Liborskandal Bank-Co-Chef Jain trotzt Belastungsprobe

Die Deutsche Bank gerät unter Druck: Der Gewinn bricht ein, nun wollen Anshu Jain und Jürgen Fitschen die Kosten kräftig nach unten drücken. Zu allem Überfluss schwelt die Libor-Affäre weiter, die besonders für Jain gefährlich werden könnte.
Von Christopher Krämer
Führungs-Duo sucht die Offensive: Anshu Jain (links) und Jürgen Fitschen

Führungs-Duo sucht die Offensive: Anshu Jain (links) und Jürgen Fitschen

Foto: REUTERS

Hanburg - Ursprünglich wollten die beiden neuen Vorsitzenden der Deutschen Bank Anshu Jain und Jürgen Fitschen erst im September die neue Strategie für das Geldinstitut vorstellen. Kurz nach seinem Amtsantritt im Juni sah Jain großen Handlungsbedarf in nahezu allen Bereichen: Beim Geschäftsmodell, der Kapitalausstattung, der Kostenstruktur und der Liquidität.

Schlechte Zahlen und die Affäre um die mutmaßliche Manipulation der Referenzzinssätze Libor und Euribor haben diesen Zeitplan nun gehörig durcheinander gebracht. Am Dienstag nahmen Jain und Fitschen höchstpersönlich bei der Telefonkonferenz mit Analysten teil, um die durchwachsenen Quartalszahlen zu erklären und erste strategische Entscheidungen zu verkünden. Drei Milliarden Euro will das Institut demnächst pro Jahr einsparen, rund 2000 Mitarbeiter sollen die Bank verlassen. Das Signal ist klar: Jain und Fitschen versuchen, wieder in die Offensive zu kommen und Handlungsfähigkeit zu demonstrieren.

Doch besonders der Libor-Skandal könnte sich für die Deutsche Bank  noch als sehr gefährlich erweisen. Das Institut steht im Fokus der Ermittlungen, international sind andere Schwergewichte wie UBS , Citigroup  oder JP Morgan unter Beobachtung. Dazu kommt Anshu Jain als ehemaligen Chef des Investmentbankings eine besondere Verantwortung zu, denn die Manipulationen sollen in einem von ihm verantworteten Bereich stattgefunden haben. Zu allem Überfluss hat die Deutsche Bank einen heftigen Gewinneinbruch erlebt. Die Deutsche Bank ist als einziges deutsches Institut an der Festsetzung des Libor beteiligt.

Der Libor ist der wichtigste Referenzzinssatz und maßgeblich für Dollar-Transaktionen. Er zeigt an, zu welchen Konditionen sich Banken untereinander Geld leihen können. An diesem Zins orientieren sich zahlreiche andere Geldgeschäfte, wie Derivate oder Hypotheken. Insgesamt sollen Geldgeschäfte im Wert von mehrere Hundert Billionen Euro am Libor hängen. Bisher kam der der Referenzzinssatz so zustande: Einmal täglich melden 18 internationale Banken dem britischen Bankenverband Schätzungen über die Zinsen, zu denen sie sich von anderen Banken ohne Sicherheiten Geld leihen könnten. Die höchsten und niedrigsten vier Schätzungen werden bei der Berechnung ausgeklammert.

Recht ähnlich sieht das Verfahren beim Euribor aus, dem europäischen Gegenstück zum Libor. Allerdings sind hier über 40 Banken dabei beteiligt, darunter allein acht Institute aus Deutschland.

Kaum kalkulierbare Risiken für die Deutsche Bank

Die Vorwürfe der Manipulation wiegen schwer: Offenbar soll ein Kreis von 16 Banken und über 30 Tradern die Zinssätze ab dem Jahr 2005 künstlich nach oben oder unten getrieben haben, um mit eigenen Spekulationsgeschäften Gewinne einzufahren. Für viele anderen Marktteilnehmer war das schädlich: War der Zins zu hoch, zahlten Kreditnehmer die Zeche. Im entgegengesetzten Fall lag der schwarze Peter bei den Geldanlegern, die zu geringe Zinsen für ihr eingesetztes Kapital erhielten.

