Mittwoch, 26. Juni 2019

Fusionspoker mit Deutscher Bank Warum Teile des Aufsichtsrats Commerzbank-Chef Zielke absetzen wollen

Tage des Donners: Commerzbank-Chef Martin Zielke (li.), hier mit Deutsche-Bank-Pendant Christian Sewing auf einer Konferenz im August 2018.

Mit Worten und Symbolen haben einige Hundert Commerzbank-Mitarbeiter ihre Meinung über eine mögliche Fusion mit dem Konkurrenten Deutsche Bank schon zum Ausdruck gebracht: "Wir sehen schwarz" stand etwa auf einem Plakat, mit dem die Beschäftigten Anfang dieser Woche bei einem Warnstreik der Gewerkschaft Verdi in Dortmund auf die Straße gingen. Über diesen Satz setzten sie die Logos der beiden Geldhäuser und einen schwarzen Pfeil wie bei einem Hochspannungswarnschild. Die eigentliche Botschaft dieses Plakats: Hochgefährliche Konflikte sind bei dem Zusammenschluss der beiden Institute programmiert.

Zwar ist noch gar nicht sicher, ob es dazu kommt. Doch hinter den Kulissen bahnen sich schon ganz andere Kämpfe an: So wollen einzelne Arbeitnehmer im Aufsichtsrat der Commerzbank nach Informationen von manager-magazin.de eine Abstimmung durchsetzen, um die Fusionsgespräche mit der Deutschen Bank zu beenden und um Commerzbank-Chef Martin Zielke (56) aus dem Amt zu drängen. "Einer, der sich die Fusion so auf die Fahnen geschrieben hat und sie trotz der gewichtigen Argumente dagegen so vorantreibt, kann nicht mehr an der Spitze der Bank stehen, wenn die Fusionsgespräche gestoppt werden", heißt es im Umfeld der Opponenten.

Überhaupt eine Mehrheit zusammenzubekommen, ist allerdings nicht trivial. Die Arbeitnehmerseite muss geschlossen votieren, zudem muss sie mindestens einen Vertreter der Kapitalseite in ihr Lager locken. Zu denen, die einem Zusammengehen mit der Deutschen Bank skeptisch gegenüberstehen, gehören angeblich die Aufsichtsräte Markus Kerber, Staatssekretär im Bundesinnenministerium, und Rainer Hillebrand, stellvertretender Vorstandschef beim Otto-Konzern. Sie wollten sich auf Nachfrage nicht äußern oder waren für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Aus dem Umfeld einiger anderer Aufsichtsratsmitglieder, die die Kapitalseite vertreten, hieß es: Man müsse erst den Ausgang der Gespräche zwischen beiden Häusern abwarten und sehen, was für ein Fusionskonzept Zielke vorlege. "Wenn das nicht überzeugt und sich in der Umsetzung als äußerst schwierig bis unmöglich herausstellt, dann kann ich mir eine Debatte über seine Zukunft an der Spitze der Bank vorstellen", sagte ein Kapitalvertreter. Ein anderer ergänzte: "Es gibt im Moment noch keinen Grund, über Zielkes Abberufung zu reden." Ein weiterer Kapitalvertreter sagte: "Sollten wir das Gefühl haben, er lässt sich auf etwas ein, das nicht im Interesse der Aktionäre ist, werden wir handeln." Und ein vierter Aufsichtsrat der Kapitalseite äußerte sich skeptisch, ob überhaupt die Arbeitnehmerseite einig sei: "Es braucht erstmal Einigkeit unter den Arbeitnehmervertretern für den Plan, Zielke abzusetzen, und da habe ich Zweifel." Aufsichtsratsvorsitzender der Commerzbank ist seit erst einem Jahr Stefan Schmittmann (62), bis 2015 Risikovorstand des Frankfurter Instituts.

Schmittmann erklärte am Mittwoch in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur Reuters, der Vorstand "muss die Option mit der Deutschen Bank prüfen. Das halte ich für richtig und das ist seine Pflicht." Weiter schrieb Schmittmann, "Gerüchte und Spekulationen zu personellen Veränderungen" seien "völlig aus der Luft gegriffen."

