Senatsanhörung Kleinlauter J.P.Morgan-Chef gesteht Schlamperei

Das schockte die Finanzwelt: J.P.Morgan machte im Mai zwei Milliarden Dollar Verlust mit einer Derivatewette. Jetzt hat sich J.P.Morgan-Chef Jamie Dimon dafür vor dem US-Senat rechtfertigen müssen - und lieferte den Abgeordneten versehentlich einen Steilpass für strengere Finanzregeln.
Von Markus Gärtner
J.P.Morgan-Chase-Chef Jamie Dimon: Rechtfertigung vor dem Bankenausschuss des US-Senats

J.P.Morgan-Chase-Chef Jamie Dimon: Rechtfertigung vor dem Bankenausschuss des US-Senats

Foto: Michael Reynolds/ dpa

Washington - Er schlug sich zwei Stunden lang wie erwartet gut. Aber er konnte es nicht verhindern: J.P.Morgan-Chef Jamie Dimon lieferte dem Kongress bei der viel beachteten Anhörung am Mittwoch eine Steilvorlage für strengere Finanzmarkt-Regeln. Er könne den milliardenschweren Verlust aus dem am 10. Mai bekannt gewordenen Derivate-Deal auf einen Anleiheindex "nicht verteidigen", musste der 56-Jährige mit dem silbergrauen Haar zugeben. Und er machte für das Derivatedebakel unzureichende interne Risikokontrollen verantwortlich. Den Händlern seines Hauses, die die brisanten Wetten eingegangen waren, attestierte Dimon, sie hätten diesen Deal nicht richtig verstanden.

"King Jamie" begann kleinlaut und musste sich im Bankenausschuss des US-Senats gleich zu Beginn zahlreiche knifflige Fragen gefallen lassen. Zum Beispiel diese vom Demokratischen Senator Tim Johnson aus South Dakota: "Wie kann eine Bank ein so hohes Risiko auf sich nehmen, wenn es das eigentliche Ziel des Derivate-Deals ist, Risiko zu verringern ? Oder ging es etwa darum, Geld mit der Wette zu machen?"

Bevor J.P.Morgan-Chef Jamie Dimon überhaupt auf die beißenden Fragen antworten konnte, unterbrachen Proteste die Anhörung. "Dieser Mann ist ein Gauner, er gehört ins Gefängnis", rief ein Aktivist durch den Saal. Als er von Sicherheitskräften rausgetragen wurde, sprangen Dutzende von Zuschauern auf und skandierten "Stoppt die Zwangsversteigerungen." Eine mehrminütige Unterbrechung hielt den energiegeladenen Bankenboss des größten US-Geldhauses jedoch nur kurz von seinem sorgfältig vorbereiteten Auftritt ab. "Wir haben eine Menge Leute enttäuscht und es tut uns Leid", entschuldigte sich Dimon in einer schon am Vorabend verbreiteten Erklärung. Die milliardenschweren Verluste, die der J.P.Morgan-Chef am 10. Mai erstmals eingeräumt hatte, seien als Sicherungsgeschäft getätigt worden, hätten sich dann aber in etwas verwandelt, "das ich nicht öffentlich verteidigen" kann.

J.P-Morgan-Chef: "Wahrscheinlich werden einige Boni zurückgefordert"

Der Mann, dem viele an der Wall Street das solideste Ego und das ausgeprägteste Selbstbewusstsein bescheinigen, begann seine viel beachteten Ausführungen denkbar defensiv. Er musste zugeben, dass die Risiken der Wette, die sein Chief Investment Office Ende März und Anfang April ins Minus abgleiten sah, von den Spezialisten der Bank unterschätzt worden waren: "Die Händler hatten nicht das richtige Verständnis von den Risiken, die sie eingingen", räumte Dimon ein, "als die Derivate-Positionen Anfang April erste Verluste auswiesen, gingen die Händler fälschlicherweise von einer vorübergehenden Marktbewegung aus." Kein Wort davon, wie viele Details die Vorstandsetage wirklich kannte.

