Donnerstag, 5. Dezember 2019

China führt die globale Fintech-Revolution an Das Ende der Kreditkarte

Kontaktloses Bezahlen: Keine Kreditkarte mehr nötig
Getty Images
Kontaktloses Bezahlen: Keine Kreditkarte mehr nötig

Wolfgang Hirn

Kürzlich auf einem Finnair-Flug von Shanghai nach Helsinki: Eine Chinesin kauft ein teures Parfum. Beim Bezahlen zückt sie keine Kreditkarte. Stattdessen reicht sie der Stewardess ihr Handy. Diese scannt den QR-Code der Kundin und fertig ist der Bezahlprozess. Bei Finnair, in über 2000 europäischen Restaurants und Geschäften - darunter Londons Nobelkaufhaus Harrods - kann man inzwischen mit Alipay bezahlen. Und täglich werden es mehr.

Damit wird eine Revolution nach Europa exportiert, die in China längst begonnen hat - eine Revolution im Finanzwesen. Kreditkarten, Geldautomaten, Bankfilialen, Versicherungsbüros werden dort zunehmend überflüssig, weil viele Transaktionen - ob

Bezahlen, Überweisen, Kreditvergabe oder Versicherungsabschluss - online getätigt werden. Kein Land ist bei dieser Entwicklung soweit fortgeschritten wie China.

Bei Fintech ist China inzwischen weltweit der Benchmark. In ihrem Report "The Rise of FinTech in China" kommen die Experten von der Wirtschaftsprüfergesellschaft EY und der DBS Bank aus Singapur zum Schluss: "China ist zweifelsohne das globale Zentrum der FinTech-Innovation und -Adaption geworden."

Wer wissen will, wie die bargeldlose Gesellschaft der Zukunft aussehen wird, kann das in China an jeder Ecke erfahren. Ob bei Starbucks Börsen-Chart zeigen oder im Convenientstore 7-Eleven, ob auf dem Markt oder im Restaurant - die meisten Chinesen legen statt Bargeld oder Kreditkarte ihr Handy hin. Rund 470 Millionen Chinesen zahlten im vergangenen Jahr mit ihrem Smartphone.

Profiteure sind sie beiden Internetgiganten Alibaba und Tencent mit ihren Bezahlsystemen Alipay und Tenpay. Sie dominieren den Markt, auf dem sich noch ein paar kleinere Anbieter wie ICBC e-wallet, JD Pay/Wallet oder 99bill tummeln, hinter denen aber auch große Konzerne stecken.

Kreditwünsche innerhalb von Minuten

Aber in China wird nicht nur massenhaft online bezahlt, sondern auch Geld geliehen und angelegt. Auch im Konsumentenkreditgeschäft mischen die Internetkonzerne Alibaba, Tencent und JD.com mit, aber auch Handelsketten wie Gome. Sehr innovativ ist das 2015 gegründete Startup Dumiao. Es erfüllt innerhalb weniger Minuten die Kreditwünsche. So kommt es immer öfters vor, dass Kunden noch im Laden einen Kredit bei Dumiao beantragen, damit sie das gewünschte Produkt kaufen können. Im Peer-to-peer (P2P)-Bereich, also im Geldverleih zwischen Privaten oder Unternehmen, haben sich einige veritable Plattformen etabliert: Dianrong, Yirendai (bereits in New York gelistet) und der angesehene Marktführer Lufax, an dem unter anderen der Versicherungskonzern Ping An beteiligt ist.

Während das Kreditgeschäft im Netz boomt, ist der Online-Verkauf von Versicherungen erst am Anfang seiner Entwicklung. Aber auch hier hat sich bereits ein gewichtiger Player etabliert: Zhong An, hinter dem - wen wundert das noch - Alibaba Börsen-Chart zeigen und Tencent, aber auch Ping An stecken. Demnächst ist ein Teil-IPO geplant. Zhong An, erst 2013 gegründet, ist heute schon ein Gigant. Über 200 verschiedene Versicherungen hat das Unternehmen aus Shanghai im Portfolio, darunter auch eine gegen Flugverspätungen oder extreme Hitze.

Mehr als Schufa

Gründe für den Fintech-Boom in China gibt es einige. Die Chinesen haben eine hohe Affinität zu allen Online-Aktivitäten. Dabei plagen sie nicht die Sicherheitsbedenken, die viele im Westen haben. Außerdem trauen die meisten Chinesen den etablierten Banken und Versicherungen, meist in Staatsbesitz, traditionell nicht (viel zu). Hinzu kommt: Chinas Banken haben gerade kleineren, privaten Unternehmen häufig Kredite verweigert.

Es bleibt die große Frage: Wie sieht es mit der Kreditwürdigkeit und Seriosität der Kunden aus? China hat ja kein Schufa-System. Aber China hat was viel Besseres: Eine riesige Menge an Daten, die die Kunden durch ihre vielen Aktivitäten im Internet hinterlassen. Ein Alibaba Börsen-Chart zeigen, Tencent oder Ping An hat deshalb Kundenprofile, da würden die Schufa-Schnüffler vor Neid erblassen.

Aber China wäre nicht China, hätte es nicht auch in diesem Geschäft die ein oder andere Skurrilität zu bieten. Ein Online-Kreditgeber verlangte zur Sicherheit ein Nacktfoto des Kreditnehmers. Sollte dieser seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nachkommen, droht er mit der Veröffentlichung des Fotos im Netz. Die Chinesen schaffen es also auch noch einem nackten Mann in die Tasche zu greifen.

© manager magazin 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung