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Fehlspekulationen: Die größten Zockerskandale

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Zwei Milliarden Verlust J.P. Morgan gesteht riesiges Börsendebakel

Monate nach der UBS hat auch die profitabelste US-Bank ein spektakuläres Börsendebakel eingeräumt. J.P. Morgan hat zwei Milliarden Dollar verloren. Bank-Chef Dimon wollte noch vor Tagen strengere Handelsregeln als "unamerikanisch" bannen lassen.
Von Markus Gärtner

New York - Der Schocker kam nach Börsenschluss: JP Morgan-Chef Jamie Dimon musste in einer hastig einberufenen Schaltkonferenz zugeben, dass die größte US-Bank nach Aktiva bei riskanten Spekulationen auf Wertpapiere zwei Milliarden Dollar in den Sand gesetzt hat. Es soll bei den Geschäften um eine fehlgeschlagene Hegding-Strategie im synthetischen Kreditportfolio gehen, also Derivate, die auf Zinspapieren basieren.

Es seien "entsetzliche Fehler" in der zentralen Abteilung für Risikosteuerung unterlaufen. Diese Abteilung war unter Dimon in der jüngsten Zeit nach Angaben früherer Mitarbeiter in eine Einheit umgewandelt worden, die größere und riskantere Wetten abschließen darf. Einen so großen Verlust hatte zuletzt im September mit 2,3 Milliarden Dollar die Schweizer Großbank UBS  als Folge unautorisierter Wetten eines ihrer Händler eingeräumt. Der Fehlschlag im Handel kostete Konzernchef Oswald Grübel und zwei weitere Topmanager den Job.

Die Fehler bei J.P. Morgan  seien hausgemacht, sagte Dimon gestern Abend. Er weigerte sich auf Nachfragen mehrmals, Details über die fehlgeschlagenen Finanzgeschäfte zu geben. Derzeit werde untersucht, wie es dazu kommen konnte. Offenbar will sich die Bank zumindest von einem Teil der Kontrakte nicht gleich trennen, um zusätzliche Verluste zu vermeiden. Doch Dimon musste zugeben: "Es kann leicht noch schlimmer werden". Die verlustreichen Positionen seien riskanter gewesen als erwartet, der Schaden sei aus eigener Schuld entstanden. "Wir sind verantwortlich, was da passiert ist verstößt gegen unsere eigenen Standards", so Dimon zu der Nachricht, die gestern Abend die Finanzwelt schockierte und bei der Beobachtung der Vorgänge in der Euro-Zone völlig auf dem falschen Fuß erwischte.

J.P. Morgan gilt an der Wall Street als eine der Banken mit den höchsten Standards. Das Geldhaus ist mit weniger Blessuren durch die Finanzkrise gekommen als die meisten Konkurrenten. J.P. Morgan hat im ersten Quartal einen Gewinn von 5,4 Milliarden Dollar erwirtschaftet und gilt das bestverdienende Kreditinstitut in den USA. Die Nachricht über die schweren Handelsverluste schlug gestern Abend in New York wie eine Bombe ein. Die Aktie von J.P. Morgan sackte um 7 Prozent ab. Die ganze Finanzbranche wurde im nachbörslichen Handel in Sippenhaftung genommen. Bank of America, Citigroup , Goldman Sachs und Morgan Stanley  verloren mindestens jeweils 2,5 Prozent. "J.P. Morgan hat mit die höchsten Standards in der Branche", bestätigt der Portfolio-Manager Walter Todd beim Vermögensverwalter Greenwood Capital in South Carolina. Doch Todd fügt eine vielsagende Warnung hinzu: "Wenn das dieser Bank passiert, stellt sich die Frage, welche anderen Banken solche Probleme haben."

