Montag, 19. August 2019

Goldman Sachs Schlammschlacht um kritisches Buch

Goldman-Sachs-Zentrale: Dort ärgert man sich offenbar erheblich über das Buch eines Ex-Kollegen

Der Gastbeitrag eines Goldman-Sachs-Bankers in der "New York Times" sorgte im März für weltweite Schlagzeilen, nun folgt das Buch. In den USA tobt deswegen eine Schlammschlacht.

New York - Auf dieses Buch hat die Wall Street seit Monaten gewartet: Greg Smith legt seine persönliche Abrechnung mit Goldman Sachs vor. Der Mann ist nicht irgendwer: Er hatte im März nach zwölf Jahren bei der berühmt-berüchtigten US-Investmentbank gekündigt und in einem Gastbeitrag in der "New York Times" mächtig Dampf abgelassen. Die Kunden würden abgezockt und als "Muppets" verspottet, schrieb Smith damals. Die Firmenkultur sei verroht, lautete sein ernüchterndes Fazit.

Die Worte schlugen ein wie eine Bombe. Selten hatte ein Banker so über seinen (Ex-)Arbeitgeber hergezogen. Das Buch, das an diesem Montag erscheint, soll weitere Details preisgeben. Es heißt wörtlich übersetzt "Warum ich Goldman Sachs verlassen habe". Die deutsche Fassung, die am 2. November herauskommt, titelt allerdings reißerischer: "Die Unersättlichen. Ein Goldman-Sachs-Banker rechnet ab." Der Verlag verspricht einen "einzigartigen Blick hinter die Kulissen des Wall-Street-Giganten".

Das Buch ist noch nicht draußen, da tobt schon eine PR-Schlammschlacht in den Vereinigten Staaten. Goldman Sachs spielte der Finanz-Nachrichtenagentur Bloomberg die Ergebnisse eines internen Untersuchungsberichts über Greg Smith zu. Darin wird sein Abgang in ein für ihn wenig schmeichelhaftes Licht gerückt: Wenige Monate zuvor habe Smith eine Gehaltsverdoppelung auf eine Million Dollar im Jahr gefordert sowie eine Beförderung. Beides sei abgelehnt worden.

Nun steht die Frage im Raum: Haben Greg Smith edle Motive geleitet oder war es platte Rache? Smith geht in einem Interview mit dem bekannten US-Fernsehjournalisten Anderson Cooper in die Offensive: Er habe sein Herzblut in die Arbeit bei Goldman Sachs gesteckt und gehofft, sein Gastbeitrag wäre ein Weckruf für das Management. "Denn es gibt viele Leute, die die Dinge intern eingestehen, aber niemand wagt es, sich öffentlich zu äußern." Als Verrat sehe er sein Auftreten nicht an.

Ist das Buch die ganze Aufregung überhaupt wert? Ein paar Exemplare kursierten bereits Tage vor dem Erscheinen unter der Hand. Die Kritiken fielen eher durchwachsen aus. Das Internetportal Politico meinte, das Buch enthalte wohl eher keine Enthüllungen über Goldman Sachs' Geschäftspraktiken, die die Bank in Bedrängnis bringen könnten. "Und die Geschichten übers wilde Feiern werden kaum überraschen."

Zwei Autoren der "New York Times" kommen zu einem ähnlichen Schluss: Greg Smith beschreibe die Freuden des Jobs, aber liefere kaum neue Hinweise auf fragwürdige Praktiken in der Firma. Dem Buch fehle es schlicht an Fakten. Zudem gebe es einige Ungereimtheiten.

Warum kochte die Geschichte dann von Anfang an überhaupt so hoch? Es liegt an Goldman Sachs. Vielen Menschen ist diese Bank unheimlich: Über Jahre war sie das bestverdienende Haus an der Wall Street - selbst dann noch, als andere heftige Verluste einfuhren wie in der Finanzkrise 2008. Der Bank werden exzellente Kontakte in die Politik nachgesagt - sowohl der ehemalige US-Finanzminister Henry "Hank" Paulson als auch der amtierende EZB-Chef Mario Draghi haben bei Goldman Sachs gearbeitet.

Kurz nach der Finanzkrise war Goldman das bevorzugte Ziel von Wall-Street-Kritikern. Das US-Magazin "Rolling Stones" nannte die Bank in einem legendär gewordenen Artikel eine "große Vampir-Krake, die sich um das Gesicht der Menschheit geschlungen hat und ihren blutsaugenden Rüssel unerbittlich in alles hineinschlägt, was nach Geld riecht". Senator Carl Levin, der dem Ausschuss des US-Senats zur Aufklärung der Finanzkrise vorstand, hatte Goldman Sachs und Bankchef Llyod Blankfein wiederholt "dreckige Geschäfte" unterstellt.

Ihren Gipfel erreichte die öffentliche Hatz in den Vorwürfen der US-Börsenaufsicht SEC, die Bank habe Investoren beim Verkauf von Hypothekenpapieren hinters Licht geführt, um selbst abzukassieren. Über Monate standen Goldman und Blankfein am Pranger. Am Ende zahlte das Wall-Street-Haus in einem Vergleich 550 Millionen Dollar (422 Mio Euro), um aus den Schlagzeilen zu kommen.

Seit einiger Zeit herrscht allerdings Ruhe. Goldman taucht in keinem der großen Bankskandale der vergangenen Monate auf: nicht bei der Manipulation des Libor-Zinssatzes, nicht bei der angeblichen Geldwäsche für Drogenhändler und Terroristen und nicht bei der Hilfe zur Steuerhinterziehung für reiche US-Amerikaner. Aber auch die Zeit der Mega-Gewinne scheint erst einmal vorbei: Das große Geld machen derzeit andere Banken wie JPMorgan Chase oder Wells Fargo.

got/dpa

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