Euro-Krise Russlands Banken wittern ihre Chance

Es riecht nicht nach Mega-Deals oder großen Übernahmen - dennoch reagieren Russlands Banken auf die europäische Finanzkrise. Mit Investitionen in Ost-Europa versuchen sie, Chancen zu nutzen: Vor allem die boomende Türkei und Polen sind für russische Kapitalgeber wie die Sberbank interessant.
Von Markus Gärtner
Sberbank-Zentrale in Moskau: Russlands Banken reagieren mit Investitionen in Ost-Europa auf die Finanzkrise

Sberbank-Zentrale in Moskau: Russlands Banken reagieren mit Investitionen in Ost-Europa auf die Finanzkrise

Foto: � Denis Sinyakov / Reuters/ REUTERS

Hamburg - Japan zögert, China auch. Das internationale Kapital, das bei der Lösung der Schuldenkrise im Euroland helfen soll, fließt nicht so zügig wie erhofft - erst recht nicht, seit Griechenlands Premier mit seiner geplanten Volksabstimmung über das Hilfspaket für Unsicherheit gesorgt hat.

Russland hatte immerhin am Montag der Europäischen Union angeboten, über den Internationalen Währungsfonds 7,1 Milliarden Euro zur Verfügung zu stellen. Dabei wäre eine direkte Beteiligung der russischen Regierung nicht der einzige Deal, der helfen würde, mit Geld aus Moskau Scherben im europäischen Schuldendrama aufzulesen.

Es ist nur wenige Tage her, dass Russlands größte staatliche Geschäftsbank, die Sberbank , Interesse an der der türkischen Deniz-Bank zeigte, einer Tochter der vor zwei Wochen zerschlagenen belgisch-französischen Dexia. Die Deniz-Bank betreibt in der Türkei 500 Zweigstellen.

Das riecht nicht nach einem Megadeal in dem am schnellsten wachsenden europäischen Land, aber nach einem, der sich als Sprungbrett für mehr sehr gut nutzen lässt. Mit einer Übernahme der Deniz-Bank - für die sich inzwischen auch die HSBC und die Qatar National Bank interessieren - wäre für die Sberbank in kurzer Zeit der zweite Schritt zu einer regionalen Internationalisierung getan.

Augenmerk auf Polen und auf die Türkei

Schon im September hatte Russlands größte Bank ihre Fühler nach Osteuropa ausgestreckt und die Volksbank International (VBI), die Osttochter der österreichischen Volksbanken, erworben. Beobachter werten dies als Einfallstor in den osteuropäischen Markt für die russische Bank, die als einer der potenziellen Gewinner in einer anhaltenden Schuldenkrise gesehen wird.

Immerhin ist die Sberbank dank der schwindsüchtigen Aktienkurse der europäischen Mitstreiter inzwischen der Kapitalisierung nach zum drittgrößten Geldhaus des Kontinents aufgestiegen.

Mit der Hälfte aller russischen Einlagen bewehrt, und mit einer Marktkapitalisierung von 47 Milliarden Dollar ausgestattet, hat das in Moskau angesiedelte Geldhaus zumindest genügend Finanzkraft, um in den Nachbarländern ein paar Opfer aus der aktuellen Bankenkrise zu übernehmen. Vor allem auf Polen und die Türkei richte man derzeit das Augenmerk, verrät Sberbank-Chef German Gref.

Geplante Expansionen ins Ausland - und ein Deal mit der Allianz

"Wir analysieren alle Assets, die derzeit auf dem Markt angeboten werden", sagt Gref, "es ist eine günstige Zeit für Akquisitionen, wir planen keine großen Deals, weil wir verstehen, dass der Schlüssel nicht im Erwerb von Beteiligungen oder kompletten Übernahmen an sich liegt, sondern in deren Integration in die eigene Organisation". Gref hat den ehemaligen UniCredit-CEO Alessandro Profumo als Berater für die geplante Expansion in der Region verpflichtet.

