Jens-Uwe Meyer

Das Ende der klassischen Banken Die Commerzbank war nur der Anfang

Schuld an der Krise von Commerzbank und Deutscher Bank sind nicht die niedrigen Zinsen, sondern das Dinosaurier-Geschäftsmodell. Ist die Commerzbank wirklich für den Wandel bereit?
Commerzbank-Chef Martin Zielke: 9600 Stellen fallen weg - und doch soll die neue Bank mehr Kunden locken

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Jens-Uwe Meyer

Dr. Jens-Uwe Meyer ist Vorstandsvorsitzender der Innolytics GmbH, Autor und internationaler Keynote Speaker. Mit 13 Büchern (u.a. "Digitale Gewinner", "Digitale Disruption") und mehr als 250 Artikeln zählt er zu den Vordenkern für Digitalisierung und Innovation in Europa.
www.jens-uwe-meyer.de 

Wenn Bankvorstände ihre jüngste Sparrunde erklären, lautet die Hauptbotschaft meistens in etwa so: Wir haben alles richtig gemacht. Der harte Wettbewerb ist schuld an der Situation. Die scharfen Vorschriften der Aufsichtsbehörden geben uns keine Luft zum Atmen. Und die anhaltend niedrigen Zinsen zwingen uns zu Kostensenkungen.

Das stimmt, irgendwie. Und doch ist es nicht die Ursache für den Niedergang der Banken, dem wir zuletzt bei der Deutschen und aktuell bei der Commerzbank beiwohnen dürfen. Für mein Buch "Digitale Disruption"  habe ich mich in den vergangenen Monaten intensiv mit den Gefahren für den Bankensektor auseinandergesetzt. Die Kurzzusammenfassung lautet: Es brennt. Und zwar bei allen.

Ob Deutsche Bank , Commerzbank  oder andere: Die klassischen Kreditinstitute sitzen auf einem Dinosaurier-Geschäftsmodell. Aus technologischer Sicht sind Filialen und ein Großteil der klassischen Verwaltungstätigkeit heute bereits überflüssig. Und die Kernkompetenzen der Banken lösen sich gerade in Luft auf.

Placebo-Versprechen

Wann waren Sie das letzte Mal in einer Bankfiliale? Da kommen Sie ins Grübeln, oder? Und warum waren Sie da? Vielleicht, weil Sie ein Formular unterschreiben mussten. Dann war dies aber kein freiwilliger Besuch, sondern der mangelnden Digitalisierung der Bank geschuldet. Oder Sie haben Geld abgehoben und mussten die Filiale zwangsläufig betreten, weil der Automat nicht vor der Tür war. Auch dieser Grund wird in Kürze nicht mehr bestehen - der Abschied vom Bargeld ist längst eingeläutet.

Wenn die Verantwortlichen der Commerzbank  heute verkünden, dass keine Filialen geschlossen werden, ist dies grob fahrlässig. Es sind Placebo-Versprechen, wo eigentlich starke medizinische Maßnahmen notwendig wären.

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Blicken wir kurz zehn Jahre zurück. Egal ob Sie Angestellter sind oder Unternehmer, früher gab es so etwas wie den persönlichen Ansprechpartner. Wenn Sie sich selbständig machen wollten, gingen Sie naturgemäß zunächst einmal zu diesem Berater. Sie fragten nach einem Kredit, der freundliche Berater war zugleich Ihr Finanzratgeber. Und wenn Herr Müller aus der Filiale nebenan besonders heiße Aktienfonds empfahl, dann waren diese natürlich ein Investment wert. Alle Zahlungen liefen ganz selbstverständlich über Banken. Und heute?

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Wer sich heute selbständig macht, denkt so ziemlich als Letztes daran, zu einer Bank zu gehen. Vorher werden alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft: Crowdfunding auf Plattformen wie Seedmatch und VisionBakery oder Marktplätze für Unternehmenskredite wie Auxmoney und Fundingcircle.

Der klassische Finanzberater wird durch den Robo Advisor ersetzt. Interessanterweise müssen die Vorstände der Commerzbank dabei gar nicht lange suchen: Die eigene Tochter Comdirect gehört mit ihrem Anlage-Assistenten  zu den Vorreitern auf diesem Gebiet.

