Risikovorsorge steigt drastisch Bundesbank erstmals seit 1979 ohne Gewinn

Finanzminister Scholz muss neu planen. Die Geldmaschine Bundesbank wird erstmals seit Jahrzehnten keinen Gewinn abführen. Zentraler Grund: Die Bank stockt in der Corona-Krise die Risikovorsorge auf enorme 18,8 Milliarden Euro auf.
Diesmal nichts: Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat die Überweisung der Zentralbank an den Finanzminister auf Null gekürzt

Diesmal nichts: Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat die Überweisung der Zentralbank an den Finanzminister auf Null gekürzt

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Kay Nietfeld/ dpa

Die Coronavirus-Krise hat tiefe Spuren in der Bilanz der Deutschen Bundesbank hinterlassen: Erstmals seit 1979 fällt die Überweisung aus Frankfurt für den Bundesfinanzminister aus. "Die erhöhte Risikovorsorge ist der Hauptgrund, weshalb die Bundesbank für 2020 ein ausgeglichenes Jahresergebnis ausweist", sagte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann (52) am Mittwoch einer Mitteilung zufolge .

Noch ein Jahr zuvor durfte sich Bundesfinanzminister Olaf Scholz (62, SPD) über eine vergleichsweise üppige Überweisung aus Frankfurt freuen: 2019 hatte die Bundesbank mit 5,85 Milliarden Euro den höchsten Gewinn seit der Finanzkrise erzielt - vor allem, weil sie weniger Geld für mögliche Risiken aus der gemeinsamen Geldpolitik unter Führung der Europäischen Zentralbank (EZB) zurücklegte.

In der Corona-Krise hat die EZB den Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen wieder deutlich ausgeweitet. Nach Einschätzung der Bundesbank haben damit die Ausfallrisiken wieder zugenommen, daher stockte sie ihre sogenannte Wagnisrückstellung um 2,4 Milliarden Euro auf 18,8 Milliarden Euro auf.

Damit werde der Anstieg der Risiken allerdings nur zu einem Teil abgedeckt, sagte Weidmann. "Für das laufende Jahr erwarten wir daher eine weitere Aufstockung der Wagnisrückstellung, zumal mit einer grundlegenden Änderung der Risikolage nicht zu rechnen ist."

Mehr Zinsaufwand, deutlich weniger Erträge

Neben der Risikovorsorge wurde das Jahresergebnis 2020 vor allem durch gestiegene Zinsaufwendungen und zurückgegangene Zinserträge beeinflusst. Die Bundesbank musste mehr Zinsaufwendungen leisten, weil sich die Kreditinstitute im Zuge der Notfallmaßnahmen günstiger bei ihr refinanzieren konnten und diese Refinanzierung stärker in Anspruch nahmen. Gleichzeitig sanken die Zinserträge, weil die Erträge aus den geldpolitischen Wertpapierbeständen und den Devisen zurückgingen und die höheren Erträge aus der Negativverzinsung der Einlagen diesen Rückgang nicht ausglichen.

Als Ausdruck der geldpolitischen Stützungsmaßnahmen und der allgemeinen Unsicherheit in der Corona-Pandemie  weitete sich der Bundesbank zufolge die Bilanzsumme im vergangenen Jahr um 42 Prozent aus. "Nicht nur die Wachstumsgeschwindigkeit ist rekordverdächtig, auch liegt die Bilanzsumme mit 2,53 Billionen Euro deutlich über dem bisherigen Höchststand des Jahres 2018 von 1,84 Billionen Euro", heißt es in der Mitteilung weiter.

Bilanzsumme schwillt um 42 Prozent an

Auf der Aktivseite trugen besonders die längerfristigen Refinanzierungsgeschäfte und das Notfallankaufprogramm Pepp zum Anstieg der Bilanzsumme bei. Hinzu kamen die Liquiditätszuflüsse aus dem europäischen Ausland, wodurch die Target2-Forderung gegenüber der Europäischen Zentralbank erstmals die Marke von einer Billion Euro überschritt und zum Jahresende bei 1,14 Billionen Euro lag. Auf der Passivseite der Bilanz kam es im vergangenen Jahr durch die inländische Liquiditätsbereitstellung über die Refinanzierungsgeschäfte und Wertpapierankäufe sowie durch Liquiditätszuflüsse aus dem Ausland zu einem deutlichen Anstieg der Einlagen.

Das Bundesfinanzministerium plant traditionell einen Bundesbankgewinn in Höhe von 2,5 Milliarden Euro in den Bundeshaushalt ein - so auch für 2021. Seit der Euro-Einführung 1999 erzielte die Bundesbank jedes Jahr Gewinn, den höchsten 2001 mit gut 11,2 Milliarden Euro.

Zwar profitiert die Bundesbank anteilig auch vom EZB-Gewinn. Dieser fiel 2020 allerdings mit gut 1,6 Milliarden Euro ebenfalls deutlich geringer aus als ein Jahr zuvor (2,4 Milliarden Euro). Der Überschuss der EZB wird an die nationalen Zentralbanken der 19 Eurostaaten verteilt. Gut 26 Prozent und damit den größten Teil bekommt gemäß ihrem Anteil am eingezahlten Kapital an der EZB die Bundesbank.

Konjunkturausblick bleibt unsicher

Weidmann rechnet aufgrund der zweiten Infektionswelle und der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie mit einem Rückschlag der Konjunktur in Deutschland im laufenden Quartal. Er dürfte jedoch erheblich schwächer ausfallen als der Wirtschaftseinbruch in der ersten Jahreshälfte 2020. Sobald die Schutzmaßnahmen Stück um Stück gelockert würden, könne die deutsche Wirtschaft wieder auf Erholungskurs steuern. „Effektive Impfstoffe sind rascher entwickelt worden, als vielfach erwartet wurde. Wenn es mit ihrer Hilfe gelingt, die Pandemie in den Griff zu bekommen, wird sich die deutsche Wirtschaft dauerhaft erholen“, sagte Weidmann. Allerdings, bleibe der Ausblick in hohem Maße unsicher.

rei/dpa-afx