Beim folgenden Hinweis des 56-jährigen Dimon, die fehlgeschlagene Wette auf einen Index aus Firmenanleihen sei "ein isolierter Fall", griff Tim Johnson noch einmal ein: "Hatte die zuständige Abteilung aufgrund der ausgelobten Boni einen Grund, ein höheres Risiko einzugehen?", piekste der Senator den Banker. Das Vergütungsmodell der Bank habe nicht zu dem gewagten Deal beigetragen, versicherte Dimon, doch "wahrscheinlich werden einige Boni zurückgefordert." Das besänftigte aber nur wenige Senatoren in dem Ausschuss. J.P.Morgan hatte vor einigen Wochen eingestehen müssen, dass die Verluste aus dem geplatzten derivate-Deal noch höher als ursprünglich beziffert ausgefallen waren.

Mehrere Fernsehsender übertrugen die zweistündige Anhörung landesweit live, darunter CNBC und Bloomberg TV. Das war eine Gelegenheit, die sich den Politikern im US-Parlament bis zum Tag der Präsidentenwahl am 6. November nicht so oft bietet. Also bohrten vor allem die Demokratischen Senatoren kräftig nach.

Seltsamer Slalom in der Risikoeinschätzung

Robert Menendez aus New Jersey erinnerte den fein gezwirnten Banken-Boss daran, dass sein Geldhaus in der Finanzkrise 391 Milliarden Dollar an zinsgünstigen Krediten und anderer Finanzhilfe in Anspruch genommen habe. Dimon habe doch gegen Obamas Finanzmarktreform gewettert. Wie könne es dann dazu kommen, dass seine Derivateabteilung "Russisches Roulette" spiele?

Das Geld sei seiner Bank mehr oder minder aufgedrängt worden, korrigierte Dimon. Seine Ausführungen, die folgten, waren für viele Beobachter enttäuschend, aber für Insider keine Überraschung: Dimon räumte erneut ein, dass seine Bank zu viel Risiko eingegangen sei, doch die verlustreiche Wette habe der Eingrenzung von Risiken gedient.

Etwas gewunden und wenig konkret klang Dimon, als es in der Anhörung um den Zeitpunkt ging, zu dem J.P.Morgan die zuständigen Regulierungsbehörden über die verlustreiche Derivate-Wette informierte. Im Januar sei eine neue Formel für die Kalkulation möglicher Verluste eingeführt worden, doch diese habe das zugrunde liegende Risiko nicht ausreichend abgebildet. Am 13. April, als er die Risiken aus dem Derivategeschäft gegenüber Analysten erklärte, "waren wir uns immer noch nicht im Klaren darüber, dass das neue Modell Teil des Problems sein könnte", so Dimon. Er habe völlig daneben gelegen, als er einen Bericht des Wall Street Journal über das drohende Derivatedebakel als "Sturm im Wasserglas" bezeichnete. Und als man das schließlich herausfand, sei die Bank zu dem alten Modell zurückgekehrt.

Obama: "Ohne diese Reformen erneut für Wall Street zahlen"

Dieser Slalom zwischen Risikomodellen ist mittlerweile Gegenstand einer Untersuchung der US-Börsenaufsicht. Die Security and Exchange Commission (SEC) ermittelt, ab wann das Topmanagement bei J.P.Morgan Bescheid wusste. Im Quartalsbericht für Januar bis März hatte die Bank Anfang April keinen Hinweis zu dem Übergang auf ein neues Risikomodell gegeben. Dimon blieb in diesem Punkt gestern eine wichtige Klarstellung schuldig. Vielleicht war das der Grund, warum er an anderer Stelle in der Anhörung gegenüber den Senatoren Konziliant wirkte: "Wir müssen es zulassen, dass auch große Institutionen pleite gehen können", räumte der J.P.Morgan-Chef ein, als es um die Reformen des Finanzsektors ging. Doch je weiter die Befragung fortschritt, desto kämpferischer - teilweise auch ungeduldiger und knapper - hörte sich Dimon an.

In der zweiten Stunde der Anhörung erneuerte er seine Attacken gegen Teile der Finanzmarktreform in der Obama-Administration: Die sogenannte Volcker-Regel, die es Banken verbieten soll, mit eigenen Mitteln zu spekulieren, sei über die anderen geplanten Gesetzesteile hinaus "nicht notwendig." Dimon plädierte nicht für mehr Regulierung, sondern für schlichtere und klarere Vorgaben, an die sich die Banken halten sollten. Mehrmals geißelte er "Komplexität" in der aktuellen Gesetzgebung und bezog dies auch auf die Zuständigkeit einer Vielzahl von Regulierern. Die verlustreiche Derivateposition der Bank hätte von Marktaufsehern aber nicht verhindert werden können, so der Bankenmanager. "Die können so etwas nicht verhindern, es war ein reiner Managementfehler", gab Dimon zu verstehen.

