G20-Beschluss Großbanken sollen "Testament" machen

Gut zwei Jahre nach der Lehman-Pleite wollen die G20-Staaten systemrelevante Banken an die Leine legen. Welche Bank gehört dazu? Was macht sie zu einem sogenannten "Sifi"? Welche Anforderungen muss sie erfüllen? Ein Überblick.
"Too big to fail": Systemrelevante Banken wie die Deutsche Bank müssen künftig mehr Eigenkapital vorhalten. Wie eine systemrelevante Bank notfalls abgewickelt werden soll, ist aber völlig unklar

"Too big to fail": Systemrelevante Banken wie die Deutsche Bank müssen künftig mehr Eigenkapital vorhalten. Wie eine systemrelevante Bank notfalls abgewickelt werden soll, ist aber völlig unklar

Foto: Frank May/ dpa

Cannes - Systemrelevante Banken, deren Pleite das gesamte Finanzsystem erschüttern kann ("too big to fail"), sollen nach dem Willen der Regulierer an eine besonders kurze Leine kommen. Die 20 führenden Industrie- und Schwellenländer (G20) beschlossen am Freitag in Cannes zusätzliche Kapitalanforderungen für die 29 sogenannten G-Sifis (global systemically important financial institutions), die von 2016 an erfüllt werden müssen.

Eigentlich sollen die neuen Kapitalanforderungen für alle grenzüberschreitend tätigen, systemrelevanten Finanzinstitute gelten. Zunächst wurden sie nun allerdings nur für die Banken formuliert. An entsprechenden Regeln für Versicherungen und Fonds soll als nächstes gearbeitet werden.

Der neue Zuschlag bedeutet, dass die systemrelevanten Banken auf mittlere Sicht womöglich Milliardensummen an zusätzlichem Eigenkapital benötigen. Das können sie über Kapitalerhöhungen tun, aber auch über zurückgelegte Gewinne. Damit könnten die neuen Vorgaben allerdings die Renditen schmälern, was die Häuser wiederum für Investoren weniger attraktiv machen könnte. Der Welt-Bankenverband IIF hat schon bemängelt, die neuen Anforderungen kämen zum falschen Zeitpunkt.

Als erste Hausaufgabe stellten die G20 den Instituten, bis Ende 2012 einen Plan aufzustellen, wie sie in einer existenzbedrohenden Krise ohne Schaden für das gesamte Finanzsystem wieder auf die Beine kommen oder abgewickelt werden können - also quasi ein "Testament" machen.

Wer zu den systemrelevanten Banken gehört

Aus Deutschland steht neben der Deutschen Bank auch die Commerzbank auf dieser vorläufigen Liste, aus der Schweiz die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse.

Europa: Banque Populaire CdE, BNP Paribas , Credit Agricole , Societe Generale (alle Frankreich), Barclays , HSBC Holdings , Lloyds Banking Group , Royal Bank of Scotland  (alle Großbritannien), Commerzbank , Deutsche Bank  (beide Deutschland), Credit Suisse , UBS  (beide Schweiz), Dexia (Belgien), ING  (Niederlande), Nordea  (Schweden), Santander  (Spanien), Unicredit  (Italien).

USA: Bank of America , Bank of New York Mellon, Citigroup , Goldman Sachs , J. P Morgan Chase, Morgan Stanley, State Street, Wells Fargo.

Asien: Bank of China  (China), Mitsubishi UFJ Holdings , Mizuho, Sumitomo Mitsui Financial Group  (alle Japan).

Warum es Sonderregeln für die Sifis gibt

Nach Basel III müssen alle Banken künftig mehr als drei Mal so viel hartes Eigenkapital vorhalten wie bisher. Das ist den Aufsehern aber noch nicht genug. Sie sehen in sehr großen und weltweit vernetzten Geldhäusern ein besonderes Risiko, das unter Kontrolle gehalten werden soll.