Bank-Chef Dimon: "Es wurde das Dimon-Prinzip verletzt"

Die Fehlspekulation wird den Gewinn von J.P. Morgan im laufenden zweiten Quartal empfindlich schmälern. J.P. Morgan hatte am 13. April in der Bilanzsaison für das erste Quartal 2012 einen Gewinnrückgang von 3,1 Prozent berichtet. Das war weniger als die Analysten erwartet hatten, weil das Hypothekengeschäft dank rekordniedriger Zinsen florierte und der Wertpapierhandel sich gegenüber dem Vorquartal fast verdoppelte. Die Gewinne der Banken im S&P legten im ersten Quartal um 12 Prozent zu. Im vergangenen Jahr hatte JP Morgan einen Rekordgewinn von 19 Milliarden eingefahren.

Das Desaster bei JP Morgan wird die Rufe nach einer strengeren Regulierung der Banken wieder lauter erschallen lassen. Die US-Behörden beraten derzeit abschließend die sogenannte "Volcker-Rule". Die Regel soll den Eigenhandel der Banken limitieren, damit Wertpapiergeschäfte mit Mitteln, die durch das Geld der Steuerzahler garantiert sind, ausbleiben. Dimon hatte sich in den vergangenen Monaten immer wieder sehr kritisch über die Finanzmarktreformen in den USA geäußert und sie einmal als "unamerikanisch" bezeichnet.

"Ich bin eigentlich gar nicht so furchtbar kritisch", hat er kürzlich in einem Interview gesagt, "ich trage einiges davon mit, viele meiner Kommentare betreffen nicht Basel III oder das Reformpaket Dodd-Frank, sondern die Tatsache, dass die neuen Gesetze nicht koordiniert sind und dass sie zu kompliziert für das System sind." Gestern Abend war keineswegs klar, ob die besagten Wertpapiergeschäfte gegen die Volcker Rule verstoßen. "Sie mögen nicht gegen diese Regel verstoßen", sagt Dimon selbst, "aber sie verletzten das Dimon-Prinzip."

Munition für schärfere Handelsregeln geliefert

Jetzt liefert der wenig diplomatische Bankenboss mit dem folgenschweren Eingeständnis einer immensen Fehlspekulation seinen Gegnern jede Menge Munition. Und er lässt diejenigen als sehr naiv erscheinen, die sich in den vergangenen Tagen mit positiven Kommentaren auf die Seite der US-Banken gestellt hatten. Darunter Investoren-Legende Warren Buffett, der angesichts der schlechten Nachrichten über spanische Institute am vergangenen Samstag den US-Geldhäusern ein gutes Zeugnis ausgestellt hat. Den amerikanischen Banken käme die Liquidität "zu den Ohren heraus", sie seien in einer ganz anderen Liga als die europäischen Banken, gab Buffett, der mit seiner Investment-Gesellschaft Berkshire Hathaway insgesamt 19 Milliarden Dollar in US-Banken investiert hat, zu Protokoll.

Auch US-Notenbankchef Ben Bernanke hatte den US-Banken erst kürzlich gute Noten gegeben. Das US-Bankensystem sei jetzt solider und gegen Schockwellen besser gewappnet als vor der Finanzkrise, obgleich es immer noch Herausforderung bei der Kreditqualität und der Liquiditätsversorgung zu bestehen habe. Die Banken sind bisher im laufenden Jahr im S&P 500 Index das erfolgreichste von zehn Segmenten, mit 15 Prozent Zuwachs. Das ist fast doppelt so viel wie der Gesamtindex. Die Aktie von JP Morgan ist im Dow Jones Index seit Jahresbeginn mit einem Zuwachs von 22,5 Prozent der drittbeste Wert hinter der Bank of America und American Express. Die Futures auf den US-Leitindex Dow Jones  brachen nach Bekanntwerden der Nachricht von den Handelsverlusten bei J.P. Morgan sofort um 70 Punkte ein. Im regulären Börsenhandel gestern wiesen die Banken unter 24 Industriegruppen die größten Kursgewinne auf, mit einem Branchengewinn von 1,5 Prozent.

