Fotostrecke

US-Banken in der Klemme: Wackelkredite und Börsenturbulenzen drücken den Gewinn

Foto: DPA

Schwächezeichen US-Banker legen sich Sparfesseln an

Am Tag nach der Beichte ist klar: Amerikas Banker haben die Bilanzregeln bis zur verbotenen Linie ausgenutzt, um im dritten Quartal ein passables Ergebnis zu präsentieren. Geholfen hat auch eisernes Sparen. Doch Banker und ihre Aktionäre wissen, dass der Gegenwind bald noch stärker wird.
Von Markus Gärtner

New York - Amerikas Banken haben ein schwieriges drittes Quartal hinter sich. Sie haben es mit erlaubten Bilanzkniffen schöngerechnet, während sie sparen, Jobs streichen, schwache Wertpapiergeschäfte verkraften und zunehmend unter einer niedrigen Zinsmarge leiden. Geholfen haben jedoch expandierende Ausleihungen, vor allem an große Firmen sowie eine reduzierte Vorsorge für Wackelkredite. Doch eines wissen die Banken und ihre Aktionäre: Dank wachsender Regulierung, verschärften Kapitalvorschriften, der schwächeren Konjunktur und drohenden Schuldenschnitten in Europa wird der Gegenwind in den kommenden Monaten noch deutlich schärfer werden.

Eisernes Sparen, mehr Fokus auf die Kerngeschäfte und weniger Risiko im Eigenhandel müssen dann mehr zu den Quartalsergebnissen beitragen als kosmetische Eingriffe in die Geschäftsberichte. Es deutet sich auch eine Serie von Asset-Verkäufen an. Die aber werden auf einen Markt stoßen, dessen Aufnahmefähigkeit begrenzt ist. Jede der großen US-Banken, die am Montag und Dienstag das Ergebnis vom dritten Quartal präsentierte, illustrierte auf eine bestimmte Weise eine der großen Herausforderungen der Branche:

Die Bank of America (BofA) beispielsweise, der Finanzdienstleister für etwa die Hälfte aller amerikanischen Haushalte, erweist sich nicht nur als gutes Beispiel für findige Bilanzierungen, sondern auch als brauchbares Konjunkturbarometer. Denn das in Charlotte, North Carolina, angesiedelte Geldhaus weist zwar für das Quartal per Ende September 6,2 Milliarden Dollar Gewinn aus. Davon aber stammen 4,5 Milliarden - also knapp 73 Prozent - aus einem erlaubten Kunstgriff, der auch anderen US-Banken diesmal sehr half: Schuldpapiere, die an Wert verloren haben, dürfen mit Gewinn verbucht werden, weil sie theoretisch zu einem günstigeren Kurs zurückgekauft werden können.

Zugleich hat die Bank of America  im dritten Quartal noch eine Kapitalspritze aus dem Verkauf ihres Anteils an der China Construction Bank eingestrichen, die sie dringend brauchte, um den Verlust von 2,2 Milliarden Dollar im Private-Equity-Geschäft zu verkraften. Hier schlug das schwache Abschneiden der Merrill-Lynch-Division zu Buche, die in den Vorquartalen noch wie ein sprudelnder Geldautomat fungiert hatte.

Citigroup als Spiegelbild der Gesamtmisere

Auch die schwache US-Konjunktur lässt sich wunderbar an der BofA-Bilanz ablesen: Das Hypothekengeschäft des Geldhauses mit Privatkunden ging wegen des miserablen Immobilienmarktes - trotz rekordniedriger Zinsen - um 22 Prozent zurück. Zugleich brach das Geschäft mit Kreditkarten, in dem die BofA einer der größten Anbieter ist, um 16 Prozent ein, weil sich Amerikas private Haushalte schrittweise von ihren hohen Schulden trennen und mit Krediten vorsichtiger geworden sind.

Dass dies so ist, zeigt eine andere Zahl aus der BofA-Bilanz. Weil der Anteil der Amerikaner, die ihre Schulden zeitig begleichen, erstmals wieder zunimmt, musste das Geldhaus diesmal zwei Milliarden Dollar weniger Vorsorge für Wackelkredite betreiben als im Vorjahresquartal. Dass die Amerikaner bei der Entschuldung vorankommen, ist langfristig eine gute Nachricht, kurzfristig drückt es den Konsum und schwächt die rezessionsbedrohte Konjunktur. BofA-Chef Brian Moynihan unterzieht das Sorgenkind unter den US-Banken dann derzeit auch einer "strategischen Transformation", in deren Verlauf 30.000 Jobs gestrichen und bis zum Jahr 2014 jährlich fünf Milliarden Dollar gespart werden sollen.