Von einem Republikanischen Senator nach dem Aufwand befragt, den die Finanzmarktbestimmungen bei J.P.Morgan auslösen, schien Dimon bestens vorbereitet: "8000 Softwareprogramm und etwa eine Milliarde Dollar Mehrkosten im Jahr", wusste der Manager ohne Zögern zu berichten. Beobachter der Anhörung beklagten anschließend, wie einfach es vor allem Republikanische Abgeordnete - die bevorzugten Empfänger von Wahlkampfspenden der Wall Street - dem Bankenboss machten.

Dimons Vorlage für die Bankenregulierer

Die vielleicht überraschendste Einlassung von Dimon kam gegen Ende der Anhörung. Auf die Frage von Senator Jack Reed, ob die Verlustposition bei J.P.Morgan von der geplanten Volcker-Regel verhindert worden wäre, gab Dimon zunächst die bekannte Position zu Protokoll. "Ich weiß nicht, was die Volcker-Regel ist, sie ist noch nicht ganz aufgeschrieben worden." Auf Drängen von Reed bezeichnete Dimon es jedoch als "möglich", dass die kostspielige Derivateposition nicht legal gewesen wäre. In diesem Punkt hat er den Befürwortern strengerer Finanzaufsicht gestern eine gute Vorlage geliefert.

Wie viel beachtet und brisant der gestrige Auftritt von Jamie Dimon war, zeigte vielleicht am besten der Kommentar, den US-Präsident Barack Obama am Vortag dazu abgab. Die Milliardenverluste bei J.P.Morgan in dem umstrittenen Derivategeschäft zeigten, wie wichtig die vollständige Umsetzung des vor zwei Jahren unterzeichneten Finanzmarktgesetzes Dodd-Frank sei. Obama forderte die Abgeordneten in Washington auf, die Umsetzungsregeln nicht weiter zu verwässern. "Ohne diese Reformen hätten die Steuerzahler vielleicht ein zweites Mal die Fehler der Wall Street ausbaden müssen", versucht Obama aus der viel beachteten Anhörung Kapital zu schlagen.

Dimon wird seit Wochen von Kritikern in den USA aufgefordert, seinen Posten als Berater für Risikomanagement im Direktorium der New York Filiale der US-Zentralbank abzugeben. In diesem Punkt hatte der Bankmanager zu Beginn der laufenden Woche Schützenhilfe vom Präsidenten der Columbia University, Lee Bollinger, bekommen, der ebenfalls dem Direktorium angehört. "Jamie, ich selbst - und die anderen Mitglieder des Gremiums - mischen sich nicht in die Aufsichtsfunktionen der New Yorker Zweigstelle der Fed ein", beteuerte Bollinger, ganz offensichtlich, um Dimon vor der viel beachteten Anhörung von Vorwürfen zu befreien, er setze sich einem Interessenkonflikt aus.

Wie sehr dieses Thema rund um die Anhörung politisch ausgeschlachtet wird, zeigt eine Untersuchung des US-Senators Bernie Sanders aus Vermont. Sanders veröffentlichte am Dienstag erstmals die Namen von 18 ehemaligen und aktuellen Fed-Direktoren, die aus Banken stammen, denen in der Finanzkrise insgesamt 4000 Milliarden Dollar Finanzhilfe und billige Kredite gewährt wurden.

Der Titel des Papiers: "Jamie Dimon ist nicht alleine." Unter den 18 genannten Direktoren im Leitungsgremium der New York Fed befindet sich Jamie Dimon, der dort seit 2007 als Berater fungiert. Dimons J.P.Morgan nahm während der Finanzkrise nicht nur 391 Milliarden Dollar billige Kredite von der Fed an. Sie diente auch als Clearingstelle für die Notkredite der Zentralbank während der Finanzkrise. In der Liste von Bernie Sanders taucht auch General-Electric-Vorstandschef Jeffrey Immelt auf. Er gehörte dem Direktorium der New Yorker Fed von 2006 bis 2011 an. General Electric  freute sich während deser Zeit über 16 Milliarden Dollar an niedrig verzinsten Krediten aus der "Commercial Paper Funding Facility" der Fed.

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