Unternehmen wie die Quirion-Bank bieten persönliche Beratung ohnehin nur noch im Ausnahmefall an. "Hier fehlt ja die menschliche Komponente", mögen Sie jetzt denken. Nun, rein statistisch gefragt: Wie wahrscheinlich ist es, dass Ihr freundlicher Commerzbank-Berater - ersetzen Sie den Unternehmensnamen wahlweise durch Deutsche Bank, Volksbank oder Sparkasse - wirklich der erfolgreichste Aktienexperte ist, als der er sich ausgibt? Statistisch gesehen ist das sogar ziemlich unwahrscheinlich. Unternehmen wie Wikifolio sind hier eine massive Konkurrenz. Sie folgen erfolgreichen Anlegern und kaufen Zertifikate von Investoren mit nachgewiesenen guten Entscheidungen.

Überweisung war gestern

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass eines der schwierigsten menschlichen Probleme bis heute äußerst ungenügend gelöst ist? Wenn Sie mir fünf Euro leihen, habe ich kaum eine Möglichkeit, sie Ihnen ohne den Besitz von Bargeld zurückzugeben. Es sei denn, Sie akzeptieren meine Kreditkarte. Andernfalls muss ich eine Überweisung ausfüllen. Dummerweise habe ich meine IBAN gerade nicht im Kopf. Mit solchen Alltagsproblemen haben sich Banken in den vergangenen Jahren schlichtweg nicht beschäftigt.

Eines der fortschrittlichsten Payment-Systeme hat der Vermittlungsdienst MyTaxi im Einsatz: Sie zahlen mit einem Wischen am Bildschirm. So genannte Blockchains  könnten die Funktion von Banken im Zahlungsverkehr gänzlich überflüssig machen. Das Schweizer Unternehmen Ethereum entwickelt diese komplexe Technologie.

Der Gedanke ist eigentlich ganz einfach: Ich schicke Ihnen eine kurze Notiz, dass ich Ihnen fünf Euro gegeben habe. Diese Notiz ist auf Millionen Rechnern rund um die Welt gespeichert. Was damit entfällt: Eine der wichtigsten Funktionen von Banken - die Dokumentation darüber, dass gerade ein Besitzwechsel von mir zu Ihnen oder umgekehrt stattgefunden hat.

Bankdienstleistungen sind notwendig, Banken nicht

Als Microsoft-Gründer Bill Gates sein berühmtes Zitat "Banking is neccessary, Banks are not" publizierte, schüttelte die Fachwelt den Kopf. Doch seit mindestens zehn Jahren ist abzusehen, dass seine Vorhersage eintrifft. Und was haben die Banken getan? Vergleichsweise wenig. Ein Zukunftslabor hier, eine Start-up-Beteiligung da. Schauen Sie sich einmal maininkubator an , das Start-up-Programm der Commerzbank.

Wie viele revolutionäre Ideen, mit denen die Commerzbank ihre Krise überwinden könnte, finden Sie dort? Einige hoch interessante Start-ups, die es der Bank erlauben würden, in neue Geschäftsfelder zu investieren. Aber nichts, was das Grundproblem der Banken wirklich löst. Warum?

Solange die Rahmenbedingungen gut sind, können selbst Dinosaurier-Geschäftsmodelle erstaunlich lange überleben. Warum also sollten die Verantwortlichen radikal umdenken? Es funktioniert doch. Es waren Trägheit, Selbstgefälligkeit, zu viel Erfolg, die die Banken in ihre missliche Lage gebracht haben, nicht etwa die Niedrigzinsen. Die bringen nur gerade in erschreckender Art und Weise die mangelnde Innovationsfähigkeit der Banken ans Licht.

Wenn Ihnen heute ein Gründer das aktuelle Geschäftsmodell der Banken vorstellen würde - würden Sie investieren? Vermutlich nicht.

Die Commerzbank hat jetzt - auch wenn es für die Beschäftigten schmerzhaft ist - die wahrscheinlich letzte Chance, ihr Geschäftsmodell radikal und digital neu zu denken. Dazu müsste der Vorstand eine schizophrene Strategie  fahren: Einerseits das bestehende Geschäft radikal optimieren, andererseits es genauso radikal kannibalisieren. Ob der Vorstand dazu wirklich bereit ist?

Jens-Uwe Meyer ist Mitglied der MeinungsMacher von manager-magazin.de. Trotzdem gibt diese Kolumne nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion des manager magazins wieder.

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