Durch die Beteiligung drohen der Deutschen Bank erhebliche Risiken, die bislang noch kaum zu kalkulieren sind. Derzeit läuft eine Sonderprüfung der Bundesanstalt für Finanzaufsicht (BaFin), die Ergebnisse werden Mitte August erwartet. Seit gut zwei Jahren bereits ermitteln die BaFin und britische sowie amerikanische Behörden. Für die deutschen Behörden sind Mitarbeiter der Bundesbank innerhalb der Deutschen Bank mit den Ermittlungen betraut. Bafin-Präsidentin Elke König warnte die Institute bereits vor hohen Forderungen: "Grundsätzlich müssen Banken für eventuelle Schäden angemessene Rückstellungen bilden", sagte König in einem Interview.

Ein Institut musste bereits eine Strafe von rund 500 Millionen Euro zahlen. Die britische Barclays  wurde von britischen und amerikanischen Aufsichtsbehörden zu dieser Rekordstrafe verdonnert. Allerdings liegt der Fall hier anders: Offenbar ging die Initiative von ganz oben aus, künstlich niedrige Zinsen zu melden. Barclays wollte so den Eindruck erwecken, sich immer noch leicht Geld leihen zu können.

Nach einem Schuldeingeständnis nahmen Vorstandschef Bob Diamond und weitere Führungskräfte ihren Hut. Heftige Reaktionen kamen aus der britischen Politik: Wirtschaftsminister Vince Cable bezeichnete den Finanzsektor als "riesige Kloake", Oppositionspolitiker Ed Miliband sagte, das gesamte Finanzsystem sei "institutionell korrupt."

Im Unterschied dazu sollen sich im Fall der Deutschen Bank und anderen Instituten Trader der unteren Hierarchiestufen abgesprochen haben, um von höheren Bonuszahlungen zu profitieren. Die entscheidenden Fragen lauten deshalb: Haben die Verantwortlichen etwas gewusst? Und wenn nicht: Hätten sie etwas wissen müssen, und waren die Kontrollmechanismen unzureichend? Welche Verantwortung trägt dabei Anshu Jain, der damals das Investmentbanking verantwortete?

"Erheblicher Vertrauensverlust für die gesamte Branche"

Der Aufsichtsratvorsitzende Paul Achleitner hat Jain demonstrativ den Rücken gestärkt. Am Dienstag wandte er sich in einem Brief an die Mitarbeiter des Instituts: Kein amtierendes oder ehemaliges Mitglied sei nach den bisherigen Ermittlungen in die Vorgänge verwickelt. Bereits seit 2010 laufen interne Untersuchungen bei der Deutschen Bank, die Ex-Vorstandschef Josef Ackermann und Ex-Risiko-Vorstand Hugo Bänziger angestoßen haben. Zwei Mitarbeiter mussten das Institut bereits verlassen, andere wurden degradiert.

Die Affäre schlägt hohe Wellen. Der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken spricht von einer negativen Wirkung der Zinsmanipulationen für die gesamte Branche, der Deutsche Sparkassen und Giroverband warnt vor einem "erheblichen Vertrauensverlust.

"Es stehen schwere Vorwürfe im Raum, der Libor ist eine zentrale Größe", sagt Bernhard Herz von der Forschungsstelle für Bankrecht und Bankwirtschaft an der Universität Bayreuth. Diese Affäre sei ein weiterer Image-Verlust für die gesamte Finanzbranche, aber besonders für die großen Institute. Möglicherweise könnten kleine Banken davon profitieren, sagt Herz. Auch Klaus-Peter Berger vom Institut für Bankrecht an der Universität zu Köln spricht von schweren Vorwürfen gegen die Deutsche Bank und verweist auf die Höhe der Werte, die im Raum stehen.

Auch die EU-Kommission untersucht den Fall und hat ein Kartellverfahren eingeleitet. Im für die Institute schlimmsten Fall kann die Kommission Strafen von bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes verhängen. Künftig soll die Manipulation von Marktbarometern wie Libor und Euribor europaweit strafbar sein. Dazu soll der Gesetzentwurf zur Verfolgung von Insiderhandel und Marktmissbrauch weiter als bisher gefasst werden, haben die zuständigen EU-Kommissare Michael Barnier (Binnenmarkt) und Vivianne Reding (Justiz) angekündigt.

