Dienstag, 2. Juni 2020

Commerzbank-Strategie ohne Mut Das gelbe Siechtum

Verkaufen, Zusammenschustern und Weiterwursteln: Der Commerzbank-Spitze fällt nicht mehr viel ein, sie ist offenbar schlicht ausgelaugt und erschöpft.

Die Commerzbank zeigt bei ihrer neuen Strategie weder Mut noch Ideen, um sich aus dem Abwärtstrend zu befreien.

Commerzbanker halten sich im Vergleich zu Deutschbankern zugute, dass Sie weder ähnlich größenwahnsinnig, noch so arrogant oder rücksichtslos daherkämen. Sie seien solide und bodenständig. Jetzt aber haben es die Topmanager der Commerzbank in ihrer Schlichtheit übertrieben.

Das Geldhaus will seine Mehrheitsbeteiligung an der polnischen M-Bank verkaufen - eines der wenigen Geschäftsteile mit imposanten Zahlen im Commerzbank-Reich. Die M-Bank hat einen Anteil von etwa einem Fünftel am Vorsteuergewinn des Frankfurter Instituts. Und die Commerzbank will ihre Direktbanktochter Comdirect integrieren. Die aktive, mutige, moderne Tochter wird von der deutlich behäbigeren Mutter zwangsdomestiziert. In ihrem Kerngeschäft hat die Commerzbank sich dazu durchgerungen, 200 ihrer knapp 1000 Filialen zu schließen und unter dem Streich 2300 Stellen streichen. Bei insgesamt 49.000 Mitarbeitern.

Das Geldhaus verkauft also sein Tafelsilber, verleibt sich die Comdirect ein und hält angesichts der kritischen Lage mit verhaltenen Abstrichen an seinem überdimensionierten Filialnetz fest, das sie sich schon lange nicht mehr leisten kann und das nicht die erhofften Erträge bringt. Dieser Strategieentwurf "Commerzbank 5.0" ist vor allem zweierlei: mutlos und einfallslos. Am Ende soll eine karge Eigenkapitalrendite von mehr als 4 Prozent stehen

Bei ihrer Strategie lag das Ziel immerhin bei 6 Prozent und es gab es einige Wachstumsideen und eine Vision. Jetzt geht es ums Verkaufen, Zusammenschustern und Weiterwursteln. Die Commerzbank-Spitze ist offenbar schlicht ausgelaugt und erschöpft vom bisherigen Dauerumbau, der nicht das brachte, was man sich erhofft hatte.

Aus der Not geborene Lösungen ohne Antworten auf die Probleme

Es gibt eine ganze Reihe von Entscheidungen, die seit einigen Jahren eine gewisse Verzagtheit und Einfallslosigkeit bei der Commerzbank zeigen. Beispielsweise in der Personalpolitik: Weder Bank-Chef Martin Zielke, noch der Aufsichtsratsvorsitzende Stefan Schmittmann stehen für Aufbruch. Statt dessen sind es interne, teilweise aus der Not geborene Lösungen, die offenbar einfach keine Antworten auf die Probleme der Bank haben.

Von fehlendem Mut zeugt auch eine strategische Entscheidung im Frühjahr vergangenen Jahres. Die Commerzbank hatte überlegt, eine europäische Onlinebank aufzubauen. Kern sollte die M-Bank sein, die europaweit als technologisch führend gilt, wenn es um die schnelle und einfache Betreuung von Privatkunden geht. Die Pläne landeten in der Tonne. Man wolle sich nicht verzetteln war die Begründung. Einige Insider liefern eine andere Erklärung für die Entscheidung: Es habe in Frankfurt an Bereitschaft und Expertise gefehlt, um dieses Projekt sinnvoll aufzuziehen und den selbstbewussten M-Bank-Experten den Raum zu lassen, den sie gebraucht hätten.

So schmorte die Commerzbank einfach weiter in ihrem Saft und blieb bei dem Geschäftsmodell, das im Niedrigzinsumfeld nicht funktioniert. Alle Versuche, das zu ändern - etwa mit einer Neuorganisation des Geschäfts mit Unternehmen - schlugen fehl. Eine Fusion mit der Deutschen Bank, in der Zielke sein Heil zeitweise zu suchen schien, stieß ebenfalls auf Ablehnung.

Dabei braucht es gerade jetzt Mut und Ideen

Inzwischen wird die Lage immer schwieriger, denn die Konjunktur steuert auf eine Rezession zu. Das könnte zu steigenden Kreditausfällen führen, die die Commerzbank besonders stark treffen dürften. Denn das Institut hat teilweise durch die Vergabe besonders günstiger Kredite Marktanteile zu gewinnen versucht. In Zeiten der wirtschaftlichen Abkühlung könnte sich das massiv rächen.

Es braucht also gerade jetzt Mut und Ideen, um nicht auf den ausgetretenen Pfaden zu bleiben, die geradewegs weiter in den Abgrund führen. So könnte man beispielsweise die Comdirect eher stärken - etwa durch eine Partnerschaft mit einer anderen Direktbank. Oder aktiv eine grenzüberschreitende Fusion betreiben.

Statt dessen dürfte das quälende Siechtum der Commerzbank weitergehen - wenn nicht der Großaktionär Bund die ausländischen Banken wie Unicredit und ING, die mal ein Auge auf die Commerzbank geworfen haben, nicht doch noch willkommen heißt. Falls diese nach diesem Strategie-Versuch überhaupt nochmal anklopfen sollten.

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