US-Hedgefonds Gefürchtete Finanzstars räumen das Feld

Ob George Soros oder Carl Icahn: Eine ganze Phalanx legendärer Hedgefonds-Manager hat ihren Rückzug erklärt. Sie waren für viele der Inbegriff der erfolgreichen, aber auch ruchlosen Spekulanten. Jetzt hoffen Kritiker, dass eine neue Managergeneration übernimmt - und die Branche "demokratisiert".
Von Christine Mattauch
Das Ende einer Ära: Altstars der Hedgefondsszene treten ab

Das Ende einer Ära: Altstars der Hedgefondsszene treten ab

Foto: STAN HONDA/ AFP

New York - Aufhören, wenn es am Schönsten ist: Ray Dalio beherzigt die Regel. Kaum hatte der Chef des größten Hedgefonds der Welt, Bridgewater Associates in Westport (Connecticut), in diesem Jahr zehn Milliarden Dollar für einen neuen Fonds eingesammelt, da kündigte er seinen Rückzug als CEO an: "Ich will mal ein bisschen kürzer treten."

Dalio ist nicht der einzige Abgang in der Hedgefonds-Szene. Eine ganze Phalanx von Managern hat in den vergangenen Monaten ihren Rückzug erklärt. Unter ihnen Legenden, die die Branche jahrzehntelang geprägt haben. Für viele Anleger mag das eine schlechte Nachricht sein; die Kollegen der Ruheständler hingegen freuen sich. "Du musst dich morgens beim Aufwachen nicht mehr fragen, was Soros weiß und du mal wieder verpasst hast", sagt Keith McCullough, Gründer von Hedgeye Risk Management in New Haven (Connecticut) und Autor des Buchs "Diary of a Hedge Fund Manager".

Insbesondere George Soros' Abschied vom Markt markiert das Ende einer Ära: Der gebürtige Ungar ist für viele der Inbegriff des erfolgreichen Spekulanten. Das Fundament seines Ruhms legte er Anfang der 90er Jahre mit einer gigantischen Wette gegen das britische Pfund, die dazu beitrug, dass England aus dem europäischen Wechselkursverbund ausschied. Er profilierte sich aber auch als Philantroph und linksliberaler Politikberater.

Um einige Exzentriker ärmer

Ähnlich legendär: Carl Icahn, der bärbeißige Corporate Raider. "Wenn Du einen Freund brauchst, kauf Dir einen Hund" - der berühmte Ausspruch von Gordon Gekko in Oliver Stones Film "Wall Street" soll in Wirklichkeit von Icahn stammen. Seit mehr als drei Jahrzehnten investiert er in Firmen, die er für unterbewertet hält, und treibt durch spektakuläre Eingriffe ins Management den Aktienkurs hoch. Genauso setzte er den Hedgefonds ein, den er 2004 gegründet hatte. Jetzt zahlt er alle externen Anleger aus.

Die Szene wird um einige Exzentriker ärmer. Ray Dalio von Bridgewater etwa nennt sich "Hyperrealist" und hat ein Gesetzbuch mit mehr als 200 Regeln aufgestellt, von denen er glaubt, dass sie ein Unternehmen erfolgreich machen. Zum Beispiel feuert er Mitarbeiter, die er dreimal beim Lästern über Kollegen erwischt. Dank seines Gebots der "radikalen Transparenz" müssen sich Mitarbeiter gefallen lassen, dass sie vor anderen abgekanzelt und ihre Missgriffe in "Fehlersitzungen" diskutiert werden. Einige frühere Mitarbeiter kritisieren Bridgewater deshalb als Sekte - andere preisen das Streben nach Perfektion. Jedenfalls nutzt es offenbar dem Geschäft: Bridgewater verwaltet mehr als 100 Milliarden Dollar, und sein größter Fonds erwirtschaftete im vergangenen Jahr eine Rendite von 45 Prozent.

Auch James Harris Simons, früherer Mathematikprofessor und Gründer der New Yorker Investmentfirma Renaissance Technologies (Rentec), hat seine Eigenheiten. Über seine Anlagen verrät er nur, dass es sich um "hochliquide, öffentlich notierte Papiere" handele. Und während andere Fonds Finanzleute beschäftigen, stellt Simons Statistiker, Physiker und Astronomen ein. Der Erfolg: Rentecs Vorzeigefonds Medallion gehört zu den besten der Branche und fuhr in den vergangenen drei Jahren 48,2 Prozent Rendite ein. Doch nun zieht sich auch Simons aus dem operativen Geschäft zurück.

