Historischer Kursrutsch Deutsche-Bank-Aktie stürzt auf 35-Jahres-Tief

Die Aktie der Deutsche Bank beschleunigt ihren Kursrutsch - und stürzt auf ein Rekordtief von 8,76 Euro. Anleger fliehen.

Der Dax  taumelt, und auch die Aktie der Deutschen Bank (Kurswerte anzeigen) beschleunigt ihren Kursrutsch: Am Mittwochvormittag fiel die Aktie zeitweise unter die Marke von 9 Euro und markierte mit 8,76 Euro den tiefsten Stand seit 35 Jahren. Bis zum frühen Nachmittag stabilisierte sich der Kurs knapp unter 9 Euro.

Im Herbst 2016 war das Papier zeitweise unter die Marke von 10 Euro und kurzzeitig auf 8,83 Euro gestürzt, als Investoren den Kollaps des Instituts fürchteten. Nach einer zwischenzeitlichen Erholung hat sich der Kursrutsch nun wieder beschleunigt.

Händler begründeten den Kursrutsch vor allem mit dem weiter fallenden Gesamtmarkt: "Anleger trennen sich von Risiken, und die liegen nach wie vor bei den Geldhäusern", sagte ein Händler. Der Dax hat zuletzt vom Hoch am 15. Juni knapp 8 Prozent eingebüßt. Vor allem die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen des weltweiten Handelskonflikts lastet schwer auf der Börsenstimmung.

Die Deutsche Bank berge große Risiken, schrieb Analyst Andrew Lim von der Societe Generale in einer Studie. Sie verliere Marktanteile und sei schwach mit Eigenkapital ausgestattet. Marktanteile büße das Institut vor allem im Aktiengeschäft ein. "Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich das Haus stabilisiert", schrieb Lim. Im Investmentgeschäft verfüge die Bank nicht über die kritische Masse, um eine ausreichende Rendite auf das eingesetzte Kapital zu erzielen.

Bankensektor europaweit unter Druck

Der europäische Bankensektor war am Mittwoch mit einem Minus von 1,4 Prozent der größte Verlierer auf dem Branchentableau. Dies bestätigt auch den Trend seit Jahresbeginn mit einem Abschlag von 14 Prozent. Italienische Bankentitel büßten in Mailand am Mittwoch zwischen 2 und 3 Prozent ein. Anteile der Commerzbank verbilligten sich im Dax um 2,3 Prozent auf den niedrigsten Kurs seit April vergangenen Jahres

Aktienkurs der Deutschen Bank seit 1973 (zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken)

Aktienkurs der Deutschen Bank seit 1973 (zum Vergrößern bitte auf die Grafik klicken)

Foto: manager magazin

Bei Aktionären und Mitarbeitern der Deutschen Bank herrscht schon seit Monaten Untergangsstimmung - trotz der Radikalkur, die der neue Chef Christian Sewing dem Institut verschrieben hat. Sewing versucht bislang vergeblich, die Stimmung zu drehen: "Viele von Ihnen haben die schlechten Nachrichten satt", schrieb  Sewing seinen Mitarbeitern jüngst. "Mir geht es genauso." Jetzt - nach der Herabstufung durch die Ratingagentur S&P, dem offiziellen Siegel "Problembank" von US-Behörden und einer Woche mit Aktienkurs auf historischem Tief - gelte es nach vorn zu schauen. Die Deutsche Bank werde "beweisen, dass wir eine andere Bewertung an den Finanzmärkten verdient haben".

Nach wenigen Wochen im Amt klingt der neue Chef der Deutschen Bank schon fast wie ein italienischer Regierungschef. Was hat der Konzern nicht schon alles für Anstrengungen unternommen - Altlasten beiseite geräumt, Kapital für den Notfall gesammelt (mehrmals), interne Reformen angestoßen, einen Neuanfang mit neuen Köpfen und neuer Strategie verkündet, die jetzt auch wirklich durchgezogen werden soll ... aber diese verflixten Märkte wollen das einfach nicht anerkennen.

Zahlungsabwickler Wirecard inzwischen wertvoller als die Deutsche Bank

Bei einem Aktienkurs von unter 9 Euro hätte die Deutsche Bank mit ihren derzeit rund 2,07 Milliarden Aktien einen Börsenwert von nicht einmal 18 Milliarden Euro. Selbst der im TecDax notierte Zahlungsabwickler Wirecard  kommt derzeit auf einen höheren Wert an der Börse.

Zum Vergleich: Der Buchwert des Kapitals der Aktionäre der Deutschen Bank belief sich zum 31. März auf 61 Milliarden Euro. Der aktuelle Kurs enthält also einen Rabatt von mehr als zwei Dritteln auf den fundamentalen, inneren Wert der Aktien - sofern man das Urteil der Finanzprofis der Bank und ihrer Rechnungsprüfer für bare Münze nimmt. Ein Schnäppchen also?

