Mittwoch, 18. September 2019

Finanzbranche "Die Banken stehen vor einem radikalen Wandel"

Bankenviertel in Frankfurt: "Es bleibt ein Ungleichgewicht zwischen den Anreizen auf sehr hohe Gewinne und den Verlusten, die im Zweifel die Allgemeinheit tragen muss"

Die Erträge werden mittelfristig kaum wachsen, die Kapitalkosten deutlich steigen: Wenn ein Finanzinstitut unter den neuen Spielregeln bestehen will, muss es sich radikal ändern, sagt BCG-Partner Robert Grübner. Eine Trennung von Investmentbanking und Einlagengeschäft würde sehr teuer.

mm: Herr Grübner, die großen internationalen Banken üben sich neuerdings demonstrativ in Bescheidenheit. Bei der Deutschen Bank Börsen-Chart zeigen etwa verzichtet Co-Chef Anshu Jain auf einen Teil seines Bonus für 2012. Botschaft: Wir wollen nachhaltiger werden und das Image des bösen, geldgierigen Bankers abstreifen. Glauben Sie die Story?

Grübner: Das Image steht bei diesen Ankündigungen nicht im Vordergrund. Die Banken stehen vor einer radikalen Transformation, um unter den veränderten Rahmenbedingungen nach der Finanzkrise zu überleben. Die Erträge werden mittelfristig kaum wachsen und dabei weiter stark schwanken, die Kapitalkosten deutlich steigen und die Betriebskosten müssen deutlich sinken um die Renditeanforderungen der Investoren zukünftig wieder zu erfüllen.

mm: Für viele Banker bedeutet das eine Gratwanderung.

Grübner: Vielen Mitarbeitern insbesondere der Investmentbanken bieten sich täglich starke Anreize zur Inkaufnahme übermäßiger Risiken. Eine starke Firmenkultur, geprägt durch Risikobewusstsein, ist entscheidend um eine Organisation zu führen, in der die Mitarbeiter diesen Anreizen widerstehen. Ein solcher Wandel kann nur erfolgreich sein, wenn die Führung des Instituts mit gutem Beispiel vorangeht.

mm: Gerade die Investmentprofis der Banken stehen unter erheblichem Druck. Was muss passieren, damit sich interne Skandale wie die milliardenschweren Handelsunfälle oder kriminelle Aktionen wie die Libor-Manipulationen nicht wiederholen?

Grübner: Für Banken muss das Interesse, Handelsunfälle und Manipulationen zu vermeiden, mindestens so groß sein wie die Aussicht auf kurzfristig hohe - zum Teil sehr hohe - Gewinne. Hier hilft ein Blick in die Vergangenheit: Als Investmentbanken noch in einer Partnerschaft organisiert waren, in denen das eigene Geld investiert wurde, gab es deutliche Unterschiede zu heute. Die Fluktuation der Mitarbeiter war oft wesentlich geringer, die Bedeutung und Vergütung der Kontrollfunktionen relativ zu Handelseinheiten und das Risikobewusstsein der obersten Führungsebenen deutlich höher, um nur einige Beispiele zu nennen. Auf diese Kultur müssen sich die Banken wieder stärker besinnen. Darum geht es letztlich bei der aktuellen Umstellung der Steuerungs- und Vergütungssysteme innerhalb der Institute.

mm: Reicht das aus? Oder müssen Politik und Aufsichtsbehörden die Banken noch härter regulieren?

Grübner: Nach der Finanzkrise hat die Politik ja bereits reagiert. Banken müssen deutlich mehr Eigenkapital hinterlegen, die Aufsicht ist und soll weiter gestärkt und die Anforderungen an die Kontrollfunktionen und Berichtspflichten der Banken sind bereits erheblich verschärft worden. Die Transparenz und Besicherung der Geschäfte insbesondere auf den Anleihemärkten soll deutlich verbessert werden.

Diese Maßnahmen lösen aber nicht das Problem, dass die Pleite einer Großbank und damit die Inanspruchnahme der Eigen- und insbesondere der Fremdkapitalgeber einer Bank letztlich wegen der erheblichen Nachwirkungen für das Finanzsystem kaum möglich sind. Damit bleibt auch ein Ungleichgewicht zwischen den Anreizen auf sehr hohe Gewinne für die Banken und einige wenige Mitarbeiter und den Verlusten die im Zweifel die Allgemeinheit tragen muss. Um dieses Problem zu lösen, müsste das Bankensystem noch viel grundlegender verändert werden.

mm: Manche Ökonomen fordern genau das. Sie argumentieren, nur mit einer Vervielfachung der heutigen Eigenkapitalausstattung der Banken lasse sich das Finanzsystem wirklich sicherer machen. Schließlich sei der Einsatz von Fremdkapital, also Schulden, in keiner anderen Branche so hoch wie im Banking.

Grübner: Der Kern des Problems, den diese Ökonomen ansprechen, ist die implizite staatliche Garantie für die Banken deren Pleite hohe gesamtwirtschaftliche Kosten verursachen würde. Nur wenn diese Garantie tatsächlich aufgehoben werden soll kann eine deutlich höhere Eigenkapitalquote für Banken sinnvoll sein. Die Aufgabe der impliziten staatlichen Garantie macht jedoch die Finanzierung der Banken für die privaten Eigen- und Fremdkapitalgeber erheblich teurer und erhöht damit auch die Hürden, die Banken für ihre Kreditvergabe anlegen müssen.

Die Kreditvergabe an Unternehmen kann in einem solchen Fall tatsächlich sinken und der Anreiz für Banken, unverhältnismäßig hohe Risiken einzugehen, wäre nur sehr geringfügig reduziert - vielleicht sogar erhöht. Es muss für die Politik darum gehen, die Vorteile der impliziten Subvention des Bankenwesens für die Kunden der Banken, also Unternehmen und Privatkunden und damit die Volkswirtschaft, zu nutzen und zu verhindern, dass diese von wenigen Mitarbeitern der Banken oder Investoren vereinnahmt wird.

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