Paradebeispiel ist die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers vor drei Jahren - damals erreichte nicht nur die Finanzkrise ihren Höhepunkt, weil quasi als Dominoeffekt immer mehr Banken in Schieflage gerieten. Auch die Weltwirtschaft glitt in die Rezession ab. Wäre das vorhersehbar gewesen, hätte die US-Regierung Lehman wohl nicht fallengelassen, sagen Experten heute.

Was einen Sifi zum Sifi macht

Banken sollen nie mehr "too big to fail" sein - so groß, dass sie sich darauf verlassen können, in einer Existenzkrise vom Staat gerettet zu werden, weil sonst das ganze Finanzsystem ins Wanken geraten würde. Denn in diesem Bewusstsein könnten sie bedenkenlos Risiken aufnehmen.

Als Kriterien für "G-SIFIs" haben die Aufseher Größe, Vernetzung, Mangel an Ersetzbarkeit, Internationalität und Komplexität festgelegt und diese nach einem Punktesystem bewertet. Doch in der Realität ist das schwer fassbar. Andererseits: Regulierer sind sich auch ohne Rangliste sicher, wer dazu gehört.

Bis die Kapitalregeln in Kraft treten, kann sich daran noch einiges ändern. Banken können schrumpfen oder wachsen. Erst in drei Jahren wird es ernst. Doch auch danach ist die Liste nicht in Stein gemeißelt. Die Aufseher wollen sie einmal im Jahr überprüfen und veröffentlichen und damit Anreize schaffen, dass Banken weniger riskant werden. Übrigens: Hätte es die Regeln schon 2008 gegeben, Lehman hätte nicht auf der Liste gestanden.

Bis zu 3,5 Prozent mehr Eigenkapital

Zunächst müssen sie nur ihr "Testament" aufsetzen. Ab 2016 wird zudem ein Sifi-Zuschlag auf das Eigenkapital verlangt - in verschiedenen Abstufungen: Je nach Geschäftsmodell müssen die Sifis 1,0 bis 2,5 Prozentpunkte mehr Eigenkapital vorhalten als andere Häuser. Wer in der höchsten Kategorie landet, käme am Ende - zusammen mit der Mindestquote nach Basel III - auf 9,5 Prozent hartes Kernkapital.

Um das Polster aufzubauen, haben sie bis Anfang 2019 Zeit. Bläht sich eine Bank noch stärker auf, drohen die Regulierer sogar mit einem Aufschlag von 3,5 Prozent.

Am stärksten dürften mit dem Sifi-Zuschlag Universalbanken belastet werden, die ein großes Einlagengeschäft haben und zugleich Investmentbanking betreiben. Die Deutsche Bank würde dazu zählen. Sie rechnet auch damit, in die höchste Kategorie eingestuft zu werden, die Commerzbank dagegen dürfte nur in der untersten Kategorie landen. Reine Investmentbanken wie Goldman Sachs und Morgan Stanley dürften ebenfalls mit einem kleineren Sifi-Aufschlag davonkommen. Von ihrer Pleite wären - wenigstens direkt - keine Kleinsparer betroffen.

Vor- und Nachteile der Systemrelevanz

Höhere Eigenkapitalquoten verteuern das Geschäft für Banken - ein klarer Nachteil. Andererseits dürften Sifis wegen ihrer Kapitalkraft das größte Vertrauen der Investoren genießen. Das könnte die Refinanzierung für sie billiger machen und ihnen im Einlagengeschäft helfen, wenn die Kunden ihr Geld lieber zu ihnen tragen.

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist sich sogar sicher, dass sich deshalb auch Nicht-Sifis ein dickeres Kapitalpolster zulegen werden, um keine Wettbewerbsnachteile zu erleiden.

Doch geschützt werden sollen letztlich nur die Sparer - für die Banken selbst soll ein Mechanismus geschaffen werden, wie sie schadlos abgewickelt werden können. Doch daran haben sich Regulierer und Politiker bisher die Zähne ausgebissen.

rei/reuters
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