Die Internationalisierung, die Gref der Sberbank verordnet hat, sieht in der Tat nach einer geduldigen Expansion aus, die unnötige Risiken vermeiden soll. Bis 2014 will Gref 5 Prozent des Gewinns jenseits der Landesgrenzen erwirtschaften. "Nicht alles, was uns angeboten wird, nehmen wir", verrät auch der Finanzchef des Kreditinstituts, Anton Karamzin. Und dennoch hat es den Anschein, dass man bei der Sberbank weiter als nur nach Osteuropa schielt.

Am Montag wurde bekannt, dass das Institut zusammen mit dem russischen Oligarchen Oleg Deripaska - sowie mit dem Flughafen "Changi" in Singapur - ein Joint Venture bilden wird, um Flughäfen für die Winterspiele 2014 in Sochi und die Fußball-WM vier Jahre danach - ebenfalls in Russland - zu entwickeln. Die Sberbank wird in das neue Gemeinschaftsunternehmen nach Angaben Grefs 120 Millionen Dollar investieren.

Schon 2009 hatte die Sberbank als Partner von Deripaska ihre Hand nach Westeuropa ausgestreckt. Zusammen mit dem kanadischen Autozulieferer Magna International wollten die Russen 55% an Opel übernehmen. General Motors  hatte am 10. September den Verkauf seiner europäischen Tochter bekanntgegeben, entschied sich dann aber zwei Monate später, Opel doch lieber selbst weiter zu führen. Die Kanadier wären mit diesem Deal vom drittgrößten Lieferanten der Autoindustrie zu einem Hersteller aufgestiegen. Die Sberbank hätte ihren Fuß fest in der Finanzierung des damals am schnellsten wachsenden Automarktes in Europa gehabt.

Ausbau der heimischen Basis soll Expansion absichern

Offenbar sollen die europäischen Ambitionen auch durch einen Ausbau der heimischen Basis abgesichert werden. Denn Mitte Oktober kündigte die Sberbank an, einen Teil vom russischen Geschäft der Allianz  zu übernehmen. Die Allianz betreibt ihr Geschäft in dem Land hauptsächlich über Rosno, eine der führenden lokalen Versicherungsgesellschaften. Die Sberbank hat in diesem Segment noch viel Aufholpotential und will den Deal mit der Allianz bis Ende des laufenden Jahres unter Dach und Fach bringen.

Auch außenstehende Experten erwarten vom Branchenprimus der russischen Geldzunft keinen baldigen Megadeal, wohl aber eine vom Wunsch nach besseren Margen getriebene Expansion in die unmittelbare Nachbarschaft Russlands. "Ich glaube nicht, dass die zum Beispiel Lloyds  kaufen würden - oder eine andere große westeuropäische Bank - das würde für die keinen Sinn machen. Aber eine Präsenz in Osteuropa, wo Wachstum und gute Margen warten, das würde absolut Sinn machen, und die Sberbank hat auch das nötige Kleingeld", erläutert zum Beispiel Jacob Grapengiesser, ein Partner beim Fondsverwalter East Capital. East Capital ist der siebtgrößte institutionelle Anteilseigner der Sberbank.

Dass die Russen bei ihrer Expansion Geduld zeigen, zumindest den Eindruck erwecken, liegt auch an der politischen Landschaft in Moskau. Im Finanzministerium scheint man etwas nervös zu sein, dass eine Ausdehnung über die Landesgrenzen hinweg zu schnell gehen könnte. "Ich würde einen großen Kauf im Moment nicht sehr begrüßen", sagte vor seinem plötzlichen Rauswurf im Oktober Russlands Finanzminister Alexei Kudrin.

Eine schnellere Expansion der russischen Banken ins Ausland würden die angespannten Finanzmärkte derzeit wohl auch kaum zulassen. Die Schuldenkrise im westlichen Teil des Kontinents geht an den russischen Banken nicht spurlos vorbei. Sinkende Risikobereitschaft der Banken führt dazu, dass russische Unternehmen immer öfter Probleme haben, an Cash heran zu kommen. Die Kreditkonditionen, besonders bei europäischen Banken, werden schwieriger.

