Donnerstag, 5. Dezember 2019

Zwei Milliarden Verlust J.P. Morgan gesteht riesiges Börsendebakel

Fehlspekulationen: Die größten Zockerskandale
AP

Monate nach der UBS hat auch die profitabelste US-Bank ein spektakuläres Börsendebakel eingeräumt. J.P. Morgan hat zwei Milliarden Dollar verloren. Bank-Chef Dimon wollte noch vor Tagen strengere Handelsregeln als "unamerikanisch" bannen lassen.

New York - Der Schocker kam nach Börsenschluss: JP Morgan-Chef Jamie Dimon musste in einer hastig einberufenen Schaltkonferenz zugeben, dass die größte US-Bank nach Aktiva bei riskanten Spekulationen auf Wertpapiere zwei Milliarden Dollar in den Sand gesetzt hat. Es soll bei den Geschäften um eine fehlgeschlagene Hegding-Strategie im synthetischen Kreditportfolio gehen, also Derivate, die auf Zinspapieren basieren.

Es seien "entsetzliche Fehler" in der zentralen Abteilung für Risikosteuerung unterlaufen. Diese Abteilung war unter Dimon in der jüngsten Zeit nach Angaben früherer Mitarbeiter in eine Einheit umgewandelt worden, die größere und riskantere Wetten abschließen darf. Einen so großen Verlust hatte zuletzt im September mit 2,3 Milliarden Dollar die Schweizer Großbank UBS Börsen-Chart zeigen als Folge unautorisierter Wetten eines ihrer Händler eingeräumt. Der Fehlschlag im Handel kostete Konzernchef Oswald Grübel und zwei weitere Topmanager den Job.

Die Fehler bei J.P. Morgan Börsen-Chart zeigen seien hausgemacht, sagte Dimon gestern Abend. Er weigerte sich auf Nachfragen mehrmals, Details über die fehlgeschlagenen Finanzgeschäfte zu geben. Derzeit werde untersucht, wie es dazu kommen konnte. Offenbar will sich die Bank zumindest von einem Teil der Kontrakte nicht gleich trennen, um zusätzliche Verluste zu vermeiden. Doch Dimon musste zugeben: "Es kann leicht noch schlimmer werden". Die verlustreichen Positionen seien riskanter gewesen als erwartet, der Schaden sei aus eigener Schuld entstanden. "Wir sind verantwortlich, was da passiert ist verstößt gegen unsere eigenen Standards", so Dimon zu der Nachricht, die gestern Abend die Finanzwelt schockierte und bei der Beobachtung der Vorgänge in der Euro-Zone völlig auf dem falschen Fuß erwischte.

J.P. Morgan gilt an der Wall Street als eine der Banken mit den höchsten Standards. Das Geldhaus ist mit weniger Blessuren durch die Finanzkrise gekommen als die meisten Konkurrenten. J.P. Morgan hat im ersten Quartal einen Gewinn von 5,4 Milliarden Dollar erwirtschaftet und gilt das bestverdienende Kreditinstitut in den USA. Die Nachricht über die schweren Handelsverluste schlug gestern Abend in New York wie eine Bombe ein. Die Aktie von J.P. Morgan sackte um 7 Prozent ab. Die ganze Finanzbranche wurde im nachbörslichen Handel in Sippenhaftung genommen. Bank of America, Citigroup Börsen-Chart zeigen, Goldman Sachs und Morgan Stanley Börsen-Chart zeigen verloren mindestens jeweils 2,5 Prozent. "J.P. Morgan hat mit die höchsten Standards in der Branche", bestätigt der Portfolio-Manager Walter Todd beim Vermögensverwalter Greenwood Capital in South Carolina. Doch Todd fügt eine vielsagende Warnung hinzu: "Wenn das dieser Bank passiert, stellt sich die Frage, welche anderen Banken solche Probleme haben."

Bank-Chef Dimon: "Es wurde das Dimon-Prinzip verletzt"

Die Fehlspekulation wird den Gewinn von J.P. Morgan im laufenden zweiten Quartal empfindlich schmälern. J.P. Morgan hatte am 13. April in der Bilanzsaison für das erste Quartal 2012 einen Gewinnrückgang von 3,1 Prozent berichtet. Das war weniger als die Analysten erwartet hatten, weil das Hypothekengeschäft dank rekordniedriger Zinsen florierte und der Wertpapierhandel sich gegenüber dem Vorquartal fast verdoppelte. Die Gewinne der Banken im S&P legten im ersten Quartal um 12 Prozent zu. Im vergangenen Jahr hatte JP Morgan einen Rekordgewinn von 19 Milliarden eingefahren.

Das Desaster bei JP Morgan wird die Rufe nach einer strengeren Regulierung der Banken wieder lauter erschallen lassen. Die US-Behörden beraten derzeit abschließend die sogenannte "Volcker-Rule". Die Regel soll den Eigenhandel der Banken limitieren, damit Wertpapiergeschäfte mit Mitteln, die durch das Geld der Steuerzahler garantiert sind, ausbleiben. Dimon hatte sich in den vergangenen Monaten immer wieder sehr kritisch über die Finanzmarktreformen in den USA geäußert und sie einmal als "unamerikanisch" bezeichnet.

"Ich bin eigentlich gar nicht so furchtbar kritisch", hat er kürzlich in einem Interview gesagt, "ich trage einiges davon mit, viele meiner Kommentare betreffen nicht Basel III oder das Reformpaket Dodd-Frank, sondern die Tatsache, dass die neuen Gesetze nicht koordiniert sind und dass sie zu kompliziert für das System sind." Gestern Abend war keineswegs klar, ob die besagten Wertpapiergeschäfte gegen die Volcker Rule verstoßen. "Sie mögen nicht gegen diese Regel verstoßen", sagt Dimon selbst, "aber sie verletzten das Dimon-Prinzip."

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