Vor knapp einem Monat haben sich Deutsche Bank und Commerzbank darauf verständigt, offizielle Fusionsgespräche aufzunehmen. Spekulationen darüber kochten bereits im vergangenen Jahr hoch, als Finanzminister Olaf Scholz (SPD) und sein Staatssekretär Jörg Kukies die Idee aufbrachten, Deutschland brauche im Bankensektor einen "national champion", und sie energisch vorantrieben. Der Bund hält seit der Finanzkrise 15 Prozent an der Commerzbank.

Analysten zufolge rechnet sich der Plan erst, wenn etwa 30.000 Stellen wegfallen, etliche Filialen geschlossen und die IT-Kosten deutlich gesenkt würden. Gemeinsam kommen beide Institute derzeit auf rund 140.000 Mitarbeiter, 2400 Bankfilialen, 38 Millionen Privat- und Firmenkunden und eine Bilanzsumme von fast zwei Billionen Euro.

Die Arbeitnehmervertreter der Banken machen sich seit Wochen gegen einen Zusammenschluss stark und nutzen dafür Warnstreiks im Zuge der laufenden Tarifrunde. Sie argumentieren, dass die Unruhe, die die Fusionsverhandlungen ausgelöst hätten, jetzt schon Kunden vertreibe und die Mitarbeiter von ihrer eigentlichen Arbeit ablenke. Zudem löse ein Zusammenschluss nicht die Probleme der einzelnen Institute, vernichte aber Arbeitsplätze.

Commerzbank-Chef Zielke gilt in den Gesprächen über die Banken-Ehe als derjenige, der möglichst schnell eine grundsätzliche Entscheidung herbeiführen will. Er soll dafür ursprünglich zwei bis drei Wochen in Aussicht gestellt haben, die inzwischen vorbei sind. Paul Achleitner, Aufsichtsratschef der Deutschen Bank, kündigte Informationen zum Stand Gespräche bis zum 26. April an, wenn Deutschlands größtes Geldhaus die Zahlen fürs erste Quartal veröffentlicht.

Unter einigen der Commerzbanker, die in Arbeitsgruppen gemeinsam mit der Deutschen Bank die Fusion und ihre Umsetzung sondieren, soll sich Skepsis ausbreiten. "In einigen Arbeitsgruppen stehen die Ampeln auf rot", heißt es. "Außer dem CEO gibt es keinen, der die Fusion so dringend will", sagt ein Arbeitnehmervertreter im Kontrollgremium. Er sei daher in dieser Position nicht mehr tragbar. Als mögliche Nachfolgerin gilt Bettina Orlopp, die seit Ende 2017 im Vorstand der Bank Personal, Recht und Compliance verantwortet - und in den vergangenen Jahren den Abbau von fast 10.000 Stellen mit den Arbeitnehmern vereinbarte. "Sie ist angesichts ihrer kompetenten und effizienten Art eines der wenigen Assets, die die Bank derzeit im Vorstand hat", so ein Aufsichtsrat.

Doch sogar wenn die Rädelsführer eine Mehrheit im Aufsichtsrat organisieren sollten, ist ihr Erfolg ungewiss: Wenn demnächst erste Verhandlungsergebnisse vorliegen und der Vorstand eine nicht-bindende Absichtserklärung ("letter of intent") über eine Fusion mit der Deutschen Bank unterschreiben sollte, würde eine Abstimmung darüber im Aufsichtsrat zwar den Usancen entsprechen, Zielke wäre dazu aktienrechtlich aber nicht verpflichtet. Sollte es dennoch dazu kommen und die Kontrolleure sprechen sich gegen weitere Verhandlungen aus, kann der Vorstand dennoch weitermachen - im Extremfall bis eine rechtlich bindende Vereinbarung steht und der Hauptversammlung vorgelegt wird.

Die Fusionskritiker im Aufsichtsrat arbeiten zudem an einem Alternativplan für die Zukunft der Commerzbank, der allerdings noch reichlich vage ist: Statt mit der Deutschen Bank zusammengehen, würde es mehr Sinn ergeben, stärker mit einer Landesbank zu kooperieren oder eine Art Überkreuzbeteiligung einzugehen, um beispielsweise gemeinsam besser die Bedürfnisse von Großkunden im Ausland zu befriedigen und Anforderungen an Regulierung und Compliance kostengünstiger zu erfüllen. Ob sich allerdings eine Landesregierung findet, die nach den Erfahrungen aus der Finanzkrise ihrer Landesbank die Übernahme von Risiken in der Größenordnung der Commerzbank erlaubt, gilt unter Branchenkenner als nahezu ausgeschlossen.

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