Montag, 21. Oktober 2019

Krisenwelle US-Banken bibbern vor Euro-Tsunami

Kapital und Schulden: Wie deutsche Großbanken dastehen
REUTERS

Das ist mehr als ein Warnschuss: Ratingagenturen trauen selbst westlichen Topbanken weniger über den Weg. Jetzt wird klar, dass im schlimmsten Fall ein transatlantischer Bankentsunami auf die Welt zurollt. Schon herrscht hinter den Glitzerfassaden der New Yorker Bankentürme Krisenatmosphäre.

New York - Amerikas Geldhäuser sind alarmiert. Immer bohrendere Furcht zieht in den Chefetagen ein, die Banker fühlen sich mehr und mehr eingekreist von Brandherden. Ratingagenturen nehmen plötzlich selbst die Renommeeinstitute Amerikas - und auch Europas - ins Visier, was deren Kapitalbeschaffung teuerer machen könnte. Kaum weniger brisant: Die drohende Rezession in den USA limitiert die Kreditvergabe, zugleich drosseln turbulente Börsen das Geschäft im Investmentbanking. Zu allem Überfluss soll die Einführung der sogenannten "Volcker Rule" - benannt nach dem ehemaligen Notenbankchef Paul Volcker - ohnehin den Eigenhandel der Banker zügeln. Aber damit nicht genug.

Auf den Straßen vieler US-Städte wogen Proteste gegen die Wall Street. Währenddessen setzen Generalstaatsanwälte aus fast allen US-Bundesstaaten die Banken für Verstöße und Betrug bei Zwangsversteigerungen nach der Finanzkrise unter Druck. Strafen in zweistelliger Höhe drohen. Und jetzt kommen auch noch aus Europa alarmierende Nachrichten.

Meldungen über eine bevorstehende Pleite Griechenlands mehren sich genauso, wie die mögliche Zwangsrekapitalisierung von Banken: Europas politische Führer um Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Frankreichs Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy und den EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso haben sich auf eine Absicherung der Banken für eine Staatspleite Griechenlands verständigt. Und das berührt zumindest indirekt auch die US-Banken.

Zwar haben amerikanische Institute den fünf besonders unter der Kreditkrise leidenden Staaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien lediglich 36,2 Milliarden Dollar direkt geliehen, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich berichtet. Eine direkte Gefahr aus Staatsanleihen von Wackelländern würde bei einer oder mehreren Staatspleiten auf dem Alten Kontinent den US-Instituten also nicht drohen. Doch weitere 60,6 Milliarden wurden den Banken in den Peripherieländern der Euro-Zone ausgeliehen. Und an Geldhäuser in Deutschland und insbesondere Frankreich, die teils randvoll mit Griechenpapieren sind, haben US-Institute satte 275 Milliarden Dollar Ausleihungen in den Büchern.

US-Bankenrisiken von bis zu einer Billion Dollar

Da klingt es in amerikanischen Ohren sehr alarmierend, wenn Kommissions-Präsident Barroso den europäischen Geldhäusern anstatt 21 Prozent nun bis zu 50 Prozent Forderungsverzicht abverlangen will. Gibt es bei der geplanten Zwangsrekapitalisierung Probleme - und fällt nach der Dexia-Bank ein weiteres großes europäisches Institut um - dann droht im schlimmsten Fall ein transatlantischer Krisentsunami.

Dieser könnte schon dann über den Atlantik rollen, wenn das Kapital weniger europäischer Banken knapp wird und in der Folge Zahlungen an amerikanische Institute aus Wertpapiergeschäften und Versicherungskontrakten ausbleiben. Nach Schätzungen von Goldman Sachs Börsen-Chart zeigen haben US-Banken in Staatsanleihen der europäischen Krisenstaaten und Schuldpapiere von deren Banken zusammen 147 Milliarden Dollar investiert. Doch wenn man Derivate, Garantien und andere Finanzgeschäfte mitzählt, steigt diese Summe auf 641 Milliarden Dollar. Bei einem Finanzkollaps in Europa könnten amerikanische Banken bis zu eine Billion Dollar verlieren, schätzt das Magazin "Time" auf Basis verschiedener Quellen.

Das miserable Umfeld der Wall-Street-Banken hinterlässt bereits sichtbare Schleifspuren. Hatten sie zwischen Januar 2010 und dem April 2011 noch 9900 zusätzliche Stellen geschaffen, so strichen die Mitgliedsfirmen der New York Stock Exchange seit April schon wieder 4100 Jobs. Das berichtet der oberste Rechnungsprüfer von New York. Dieser prognostizierte am Dienstag auch den Verlust weiterer 10.000 Arbeitsplätze im Bankensektor der Stadt bis Ende 2012.

"Die Branche hatte noch nie so viel Gegenwind", heißt es in einer Analyse bei CNN Money. Und die Bankenvorstände wissen gar nicht, wohin sie derzeit zuerst schauen sollen, bei so vielen rot flackernden Warnzeichen auf ihren Monitoren. Zum Beispiel in den Kongress.

© manager magazin 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung