Gribkowsky-Prozess Gesundes Misstrauen

Der Zeuge Werner Schmidt hat sich abgesichert. Als erfahrener Banker verlangte der ehemalige Chef der BayernLB seinerzeit beim Formel 1-Team der Landesbank einen Vermerk, dass der Deal sauber ist. Doch seinem Risikovorstand Gerhard Gribkowsky, ließ er beim Verkauf der Anteile freie Hand.
Von Cornelia Knust
Ex-Bayern-LB-Chef Werner Schmidt: Bittere Pille von Gribkowsky geschluckt

Ex-Bayern-LB-Chef Werner Schmidt: Bittere Pille von Gribkowsky geschluckt

Foto: REUTERS

München - "Ich glaube, dass man auch dann verkauft hätte, wenn man es gewusst hätte". Es ist nur eine hypothetische Frage, die der Ex-Vorstandschef der BayernLB, Werner Schmidt, heute Morgen der Staatsanwaltschaft München I beantwortet, doch die Aussage lässt tief blicken: Das Vorstandsgremium hätte im November 2005 dem Verkauf der eigenen Formel 1-Anteile an den Finanzinvestor CVC auch dann zugestimmt, glaubt Schmidt, wenn man gewusst hätte, dass der Risikovorstand Gerhard Gribkowsky, im Rahmen dieses Verkaufs Nebenabreden getroffen hätte, die ihn zum Empfänger einen zweistelligen Millionensumme machten.

Dass es so gewesen ist, genau das muss dem Angeklagten in dem laufenden Prozess am Landgericht München I zwar erst nachgewiesen werden. Doch Zeuge Schmidt macht schon einmal deutlich, wie unglaublich groß der Druck damals war, die Formel 1-Anteile zum gebotenen Preis von 839 Millionen Dollar zu verkaufen - ein Preis, der alle Erwartungen übertraf, obgleich man auch mit diesem Erlös den Verlust aus dem Kirch-Kredit, der mit diesem Pfand unterlegt war, nicht ganz zu decken vermochte.

Doch es war kein anderer Käufer in Sicht, und die Risiken eines Totalausfalls stiegen, sollten die Autokonzerne Ihre Drohung einer Konkurrenzveranstaltung zur Formel1 wahrmachen. So schluckte der Vorstand sogar die bittere Pille, die Gribkowsky ihnen verabreichte: Der Verkauf gehe nur über die Bühne, wenn Formel 1-Chef Bernard Ecclestone eine Provision von 40 Millionen Dollar gezahlt werde und der Familienholding Bambino, die Ecclestones Ehefrau zugerechnet wurde, Ausgleichszahlungen von 26 Millionen Dollar zuflössen.

Die Bambino verkaufte ihre Anteile am Formel 1-Zirkus zeitgleich mit der BayernLB und zwei amerikanischen Banken an CVC.

Viele Nachfragen

"Es gab in der Sitzung vom 9.11.2005 viele Nachfragen", erzählt Schmidt vor Gericht von dem Vorstandstreffen. Auch er selbst habe mehr wissen wollen. Er habe aus seiner Berufserfahrung ein "gesundes Misstrauen" - gerade, wenn es um die Abarbeitung und Beendigung eines Kreditengagements gehe, und gerade bei der Formel 1, einem Gebiet in dem er sich "nicht so auskenne" und in dem "unterschiedliche Personen" tätig seien.

So habe er vorab bei den Sachbearbeitern im sogenannten Formel 1-Team der Bank eine schriftliche Erklärung angefordert und in die Vorstandssitzung eingebracht, die alle zusätzlichen geheimen Nebenabreden, Verträge oder Zuwendungen ausschloss.

Als die Staatsanwaltschaft ihm vorhielt, diese Erklärung sei aber nicht von Gribkowsky unterzeichnet worden, sagte Schmidt: "Er hat den Vermerk durch seine Anwesenheit in der Vorstandssitzung indirekt bestätigt. Der Vermerk wurde von niemandem verneint oder etwas anderes gesagt".

Zwei Briefe an Herrn Schmidt

Wirklich Belastendes für den Angeklagten trägt Schmidt nicht vor. Dabei müssten doch er und die BayernLB (2001 bis 2008 war er dort Vorstandschef) sich von Gribkowsky im Nachhinein getäuscht und betrogen fühlen. Die Bank hat ja auch bezüglich der Zahlungen an Ecclestone und Bambino einen Schaden geltend gemacht und vorsorglich Gribkowskys Vermögen einfrieren lassen.

Doch Banker Schmidt, ein Schrank von einem Mann, umgeben von einer autoritären Aura, formuliert vorsichtig, unterstützt von einem Rechtsbeistand - wird er doch in Kürze mit allen damaligen Vorstandskollegen auf der Anklagebank sitzen, wenn es um den Kauf der Hypo Group Alpe Adria geht, der der BayernLB und ihren Eigentümern hohe Verluste beschert hat.

Dass Gribkowsky als Kollege ein wenig nassforsch war, gerne große Sprüche machte und zu Schnellschüssen neigte, das erzählt Schmidt immerhin. Er berichtet auch von einem Gespräch, worin Gribkowsky ihn um einen Sonderbonus für den Fall des erfolgreichen Verkaufs der Formel1-Anteile bat - wenige Tage bevor das Angebot von CVC auf dem Tisch lag.

Dass diese zeitliche Nähe merkwürdig war, räumt Schmidt ein. Er sagt auch, er habe dem Verwaltungsrat empfohlen, der Bitte nicht nachzukommen, zumal die Höhe des Bonus vielleicht bei Investmentbanken üblich wäre, nicht aber bei der BayernLB. Aus einem vor Gericht verlesenen Briefentwurf des Angeklagten an Schmidt ging hervor, dass es sich um rund 10 Millionen Euro gehandelt hätte.

Merkwürdige zeitliche Nähe

Doch mit der Ablehnung sei diese Sache zwischen ihnen erledigt gewesen, sagt Schmidt. Er will auch keinen Verdacht geschöpft haben, als Gribkowsky ihn per Brief mit Datum von 17. Februar 2006 bat, einer Nebentätigkeit als Berater des Finanzinvestors CVC zuzustimmen. Einen Zusammenhang mit der Bonusanfrage fünf Monate zuvor habe er nicht gesehen. Er habe zwar gemeint, Gribkowsky solle diese Nebentätigkeit nicht wahrnehmen, da die vielfältigen Baustellen in der Bank seinen ganzen zeitlichen Einsatz benötigten.

Inhaltlich habe er aber keine Bedenken gehabt, da es normal war, dass Gribkowsky mit seinem profunden Wissen über die Formel 1 dem Investor hätte nützlich sein können. Und dass nach so langer Zeit der Beschäftigung damit "eine Faser seines Herzens an der Sache hängt", sei nur natürlich.

Wie es in seinem Herzen tatsächlich aussieht, daraus macht der Angeklagte weiter ein Geheimnis. Es schweigt, er macht konzentriert Notizen, lauscht den Einlassungen mit unbewegter Mine. Nur seine Anwälte sprechen, geben sich aber in der Sache zurückhaltend, stellen nur wenige Fragen, scheinen die Anschuldigungen einfach ins Leere laufen zu lassen.

Er startet also relativ zäh, dieser Prozess gegen Gribkowsky. Leben könnte in der nächsten Woche der Zeuge Bernard Eccelstone in den Gerichtssaal bringen. Der betagte Formel 1-Chef soll in seiner Vernehmung angedeutet haben, nicht er habe Gribkowsky bestochen, sondern Gribkowsky habe vielmehr ihn erpresst.

Ob die Herkunft der 44 Millionen Dollar auf Gribkowskys österreichischen Konten je geklärt wird? Bei einem Abendessen anlässlich seines 50. Geburtstag 2008 soll der Banker von seiner mit 10 Millionen dotierten Stiftung für krebskranke Kinder erzählt haben, berichtet Schmidt. Wie er sich heute erinnert, hat Gribkowsky von Familienvermögen gesprochen.