BIZ-Jahresbilanz Oberste Zentralbank warnt vor Risiken bei Europas Geldhäusern

Europas Banken haben noch immer an der Finanzkrise zu knabbern. Die Oberste Zentralbank BIZ warnt vor den Risiken der hohen Verschuldung - und vor möglichen Marktturbulenzen durch Großinvestoren.
Frankfurter Skyline: Der europäische Bankensektor befindet sich weiterhin in einer kritischen Situation

Frankfurter Skyline: Der europäische Bankensektor befindet sich weiterhin in einer kritischen Situation

Foto: Arne Dedert/ dpa

Basel/Hamburg - Auch fast sechs Jahre nach dem Höhepunkt der Finanzkrise befindet sich insbesondere Europas Bankensektor einer Studie zufolge weiter in einer kritischen Situation. Weltweit habe die Branche zwar wieder recht gut Tritt gefasst, allerdings bleibe die Lage gerade in Europa angespannt, heißt es im Jahresbericht  der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ). Der Handlungsbedarf sei weiter groß, um die Banken widerstandsfähiger und ihre Geschäftsmodelle langfristig tragfähig zu machen. Die BIZ ist eine Art "Bank der Zentralbanken".

Gerade in Europa sei die hohe Verschuldung der Institute weiter ein Risiko. Allerdings räumt die BIZ ein, dass die Institute in der Euro-Zone zuletzt im Zusammenhang mit dem laufenden Bilanzcheck der Europäischen Zentralbank (EZB) diese Probleme verstärkt angingen. Die Institute machten nun anscheinend Ernst damit, in ihren Bilanzen aufzuräumen und Problemanlagen abzuschreiben.

Die neue Leiterin der bei EZB angesiedelten Bankenaufsicht, Danièle Nouy, kündigte den Kreditinstituten einen "harten" Stresstest an. "Es ist nicht so einfach, uns auszutricksen", sagte die Französin dem Nachrichtenmagazin "Der Spiegel". Die europäische Bankenaufsicht in Frankfurt am Main befindet sich erst im Aufbau, Kritiker halten sie daher nur für eingeschränkt schlagkräftig. "Im November, wenn wir offiziell die Aufsicht über die Banken des Euro-Raums übernehmen, sind wir startklar. Die Hälfte der Mannschaft ist bereits eingestellt", betonte Nouy.

Vorher testet die Behörde die wichtigsten Banken in einem sogenannten Stresstest auf Herz und Nieren. Die Geldhäuser müssen darlegen, wie sich extreme Krisenszenarien auf ihre Bilanz auswirken. Die Ergebnisse sollen im November veröffentlich werden, eine erste Phase ist bereits abgeschlossen. "Die Zahlen werden noch ausgewertet. Ich habe noch kein umfassendes Bild", sagte Nouy dem "Spiegel".

Chefvolkswirt warnt vor Turbulenzen an den Finanzmärkten

Stichtag für den Test sind die Daten von Ende 2013. Die Behördenchefin räumte daher ein, dass aktuelle Entwicklungen sich darin möglicherweise nicht widerspiegeln. Künftig solle es jedoch ein Mal im Jahr einen solchen Bilanzcheck geben. "Aber nicht genauso umfangreich wie dieses Mal", schränkte Nouy ein.

Der neue Chefvolkswirt der BIZ, Hyun Song Shin, warnte vor neuen Turbulenzen auf den Finanzmärkten. Ausgelöst werden könnten sie durch eigentlich als eher konservativ geltende Großinvestoren wie Pensionsfonds oder Vermögensverwalter. Während viele Banken immer noch ihre Wunden leckten, gingen diese angesichts der weltweit niedrigen Zinsen immer höhere Risiken ein, unter Druck teils garantierte Erträge erwirtschaften zu müssen, so Shin. "Aktuell sieht alles zwar sehr gut aus, aber es baut sich möglicherweise ein schmerzhafter und sehr zerstörerischer Umschwung auf."

Insbesondere die geringen Schwankungen der Notierungen an den Weltmärkten seien ein Warnsignal. Durch die aus seiner Sicht trügerische Ruhe werde verdeckt, dass einzelne Investoren schon heute immense Risiken aufgebaut hätten. Anders als vor der jüngsten Krise seien dieses Mal aber nicht die Banken das Problem. "Das passiert jetzt bei den anderen Spielern. Diesen schließen sich inzwischen auch eigentlich langfristig orientierte Investoren an." Deren neues Verhalten berge große Gefahren. "Wir betreten hier bis dato völlig unbekanntes Terrain."

Shin: "Die Risiken haben sich verändert"

Deshalb dürfen nach Ansichts Shins die Bemühungen um eine umfassende Regulierung der Finanzbranche nicht bei den Banken stehen bleiben. "Wir haben die Regulierung der Banken verstärkt, aber die Risiken haben sich verändert. Wir dürfen nicht blind werden für neue Risiken." So seien Investoren inzwischen oft bereit, teils hoch riskante Wertpapiere, etwa Anleihen von Firmen mit niedrigerer oder zweifelhafter Bonität, zu zeichnen. So wurden im vergangenen Jahr weltweit pro Quartal im Schnitt riskante Unternehmensanleihen im Wert von 90 Milliarden Dollar emittiert, die reißenden Absatz fanden. Vor der Krise waren es pro Quartal im Schnitt 30 Milliarden Dollar.

Um durch die Jagd der Investoren nach Rendite entstehenden Spekulationsblasen entgegenzuwirken - etwa an den in vielen Ländern angespannten Immobilienmärkten - sprach sich Shin für staatliche Gegenmaßnahmen aus. In vielen Industrienationen seien die Behörden mit dem Einsatz solcher Mittel zu zurückhaltend. Länder wir Südkorea oder die Stadtstaaten Hongkong und Singapur hätten dagegen sehr gute Erfahrungen damit gemacht, sagte Shin, der vor einigen Jahren in seinem Heimatland an der Einführung entsprechender Instrumente beteiligt war. "Die Zurückhaltung liegt auch daran, dass diese Instrumente kaum erprobt worden sind in den Industrienationen." Den Entscheidungsträgern seien die Möglichkeiten, die sie hätten, oft kaum bekannt. "Da ist noch einiges zu tun."

Großbritannien führt ab Oktober wegen des Immobilienbooms in London und anderen Großstädten Grenzen bei Hypothekenkrediten ein. Diese dürfen das 4,5-Fache des Einkommens des Schuldners nicht mehr übersteigen. Nach Angaben der Notenbank wird die neue Regel bei 85 Prozent der neuen Kredite greifen. Zudem müssen Häuslebauer bald auch nachweisen, dass sie auch dann noch in der Lage sind ihre Raten zu schultern, wenn das Zinsniveau steigt, also die Zentralbank ihren Leitzins wieder erhöht. Auch in Deutschland sind die Preise für Immobilien in den Ballungsräumen und auch in mittelgroßen Städten zuletzt massiv gestiegen. Die Bundesbank spricht zwar noch nicht von einer Spekulationsblase, wohl aber von lokalen Überhitzungen.

ts/dpa/rtr
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