Die Bilanz der Citigroup liest sich derweil wie ein Kaleidoskop aller Herausforderungen, mit denen sich US-Banken - aber auch die europäischen Institute - konfrontiert sehen. Die Bank hat zwar mit 3,8 Milliarden Dollar Quartalsgewinn - ihr siebter in Folge - die Erwartungen der Analysten übertroffen. Doch in einem Zeitalter sorgsam gepflegter öffentlicher Meinungen und Einschätzungen ist das heute kein großes Kunststück mehr. Die Hälfte des Gewinns kam hier von den genannten Bilanzeffekten. Weitere 1,4 Milliarden Dollar wurden durch die Reduzierung der Vorsorge für Wackelkredite freigeschaufelt. Doch Citi-Chef Vikram Pandit, war ehrlich, als er bei der Präsentation der Zahlen am Montag sagte: "Die Citigroup  navigiert weiterhin in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld".

Im Klartext: Die Bank kommt dank steigender Kosten, kleinerer Margen im Kreditgeschäft und dem Rückgang vieler Gebühren im Kundengeschäft unter Druck. Die Kosten stiegen im Quartal um 9 Prozent, weil der Dollar schwach war und außerdem im Marketing und mit neuen Zweigstellen mehr Aufwand betrieben wurde. Laut "Wall Street Journal" will die Bank Assets im Umfang von 289 Milliarden Dollar verkaufen, doch sie tut sich enorm schwer, Käufer zu finden. Ein Problem, das in den kommenden Wochen und Monaten viele Banken belasten wird - vor allem in Europa, wo Verlusten aus der möglichen Griechenland-Pleite vorgebaut werden muss.

Beben der Euro-Staaten erschüttert US-Banken

Auch die Citigroup litt im Investmentbanking und hatte ein besonders schlechtes Quartal im Derivatehandel. Und auch das Herunterfahren des Eigenhandels wegen der neuen Finanzmarktregeln in den USA machte sich bemerkbar. Im Retail-Geschäft gingen die US-Einkünfte um 9 Prozent zurück, weil von Kreditkartengebühren bis hin zu Überziehungszinsen die Einnahmen zurückgingen. Immerhin reduzierten sich die Verluste aus Wackelkrediten um 41 Prozent, weil die Finanzsituation sich bei vielen Kunden entspannt.

Und schließlich das Engagement in Europa. Die Bank ist mit etwa 20 Milliarden Dollar in den Peripherieländern der Euro-Zone engagiert, plus 14,4 Milliarden in Frankreich und Belgien; US-Präsident Barack Obama wettert nicht zuletzt deshalb gegen die Euro-Staaten. Doch mithilfe von Hedgingpositionen und Versicherungen liegt das Nettoengagement bei rund neun Milliarden Dollar. Sorge macht der Bank - wie den Mitstreitern auch - das absehbar langsame Wachstum in den Industrieländern. "In den etablierten Märkten dürfte das Wachstum über Jahre gering bleiben", skizziert Pandit eine der größten Herausforderungen und den Grund, warum die westlichen Banken so massiv in Asien expandieren.

Das Powerhaus im Investmentbanking, Goldman Sachs, musste gar zum zweiten Mal seit der Börseneinführung 1999 einen Quartalsverlust ausweisen: Es sind 428 Millionen Dollar. Im Vorjahr hatte für Juli bis September noch ein Gewinn von 1,7 Milliarden Dollar in den Büchern gestanden. Goldman Sachs , von vielen in der Branche als die erfolgreichste Investmentbank betrachtet, musste diesmal in zentralen Bereichen deutliche Rückschläge hinnehmen.

Allein für den 2006 erworbenen Anteil an der Industrial and Commercial Bank of China (ICBC) - deren Aktie im Quartal 35 Prozent an Wert verlor - müssen 1,05 Milliarden Dollar Verlust verbucht werden. Die Umsätze im Konsortialgeschäft plumpsten um 61 Prozent. Und die Nettoerträge aus dem Handel mit Anleihen, Währungen und Rohstoffen fielen um 36 Prozent auf 1,73 Milliarden Dollar. Im Aktienhandel gingen die Erträge um 18 Prozent zurück. Resultat: Für die ersten neun Monate des Jahres fiel die Eigenkapitalrendite auf 3,7 Prozent, gegenüber 10,3 Prozent im Vorjahr - und satten 32,8 Prozent vor fünf Jahren.

Zarte Aufschwungsignale bei Wells Fargo

Die Wackelbörsen hinterlassen hier tiefe Schleifspuren und bremsen zusammen mit der politischen Lähmung in Washington die Emissionen von Anleihen und Aktien sowie Fusionen und Übernahmen. "Unsere Ergebnisse sind deutlich beeinflusst durch das Umfeld und wir sind enttäuscht, für das Quartal einen Verlust auszuweisen", musste Goldman-Chef Lloyd Blankfein bei der Präsentation der Zahlen zugeben.