In New York kursierten gestern Abend Gerüchte über einen Insider-Deal in Bezug auf die schweren Handelsverluste bei J.P. Morgan. Laut der Webseite iBankCoin Financial News wurde noch während der regulären Börsensitzung ein massiver Put-Auftrag mit 13.800 Kontrakten auf J.P. Morgan eingegeben, deutlich mehr als alle anderen Termin-Kontrakte an diesem Tag. Die Interpretation dieser Beobachtung spricht Bände: "Wenn die Nachricht über den JP Morgan-Verlust durchgesickert sein sollte, würde das erklären, warum der Markt gestern in der letzten Stunde des Handels so stark an Boden verloren hat", heißt es in der Publikation.

Ein Blick in den jüngsten Vierteljahresbericht des Comptroller of the Currency (OCC), der für den Derivatehandel der Geschäftsbanken zuständig ist, enthüllt ein geballtes Risiko für die gesamte Branche aus den Derivategeschäften, um die es im Falle von JP Morgan geht. Laut der Behörde hat im Dezemberquartal der gesamte Nominalwert von Derivategeschäften der 25 größten Banken in den USA gigantische 216 Billionen Dollar erreicht (englische Trillion).

Führende US-Banken sichern ihr Derivategeschäft gegenseitig

JP Morgan Chase hat daran als Marktführer einen Anteil von 64,4 Billionen Dollar, also 29,8 Prozent. Die nächstgrößeren Player sind die Citibank National, die Bank of America  und Goldman Sachs . Das US-Geschäft der Deutschen Bank  tauchtdagegen erst an 24. Stelle mit 27,4 Milliarden Dollar auf. Die vier führenden Banken bestreiten 93,8 Prozent des Marktes.

Bei J.P. Morgan fällt in dem Bericht der OCC auf, dass der Umfang der Derivategeschäfte 256 Prozent des risikobasierten Eigenkapitals erreicht. Das ist der zweithöchste Wert nach Goldman Sachs, deren Derivaterisiko auf 794 Prozent kommt. Die meisten der großen Banken sichern einen Teil ihr Derivategeschäfte gegenseitig ab, was das Systemrisiko erhöht.

Jamie Dimon hatte erst am vergangenen Donnerstag Schlagzeilen gemacht, als er zusammen mit anderen Bankenbossen - darunter den CEOs von Goldman Sachs und Bank of America - hinter verschlossenen Türen mit dem Notenbank-Gouverneur Daniel Tarullo höchstpersönlich gegen einige der laufenden Gesetzgebungsinitiativen zur Reform des Finanzsystems Lobbyarbeit betrieb. "Es war ein Geben und Nehmen", sagte Dimon beim Verlassen der New Yorker Zweigstelle der US-Notenbank (Fed).

Dem Vernehmen nach haben die Banken-Chefs ihren Unmut über verschiedene Vorstöße im Kongress - darunter die Volcker-Regel - und die jüngsten Stresstests der Notenbank vorgetragen. Es ging laut Insidern auch um eine schon 2010 ins Spiel gebrachte Bestimmung in der geplanten Neuregelung des Derivatehandels, wonach 85 Prozent eines Derivate-Kontraktes auf einer offenen Börsenplattform gehandelt werden müssen, um die Transparenz zu erhöhen.

Die zuständige U.S. Commodity Futures Trading Commission (CFTC) hat nach unbestätigten Aussagen von Teilnehmern des Treffens ihre Entscheidung zu der umstrittenen Derivate-Regel vertagt. Daniel Tarullo hatt am Tag des Treffens in einer öffentlichen Rede in New York laut dem Redetext der Fed gesagt, "meine Angst ist, dass das Momentum, das in der Finanzkrise für Reformen entwickelt wurde, verloren geht, bevor wir die Reformen verabschiedet haben, es bleibt noch so viel zu tun."

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