Bayern LB Gribkowsky lächelt und schweigt

Amüsiert und von oben herab verfolgte Gerhard Gribkowsky den Beginn seines Prozesses wegen Bestechlicheit, Untreue und Steuerhinterziehung. Zehn Monate Untersuchungshaft haben den Ex-Vorstand der BayernLB schlanker gemacht, aber offenkundig nicht nachdenklicher. Seine Verteidiger behaupten, er habe eine "Bombe entschärft".
Von Cornelia Knust
Angeklagter Gribkowsky: "Schillernde Welt mit eigenen Gesetzen"

Angeklagter Gribkowsky: "Schillernde Welt mit eigenen Gesetzen"

Foto: AFP

München - Der Angeklagte trägt Dreiteiler mit Einstecktuch und ein Hemd mit Manschettenknöpfen, über dem einen Arm einen Mantel, unter dem anderen zwei Aktenordner. Souverän lächelnd, die Unterlippe leicht vorgeschoben, betritt Gerhard Gribkowsky, 53, den großen Saal im Landgericht München I, als erscheine er gerade zu einer Vorstandssitzung oder zu einem interessanten Deal mit einem Widersacher.

Dem minutenlangen und wortlosen Zugriff der Fotografen stellt er sich lässig mit den Händen in den Hosentaschen. Etwas später wird er breit darüber grinsen, dass der Staatsanwalt bei Verlesung der Anklage den Namen des Formel 1-Managers Bernhard Ecclestone permanent ausspricht wie Eccelsten. Auch sonst scheint ihn meist zu amüsieren, was gerade geschieht. Als der Vorsitzende Richter Peter Noll ihn fragt, ob er von Beruf ehemaliger Vorstand der Bayern LB sei, sagt der Angeklagte, das sei ja kein Beruf: Er sei Unternehmensberater.

Kinn auf die Hand stützen, zwei Fingern an der Schläfe, durchdringender Blick ins Publikum, Lesebrille putzen mit einem blütenweißen Stofftaschentuch, dann Aktenstudium - so vertreibt der ehemalige Risikovorstand der Landesbank sich die Zeit.

Ernst nicken wird er nur bei dem Satz seines Kölner Strafverteidigers Rainer Brüssow, dass heute der gesamte BayernLB-Vorstand aus dem Jahr 2005 hier neben Gribkowsky auf der Anklagebank sitzen müsste, wenn er damals nicht die Anteile der Bank an der Formel 1-Gesellschaft "Speed" zu dem hervorragenden Preis von 839 Millionen Dollar an den britischen Finanzinvestor CVC Capital Partners verkauft hätte.

44 Millionen Euro soll Gribkowsky kassiert haben

Denn dann wäre der Bank tatsächlich ein Schaden entstanden, so der Anwalt. Sie hatte die Speed-Anteile als Pfand für einen Kredit an die inzwischen insolvente Kirch-Gruppe erhalten und trachtete danach, sie gewinnbringend zu verwerten, und zwar auch (weil eine öffentliche Bank im Besitz des Freistaats und der Sparkassen) zum Wohle des Steuerzahlers.

Gribkowsky wird von der Anklage aber vorgeworfen, im Rahmen dieses Verkaufs seine Bank zu Zahlungen von zusätzlich rund 66 Millionen Dollar an Ecclestone und eine ihm nahestehende Bambino-Holding bewegt zu haben. Ein Teil dieser Summe, rund 44 Millionen Dollar, soll Gribkowsky zugeflossen sein, und zwar auf Konten zweier eigens dafür gegründete Gesellschaften in Salzburg.

Die Staatsanwaltschaft München I hält es auch für möglich, dass es sich um Bestechungsgelder handelte, die Gribkowsky von Ecclestone und Bambino erhielt, weil er steuerschädliche Informationen über die Verbindung der beiden Parteien besaß. Da Gribkowsky diese "sonstigen Einkünfte" in seinen Steuererklärungen aus den Jahren 2006 und 2007 nicht angab, soll er dem Finanzamt München fast 15 Millionen Euro an Einkommensteuer und Solidaritätszuschlag vorenthalten haben.