Auch bei Goldman Sachs wird deshalb kräftig gestrichen. Im dritten Quartal reduzierte sich die Zahl der Beschätigten um 4 Prozent. Dass der Ausblick sehr durchwachsen ist, macht ein Kommentar des auf Banken spezialisierten Portfoliomanagers Jon Fisher beim Vermögensberater Fifth Third Asset Management in Minneapolis deutlich: "Das dritte Quartal war für den Wertpapierhandel - der bei Goldman 53 Prozent des Geschäfts im ersten Halbjahr ausmachte - eine große Herausforderung, und das wird in den nächsten Quartalen so bleiben".

Anders dagegen das Bild beim Bankhaus Wells Fargo, in dessen Quartalsbilanz sich die zarten Auftriebskräfte der US-Wirtschaft zeigen, die es trotz aller Krisenphänomene dennoch gibt. So kletterte der Nettogewinn der Bank um 21 Prozent. Und die Verbesserung wurde bei strauchelnder Zinsmarge von einer deutlichen Reduzierung der Risikovorsorge getrieben. Wells Fargo ist somit ein Beleg dafür, dass die Kredite in der US-Wirtschaft trotz der sinkenden Vertrauensindizes bei Konsumenten und Managern wieder kräftiger sprudeln. Im Vergleich zum Vorjahr nahmen die Ausleihungen an kleine Unternehmen um 8 Prozent zu, Kredite an große Firmen, die seit Monaten anziehen, wachsen derzeit um 14 Prozent.

Das passt zu einer aktuellen Meldung der US-Notenbank, wonach das Volumen der Unternehmenskredite seit dem Oktober 2010 um 7,2 Prozent zugenommen hat. "Kleine Industriekredite bei den größeren Banken zeigen einen klaren Turnaround", heißt es in bei der Fed-Zweigstelle in San Francisco. Doch dort wird auch gewarnt, das Kreditportfolio für den Mittelstand sei bei den US-Banken seit dem Höhepunkt 2007 um 47 Milliarden Dollar geschrumpft. Auch von dieser Seite gibt es also keine deutliche Entwarnung für die geplagte US-Konjunktur. Diese zügelt den Kredithunger der Firmen. Und die rekordniedrigen Zinsen der Notenbank drücken gleichzeitig auf die Zinsmarge, die bei Wells Fargo  von 4,25 Prozent vor einem Jahr auf jetzt 3,84 Prozent geschrumpft ist.

Börsenturbulenzen drücken Renditen

Geldhauschef John Stumpf war nach Citigroup-Chef Vikram Pandit dann auch der zweite Topbanker in den USA, der sich bemüßigt sah, sich zu der jungen Wall-Street-Bewegung zu äußern. "Dieser Abschwung dauert zu lange, die Arbeitslosigkeit ist zu hoch, den Leuten tut das weh, und wir verstehen das", sagte Stumpf bei der Vorlage der Quartalszahlen am Montag. Kein Wunder: Die Bank will mehr klassisches Kreditgeschäft. Wells Fargo sticht unter den großen US-Banken dadurch hervor, dass ihr Investmentbanking vergleichsweise klein ist und sie mehr auf traditionelle Kreditvergabe setzt. Nur genau dabei gibt es aktuell auch Probleme.

Das Geldhaus kann derzeit längst nicht alle Einlagen - die im Quartal allein um 8 Prozent zunahmen - an Kunden ausleihen. Resultat: Es investiert stattdessen in Wertpapiere, deren Renditen aber aufgrund der Börsenturbulenzen sinken. Der Druck auf die Zinsmargen hat noch weiter zugenommen, seitdem die Fed im September bekannt gab, die Zinsen am langen Ende mit dem Kauf von Anleihen für weitere 400 Milliarden Dollar im Rahmen der "Operation Twist" zu senken. Das Quartalsfazit von Wells-Fargo-Finanzchef Tim Sloan klang in diesem Zusammenhang also nicht stark übertrieben: "Das war ein starkes Quartal, mit solidem Wachstum bei Krediten, Einlagen, Investmentgeschäften, verbesserter Kreditqualität und gesunkenen Kosten".

In den kommenden Monaten wird sich somit zeigen müssen, ob die Sparanstrengungen der US-Banken, sei es durch Stellenstreichungen oder durch bessere Handelsgeschäfte, die Geldhäuser zumindest in Richtung jener glänzender Ertragslagen zurück navigieren können, in der sie einst waren. Im Moment jedenfalls wird klar: In der Verfassung des dritten Quartals dürften manche US-Bankenriesen Probleme bekommen, sollten die drohenden Schuldenschnitte für Europas besonders betroffene Schuldenstaaten einen Problemtsunami auslösen, der auch die US-Banken treffen kann.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.