Gribkowsky-Prozess Ein verschwundener Brief unbekannten Inhalts

"Hund samma" sagt man in Bayern, wenn jemand besonders schlau und nicht gerade astrein agiert. Gerhard Gribkowsky soll eine diebische Freude daran gehabt haben, die Allmachtsgefühle eines Bernhard Ecclestone zu zerstören - mit Hilfe eines zufällig zurückgelassenen Schriftstücks.
Von Cornelia Knust
Traute sich was: Gerhard Gribkowsky vor dem Landgericht München I

Traute sich was: Gerhard Gribkowsky vor dem Landgericht München I

Foto: DPA

München - Bis zu drei Jahre Haft oder Geldstrafe blühen in Deutschland für den Tatbestand der Nötigung. Der Ex-Vorstand der BayernLB, Gerhard Gribkowsky, der in München wegen der wesentlich schwereren Delikte Untreue und Bestechlichkeit angeklagt ist und schon fast ein Jahr in Haft sitzt, könnte damit vielleicht ganz gut leben. Doch ein Urteil wird es frühestens im Februar geben.

Wobei er zusätzlich eventuell noch büßen müsste für die hinterzogenen Steuern auf die 44 Millionen Dollar, die Formel-1-Gründer und -Chef Bernhard Ecclestone sowie seine Familienholding Bambino ihm ab 2006 auf österreichische Konten überwiesen haben.

Die Staatsanwaltschaft interpretiert diese Zahlungsströme als Bestechungsgeld für Gribkowsky. Denn der habe die Anteile der BayernLB an der Formel 1 an einen Finanzinvestor verkauft, der Ecclestone genehm war, dem Briten zusätzlich auf Kosten der Bank noch eine Provision zugeschanzt und der Bambino eine Entschädigungszahlung. Doch seit Prozessbeginn am 24. Oktober 2011 hat noch nicht ein Zeuge diese These erhärtet. Wofür genau das Geld an den Banker floss, bleibt weiter rätselhaft.

Ecclestone hat bei seinem Auftritt vor Gericht die Zahlung fast wie eine Schenkung charakterisiert, mit der er sich subtilen Bedrohungen Gribkowskys entziehen wollte. Dass die Drohungen ganz so subtil nicht waren, ergab die heutige Befragung einer engen Mitarbeiterin Gribkowskys bei der Landesbank. Die Zeugin war im Sommer 2004 Botin für ein geheimnisvolles Papier, aus dem sich angeblich ergab, dass Ecclestone und die Familienstiftung Bambino de facto identisch waren, was sie aus steuerlichen Gründen nicht hätten sein dürfen.

Plötzliche und allgemeine Vergesslichkeit

Dieses Papier will die Zeugin von einem TV-Rechtehändler aus der Nähe von Mannheim erhalten und an Gribkowsky weitergegeben haben. Gribkowsky habe das Papier irgendwann in der ersten Hälfte des Jahres 2005 bei einem Besuch in London Ecclestone auf den Schreibtisch gelegt, kurz bevor er, Gribkowsky, zum Flughafen aufbrach. Noch unterwegs dahin habe ihn ein wütender Anruf Ecclestones erreicht, was das denn solle und woher er das Papier habe. So zumindest habe es Gribkowsky ihr erzählt, sagt die Zeugin. So ähnlich wird er auch in einer Ecclestone-Biografie zitiert, die Anfang 2011 erschienen ist.

Gribkowskys Frechheit könnte ein Richter durchaus als Nötigung interpretieren. Sie schien auch Wirkung zu zeigen. Im Frühjahr 2005 begannen Vergleichsverhandlungen zwischen den zuvor völlig zerstrittenen Formel-1-Gesellschaftern BayernLB, Ecclestone, Bambino und zwei amerikanischen Banken. Im Sommer 2005 mündeten sie in einen Vergleichsvertrag und kurz darauf in den Verkauf aller Formel-1-Anteile an den Finanzinvestor CVC. In einigem zeitlichen Abstand floss dann das Geld nach Österreich.

Der besagte Brief erhält dadurch eine besondere Brisanz, dass sich partout keiner der Beteiligten an seinen Inhalt erinnern will. Nicht Gribkowsky, nicht die Zeugin Alexandra I., bisher auch nicht der Mitarbeiter der PR-Agentur CNC, der sie damals zu dem TV-Rechtehändler begleitet hatte. Der Rechtehändler bestreitet überdies, der Dame das Dokument übergeben zu haben. Ecclestone hat indirekt die Existenz des Schreibens angezweifelt: Es sei ja nie irgendwo aufgetaucht.

"Ist doch lustig"

Die Zeugin, begleitet von einem prominenten Strafverteidiger, obwohl sie selber nicht Beschuldigte ist, scheint vor Gericht wie von einem selektiven Gedächtnisverlust geschlagen, was den Inhalt des Schreibens angeht. Da sie sich sonst sehr kundig und eloquent zeigt, erntet sie hierfür zweifelndes Staunen vom Gericht.

Merkwürdig findet es die Staatsanwaltschaft, dass die Zeugin in ihrer Vernehmung 2011 die Brief-Episode völlig unterschlug und erst später nach Beratung mit ihrem Anwalt schriftlich nachreichte. Sie erklärt das mit einem Erschöpfungszustand nach sechs Stunden Vernehmung.

Eines erzählt sie noch: Dass Gribkowsky mit dem Schreiben so eigenmächtig verfuhr, sei ihr nicht recht gewesen, habe sie doch mit dem Rechtehändler Vertraulichkeit vereinbart. "Bist Du wahnsinnig?", will sie Gribkowsky angefahren haben, als er ihr von Ecclestones wütender Reaktion erzählte. "Ist doch lustig", soll er geantwortet haben: "Man muss den Mann mit seinen eigenen Waffen schlagen".

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