Zweifel bestehen an der Gemeinnützigkeit der 2008 vom Angeklagten in Österreich für diese Gelder errichteten "Sonnenschein Stiftung" zur Unterstützung krebskranker Kinder. Erstmalig und letztmalig sei am 17.12.2010 eine Zahlung von 1400 Euro an eine Familie erfolgt, heißt es in der Anklageschrift.

Der Angeklagte selbst äußert sich nicht zur Sache. Sein Anwalt Brüssow, ein Urgestein unter deutschen Strafrechtlern, verliest mit lispelnder Stimme eine Erklärung mit beinahe philosophischem Anstrich, aber nebulösem Inhalt. Er spricht von einer "heiligen Hetzjagd" gegen seinen Mandanten, von einseitigen, ja tendenziösen Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft, die wichtige Zeugen aus Kreisen der Formel-1 nicht vernommen habe, und von einer Vorverurteilung durch die Medien.

Wie ein Fußballspieler

Brüssow zitiert sogar Karl Marx mit dem Satz "ein Gespenst geht um in Europa", wobei nicht der Kapitalismus gemeint sei, sondern wirtschaftlicher Erfolg schlechthin, der bei diesem Prozess reflexartig in der Kritik stehe. Über die sonstigen Empfindungen der Ermittler könne man nur spekulieren. Jedenfalls würden ihre Wünsche nicht von den Ergebnissen der Ermittlungen getragen. Und - dieser Satz fällt öfter - die Formel 1 sei eben "eine Welt für sich", eine "ganz andere Welt", eine "schillernde Welt" mit eigenen Gesetzen, in der seien "solche Zahlungen üblich, auch was die Höhe anbelangt".

Wofür die Zahlungen denn geleistet wurden, dazu lässt sich Brüssow vor Gericht nicht ein. In einer Verhandlungspause erklärt er den Journalisten, Fußballspieler würden schließlich oft für viel Geld vom Markt gekauft und auf die Ersatzbank gesetzt, nur damit kein anderer von ihrem Können profitiere. So habe es auch Ecclestone mit Gribkowsky gemacht.

Die Verteidiger sind offenbar bemüht, jeden Zusammenhang zwischen den ominösen Zahlungen und dem Verkauf der Formel-1-Anteile durch die BayernLB zu negieren. Dabei wird ihre Argumentationslinie nicht ganz klar. Einerseits loben sie das Können ihres Mandanten zum Wohle der Bank ("Er hat eine Bombe entschärft"), andererseits verneint Brüssow die These, Gribkowskys Wirken sei von entscheidender Relevanz für das Zustandekommen des Verkaufs gewesen ("Ein Anruf von Ecclestone beim Vorstandsvorsitzenden der Bayern LB hätte genügt".).

"Eine ganz andere Welt"

Etwas halbgar kamen die beiden zu Prozessbeginn gestellten Anträge der Verteidigung daher, die beide vom Gericht abgelehnt wurden. Der eine Antrag sollte für eine etwaige Befangenheit der Richter und Beisitzer sensibilisieren, da sie doch Bedienstete des Freistaats seien, dem ja auch die BayernLB gehöre.

Der andere Antrag verlangte eine Einbeziehung der Wirtschaftsstrafsache zum Erwerb der Hypo Group Alpe Adria durch die BayernLB, in der Gribkowsky ebenfalls angeklagt ist, der Prozess aber noch nicht begonnen hat. Der Münchner Anwalt Daniel Amelung, der überraschend erst am Freitag zum weiteren Verteidiger des Angeklagten bestellt wurde, verlangte die Zusammenlegung der Verfahren mit dem Argument der Fürsorgepflicht für den Mandanten und der Beschleunigung der Haftsache. Dabei, so meinte auch die Staatsanwaltschaft, würde eine Einbeziehung des komplizierten Falls, den Prozess wohl eher in die Länge ziehen und damit auch die Untersuchungshaft des Angeklagten.

Auf die Frage einer Journalistin, wie es Herrn Gribkowsky denn in München-Stadelheim nach so langer Haft ergehe, sagte Anwalt Brüssow: "Es geht ihm natürlich nicht gut". Schließlich sei sein Mandant eine hochgestellte Persönlichkeit des Wirtschaftslebens gewesen, und so ein Gefängnis, das sei eben "eine ganz andere Welt".

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