehalts freiwillig verzichtet - wegen schlechter Performance, wie es in verschiedenen Berichten heißt.

rei/Reuters
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.