Kapitalflucht und Abwärtsdruck auf den Rubel

Die Sberbank will in den kommenden zwei Wochen durch eine syndizierte Aktion selbst eine Milliarde Dollar am Kapitalmarkt aufnehmen. Die russische Zentralbank hat zudem seit September 14 Dollar Dollar aufgewendet, um den Kurs des Rubels zu verteidigen und hat damit dem lokalen System Liquidität entzogen. Das Finanzministerium hat seit August, um die Lage zu entspannen, zusätzliches Cash bei den Banken deponiert.

Doch ganz beseitigt hat das die aktuellen Sorgen nicht. Mitte Oktober versah Moody's das russische Bankensystem mit einem negativen Ausblick, weil die Eigenkapitalquote der Geldhäuser bei anhaltender Schuldenkrise in Europa unter das verlangte Minimum fallen könnte. So jedenfalls die offizielle Begründung für den Warnschuss. Die geforderte Quote liegt bei 10 Prozent. Zudem rechnet Moody's für Russland mit einem gedrosselten BIP-Wachstum im kommenden Jahr, es soll von 3,8 Prozent im laufenden Jahr auf 2,8 Prozent sinken.

"Die Unsicherheit an den globalen Finanzmärkten hat bereits die Refinanzierung der russischen Banken beeinträchtigt, und anhaltende Kapitalflucht sowie weiterer Abwärtsdruck auf den Rubel haben zu einem Liquiditätsengpass geführt", sagt Eugene Tarzimanov bei Moody's in Moskau. Immerhin: Die Einzelbewertungen von 91 Prozent der russischen Banken sind stabil bei Moody's.

Analysten wie Hugo Swann bei der Credit Suisse  sehen trotzdem russische Banken schon wegen des wachsenden Angebots in Osteuropa auf dem Vormarsch. "Wir werden in den kommenden Jahren eine größere Zahl von Banken den Besitzer wechseln sehen", sagt Swann, "die möglichen Verkäufer in der Region werden Banken sein, die bei wachsenden Schulden in ihrer Heimat ihre Bilanz stärken müssen".

"Eine größere Zahl von Banken wird den Besitzer wechseln"

Laut Swann überprüfen auch große Banken wie UniCredit bereits ihr Netzwerk und könnten sich von Geschäftseinheiten trennen, denen die nötige Größe fehlt.

Für russische Banken bieten sich hier Eintrittsmöglichkeiten in regionale Märkte außerhalb ihres Stammmarktes, in denen von Kreditkarten bis hin zu Hypotheken noch Wachstum wartet. Während das Eigenkapital der Banken im Euroland 2009 noch 338 des BIP entsprach, liegt es in Polen bei 83%, in Ungarn bei 115%. Für die Sberbank und ihre Mitstreiter in Russland bietet die Region somit eine Chance, die Gewinne aufzubessern, erläutert der Bankenanalyst Vladimir Savov bei der Otkritie Financial Corp. in Moskau, eine von Russlands führenden Investmentbanken.

"In Russland wird der lokale Markt nach der Bankenkrise erst einmal langsamer wachsen" so Savov, "auch der Wettbewerb ist härter geworden, deshalb schauen sich die Russenbanken jetzt nach Zugang in anderen Märkten um, damit sie die Verzinsung ihres Eigenkapitals aufbessern können". Nicht alle Banken in Russland schauen sich jenseits der Landesgrenzen um.

Die VTB, das zweitgrößte Kreditinstitut - das in Weißrussland und der Ukraine besser aufgestellt ist - will nach der Akquisition der Bank of Moscow in den kommenden zwei Jahren zunächst nicht die Präsenz in Osteuropa ausbauen. Sie will erst einmal das bestehende Netzwerk optimieren und profitabler machen. "Die erfolgreichsten russischen Banken werden aber sehr wahrscheinlich Appetit für den internationalen Markt zeigen", sagt die für Strategie zuständige Ekaterina Petelina bei der VTB in Moskau. "Dies wird überwiegend durch Akquisitionen geschehen, weil der Aufbau des Geschäfts von Null sehr schwierig ist". Übernahmen von Banken in Osteuropa haben sich 2010 mit 13 Mrd. Dollar dem Volumen nach vervierfacht.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.