Die Deutsche Bank hat sich bereits vorsorglich den Status eines Kronzeugen für Europa und die Schweiz gesichert, was ihr im Falle von Strafzahlungen eines Nachlass garantiert. Dies möchte die Deutsche Bank freilich nicht als Schuldeingeständnis verstanden wissen.

Klagen in den USA könnten teuer werden

Gefahr droht allerdings von anderer Seite: "Weit gefährlicher für die Deutsche Bank als eine eventuelle Strafzahlung sind mögliche Schadensersatzforderungen, besonders in den USA", sagt Herz. Tatsächlich haben sich in den USA bereits Fondsgesellschaften und Kommunen zusammen getan und bereiten eine Sammelklage vor. Auch in Deutschland sollen verschiedene Rechtsanwaltkanzleien bereits Anleger um sich schwaren, um eine Klage vorzubereiten.

Die Erfolgsaussichten für solche Klagen sind aber - zumindest in Deutschland - mehr als zweifelhaft. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass Klagen in Deutschland erfolgreich sind. Dazu müsste bewiesen werden, wie der Zinssatz ohne Manipulation ausgesehen hätte", sagt Berger. Das sei kaum zu berechnen, so der Bankrechts-Experte. In den USA allerdings könnten die Klagen für die Deutsche Bank durchaus teuer werden.

Welche Kosten am Ende auf die Deutsche Bank tatsächlich zukommen, lässt sich bislang noch kaum abschätzen. Die US-Investmentbank Morgan Stanley rechnet mit Kosten im Bereich von bis zu einer Milliarde US-Dollar für das Institut. Als sicher gilt allerdings, dass die Institute ihre Versicherer in Anspruch nehmen werden.

Schon jetzt ist klar, dass die Affäre Folgen haben wird für das internationale Finanzsystem. Das gilt insbesondere für den Mechanismus von Libor und Euribor. Herz von der Universität Bayreuth sieht "dringenden Reformbedarf" bei der Bildung der beiden Referenzzinssätze: "Es liegt auf der Hand, dass statt der Schätzungen marktbasierte Lösungen gefunden werden müssen", sagt Herz.

Tatsächlich kursieren bereits verschiedene Vorschläge für eine Reform des Mechanismus. Anfang September treffen sich Notenbanker verschiedener Nationen in Basel, um über Reformen zu beraten. Der kanadische Notenbankchef Mark Carny geht dabei am weitesten: Er hat die Abschaffung des Libor ins Gespräch gebracht.

Anshu Jain kann das nur Recht sein. Er will die Libor-Affäre möglichst bald hinter sich lassen und sich wieder voll auf das Geschäft der Deutschen Bank konzentrieren. Er und Fitschen müssen bald schlüssig erklären, wie sie Kosten einsparen und die Gewinne des Instituts wieder steigern wollen.

Für zusätzliches Störfeuer sorgt indes Ex-Vorstandschef Josef Ackermann: Nach einem Bericht der "Financial Times Deutschland" soll Ackermann seine Nachfolger Jain und Fitschen nun in kleiner Runde als "Loser" bezeichnet haben. Ackermann dementierte diese Meldung jedoch sofort. Der Schweizer hat sich stets gegen Jain als seinen Nachfolger ausgesprochen und soll den Aufsichtsrat explizit vor Risiken im Investmentbanking gewarnt haben. Nach Medienberichten soll die Zinsaffäre dabei ein zentrales Argument von Ackermann gegen Jain gewesen sein.

Schließlich geschahen die in Rede stehenden Zins-Manipulationen in Jains Bereich. Eine juristische Verantwortung erwächst daraus für Jain allerdings nicht: "Es wird keine rechtlichen Konsequenzen für Anshu Jain geben", sagt Berger von der Universität Köln. Völlig frei machen kann sich Jain dennoch kaum von den Ereignissen: "Er trägt die politische Verantwortung für Vorkommnisse in seiner Abteilung", sagt Berger.

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