Schlechte Stimmung heißt auch: Höhere Eigenkapitalkosten

Gemessen am Kurs-Buchwert-Verhältnis sei die Aktie ja schon länger "äußerst günstig", schreibt Christian Koch von der DZ Bank. Zum Kauf mag er sie trotzdem nicht mehr empfehlen - noch in der Vorwoche, als Christian Sewing auf der Hauptversammlung zum Aufbruch rief, hatte er das als einer der letzten Analysten getan - während die Kollegen von Barclays, Citigroup, Société Générale oder KBC schon "verkaufen" und "Kursziel 8 Euro" riefen.

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Innerhalb dieser einen Woche ist aus Sicht des Deutsche-Bank-Optimisten Koch der "faire Wert" je Aktie von 13,50 Euro auf 9,50 Euro gesunken. Als Begründung nennt er die schlechten Nachrichten und das schwache operative Geschäft. Es sei "schwer prognostizierbar", wie sich die Bank aus der "Abwärtsspirale" befreien könne.

Die schlechte Stimmung beeinflusst nämlich nicht nur den Kurs (weil Aktionäre in ihrem Herdentrieb aufeinander reagieren, statt sich an einer Schätzung des objektiven Werts zu orientieren), sondern hat auch ganz reale Auswirkungen. Die "drastisch gestiegene Unsicherheit" bringe auch "höhere Eigenkapitalkosten". Barclays-Mann Amit Goel hatte vor genau dem Downgrade von S&P, das die Deutsche Bank nun tatsächlich bekommen hat, gewarnt: als "negativer Katalysator, wenn es zu weiteren Abflüssen von Kundengeld und Marktanteilsverlusten führt".

280 Milliarden Euro Cash-Reserven - und rund 70 Prozent Rabatt auf den Buchwert

Cash-Reserven von rund 280 Milliarden Euro

Zur Beruhigung betont Bankchef Sewing, diesmal stehe wenigstens nicht die finanzielle Stabilität der Bank infrage - anders als in der traumatischen Phase im September 2016, als der Aktienkurs erstmals unter 10 Euro fiel und zugleich auch die Kosten für Derivate auf das Kreditausfallrisiko der Deutschen Bank in die Höhe schnellten, der Markt mithin auf die Gefahr einer Pleite spekulierte.

"Die Liquiditätsreserven lagen zum Ende des ersten Quartals bei 279 Milliarden Euro und damit nahe ihres historischen Höchststandes", beharrt Sewing - kein Grund zur Sorge also, dass der Bank wie einst Lehman Brothers kurzfristig das Geld ausgehen könnte, unabhängig von der Qualität der Bilanz. Dieser gehortete Schatz ist sogar 14-mal so groß wie der aktuelle Börsenwert. Freilich können die Aktionäre nicht einfach auf all das Geld zugreifen, es gehört ihnen ja nicht.

Sehr wohl hätten sie Anspruch auf die Milliardengewinne, die nicht nur die Konzernführung für die kommenden Jahre verspricht - sondern auch die skeptischen Analysten, zumindest laut der jüngsten Konsens-Schätzung von Mitte April: 1,2 Milliarden Euro für 2018, 2,2 Milliarden Euro für 2019, 3 Milliarden Euro für 2020 - eine klare Erholung von den zuvor verbuchten drei Verlustjahren in Folge.

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Das Kurs-Gewinn-Verhältnis für 2019 wäre demnach deutlich unter 10, das heißt der Gewinn je Aktie für das kommende Jahr würde schon ein Zehntel des Kaufpreises einer Aktie aufwiegen - im Vergleich zu anderen Aktien tatsächlich Schnäppchen-Niveau.

Wenn dann auch noch für diese drei Jahre die erwartete Dividende von im Schnitt 40 Cent gezahlt wird (zuletzt waren es 11 Cent), könnten die Aktionäre eine satte Dividendenrendite von 4,1 Prozent verbuchen.

Das Problem ist nur: So ganz überzeugt, dass die Bank tatsächlich die erhoffte Profitabilität erreicht, ist kaum noch jemand. Allein der Stellenabbau im Investmentbanking kostet zusätzlich mindestens 800 Millionen Euro für Abfindungen und ähnliches. Und jede schlechte Nachricht lässt die Abwärtsspirale weiter drehen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hatten wir von einem "Allzeittief" des Aktienkurses geschrieben. Tatsächlich war die Deutsche-Bank-Aktie zuletzt im Herbst 1982 noch etwas billiger, im Frühjahr 1980 notierte sie zeitweise umgerechnet unter 8 Euro (15,65 D-Mark). Das aktuelle Tief markiert also nur den tiefsten Stand seit 35 Jahren. Durch die Verwässerung wegen mehrerer Kapitalerhöhungen steht eine Deutsche-Bank-Aktie heute ohnehin für einen geringeren Anteil am Unternehmenswert als früher.

GRAFIK Aktienkurs Deutsche Bank seit 1973

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