Angst vor Renditewahn und Regulierung

Weshalb der Exodus? Zum einen das Alter: Soros ist 81, Icahn 75, Simons 73 Jahre alt. Da darf man schon mal an Ruhestand denken. Zum anderen sind die Zeiten unberechenbar wie selten, und das war manchem einfach zu viel. Stanley Druckenmiller zum Beispiel schloss seinen Zwölf-Milliarden-Fonds Duquesne Capital vor einem Jahr, nach mehr als 30 Jahren in der Branche. Die Angst, den Renditeerwartungen nicht gerecht zu werden, "kostet mich zuviel Nerven", schrieb er seinen Anlegern.

Es gibt noch eine dritte Erklärung: Regulierung. Von März 2012 an müssen sich US-Hedgefonds bei der Börsenaufsicht SEC registrieren und bestimmte Informationen veröffentlichen. Die Primadonnen, die jahrzehntelang jegliche Freiheit genossen, sehen das gar nicht ein. "Das ist für die Szene ein Riesenthema", sagt McCullough, "vor allem, weil man befürchtet, dass dies erst der Anfang der Regulierung ist."

In dem Umbruch liegen auch Chancen: McCullough erwartet durch den Generationswechsel eine "Demokratisierung" der Hedgefonds-Szene. Mehr Transparenz werde einkehren. "Weniger Gemauschel und Old Boys Network, mehr Fachkompetenz. Die Jungen schmeißen die überlebten Traditionen raus."

An Nachwuchs mangelt es jedenfalls nicht: Im vergangenen Jahr gaben 743 Hedgefonds auf - doch 935 wurden gegründet. Obwohl es an den Märkten drunter und drüber geht und sogar Stars wie John Paulson Verluste schreiben, fließt der Branche das Geld der Investoren unvermindert zu: allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres netto 62 Milliarden Dollar. Und obwohl die Ergebnisse im dritten Quartal die viertschlechtesten in der Branchengeschichte waren, gaben die Anleger den Spekulanten 8,7 Milliarden mehr in die Hand. "Sie hoffen, von den Chancen zu profitieren, die durch Volatilität und Verwerfungen entstehen", sagt Kenneth Heinz, Präsident der Analysefirma Hedge Fund Research (HFR) in Chicago. Mit rund zwei Billionen Dollar verwaltet die Branche gegenwärtig fast 50 Prozent mehr Geld als auf dem Höhepunkt der Finanzkrise.

Spekulieren hat Suchtpotenzial

Für die Exzentriker, die gehen, profilieren sich andere. Steven A. Cohen, dessen Fonds SAC Capital 16 Milliarden Dollar verwaltet, macht gerade Schlagzeilen mit dem Versuch, die Los Angeles Dodgers zu kaufen, ein bankrottes Baseball-Team. Philip Falcone von Harbinger Capital hat sich in die Idee verliebt, ein Hochleistungsdatennetz aufzubauen. Mehr als 40.000 Sendemasten müssen dazu errichtet werden. Rund 70 Prozent des Fondsvermögens sollen in das waghalsige Projekt investiert sein. Gespannt wartet die Branche, ob Falcone, der mit Wetten auf das Platzen der Immobilienblase spektakuläre Gewinne einfuhr, diesmal eine Bauchlandung hinlegt.

Langweilig wird es in der Welt der Spekulanten also nicht. Zumal keineswegs ausgemacht ist, dass die alte Garde nicht doch weiterhin mitmischt. Rentec-Chef Simons etwa relativierte seinen Abschied gleich, indem er versprach, als "Nonexecutive Chairman" an Bord zu bleiben. Dalio verlieh sich den Titel eines "Mentors". Spekulieren hat eben Suchtpotenzial.

Auch Carl Icahn fällt das Aufhören schwer. "Ich hab noch keine Lust, Shuffleboard zu spielen", sagte er der New York Times, als die ihm dieses Jahr zum Geburtstag gratulierte. Zumindest sein eigenes Geld will er weiter verwalten - dafür nämlich interessiert sich die Regulierungsbehörde nicht. Auch George Soros hat seinen Fonds flugs in ein "Family Office" umgewandelt. Damit haben die Herren auch künftig einiges zu tun: Das Magazin Forbes beziffert ihr Vermögen auf 13 beziehungsweise 22 Milliarden Dollar.

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