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Kapital und Schulden: Wie deutsche Großbanken dastehen

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Krisenwelle US-Banken bibbern vor Euro-Tsunami

Das ist mehr als ein Warnschuss: Ratingagenturen trauen selbst westlichen Topbanken weniger über den Weg. Jetzt wird klar, dass im schlimmsten Fall ein transatlantischer Bankentsunami auf die Welt zurollt. Schon herrscht hinter den Glitzerfassaden der New Yorker Bankentürme Krisenatmosphäre.
Von Markus Gärtner

New York - Amerikas Geldhäuser sind alarmiert. Immer bohrendere Furcht zieht in den Chefetagen ein, die Banker fühlen sich mehr und mehr eingekreist von Brandherden. Ratingagenturen nehmen plötzlich selbst die Renommeeinstitute Amerikas - und auch Europas - ins Visier, was deren Kapitalbeschaffung teuerer machen könnte. Kaum weniger brisant: Die drohende Rezession in den USA limitiert die Kreditvergabe, zugleich drosseln turbulente Börsen das Geschäft im Investmentbanking. Zu allem Überfluss soll die Einführung der sogenannten "Volcker Rule" - benannt nach dem ehemaligen Notenbankchef Paul Volcker - ohnehin den Eigenhandel der Banker zügeln. Aber damit nicht genug.

Auf den Straßen vieler US-Städte wogen Proteste gegen die Wall Street. Währenddessen setzen Generalstaatsanwälte aus fast allen US-Bundesstaaten die Banken für Verstöße und Betrug bei Zwangsversteigerungen nach der Finanzkrise unter Druck. Strafen in zweistelliger Höhe drohen. Und jetzt kommen auch noch aus Europa alarmierende Nachrichten.

Meldungen über eine bevorstehende Pleite Griechenlands mehren sich genauso, wie die mögliche Zwangsrekapitalisierung von Banken: Europas politische Führer um Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Frankreichs Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy und den EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso haben sich auf eine Absicherung der Banken für eine Staatspleite Griechenlands verständigt. Und das berührt zumindest indirekt auch die US-Banken.

Zwar haben amerikanische Institute den fünf besonders unter der Kreditkrise leidenden Staaten Portugal, Irland, Italien, Griechenland und Spanien lediglich 36,2 Milliarden Dollar direkt geliehen, wie die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich berichtet. Eine direkte Gefahr aus Staatsanleihen von Wackelländern würde bei einer oder mehreren Staatspleiten auf dem Alten Kontinent den US-Instituten also nicht drohen. Doch weitere 60,6 Milliarden wurden den Banken in den Peripherieländern der Euro-Zone ausgeliehen. Und an Geldhäuser in Deutschland und insbesondere Frankreich, die teils randvoll mit Griechenpapieren sind, haben US-Institute satte 275 Milliarden Dollar Ausleihungen in den Büchern.

US-Bankenrisiken von bis zu einer Billion Dollar

Da klingt es in amerikanischen Ohren sehr alarmierend, wenn Kommissions-Präsident Barroso den europäischen Geldhäusern anstatt 21 Prozent nun bis zu 50 Prozent Forderungsverzicht abverlangen will. Gibt es bei der geplanten Zwangsrekapitalisierung Probleme - und fällt nach der Dexia-Bank ein weiteres großes europäisches Institut um - dann droht im schlimmsten Fall ein transatlantischer Krisentsunami.

Dieser könnte schon dann über den Atlantik rollen, wenn das Kapital weniger europäischer Banken knapp wird und in der Folge Zahlungen an amerikanische Institute aus Wertpapiergeschäften und Versicherungskontrakten ausbleiben. Nach Schätzungen von Goldman Sachs  haben US-Banken in Staatsanleihen der europäischen Krisenstaaten und Schuldpapiere von deren Banken zusammen 147 Milliarden Dollar investiert. Doch wenn man Derivate, Garantien und andere Finanzgeschäfte mitzählt, steigt diese Summe auf 641 Milliarden Dollar. Bei einem Finanzkollaps in Europa könnten amerikanische Banken bis zu eine Billion Dollar verlieren, schätzt das Magazin "Time" auf Basis verschiedener Quellen.

Das miserable Umfeld der Wall-Street-Banken hinterlässt bereits sichtbare Schleifspuren. Hatten sie zwischen Januar 2010 und dem April 2011 noch 9900 zusätzliche Stellen geschaffen, so strichen die Mitgliedsfirmen der New York Stock Exchange seit April schon wieder 4100 Jobs. Das berichtet der oberste Rechnungsprüfer von New York. Dieser prognostizierte am Dienstag auch den Verlust weiterer 10.000 Arbeitsplätze im Bankensektor der Stadt bis Ende 2012.

"Die Branche hatte noch nie so viel Gegenwind", heißt es in einer Analyse bei CNN Money. Und die Bankenvorstände wissen gar nicht, wohin sie derzeit zuerst schauen sollen, bei so vielen rot flackernden Warnzeichen auf ihren Monitoren. Zum Beispiel in den Kongress.

Aktienkurse der US-Banken auf rasanter Talfahrt

Dort nimmt die Volcker-Rule Gestalt an. Es wird laut Goldman Sachs 14 Prozent des Investmentgeschäfts der Wall-Street-Banken beeinträchtigen und bei Morgan Stanley bis zu 40 Prozent der Einnahmen im Investment Banking in Mitleidenschaft ziehen. Auch ein Blick auf den Kalender steigert die Unruhe in der internationalen Finanzszene, denn in der kommenden Woche müssen die großen US-Banken, eine nach dem anderen, ihre Bücher offenlegen und über ihren jüngsten Geschäftsverlauf berichten. Die erste vermutete Krisenbank, JP Morgan Chase, preschte bereits vor - und löste Erstaunen aus.

Zwar hat das Institut offenbar zuletzt kaum weniger als in der entsprechenden Vorjahresperiode verdient. Doch der Einfluss der europäischen Schuldenkrise beispielsweise konnte offenbar nur mit erheblichen Bilanzbereinigungen erreicht werden. Der Aktienkurs der Bank hat sich dann auch nach Bekanntgabe der jüngsten geschäftszahlen kaum erholt. Seit dem Hoch Mitte Juli steht weiterhin ein Minus von mehr als 20 Prozent zu Buche.

JP Morgan-CEO Jamie Dimon hat in den vergangenen Tagen das Feindbild vieler Wall Street-Protestler vom abgehobenen Banker, der entkoppelt vom Rest der Welt auf seinem eigenen Planeten lebt und die Bedürfnisse der 99 Prozent Menschen außerhalb der Bankenmeile völlig ignoriert, bestätigt. Dimon erlaubte sich bei einem Bankertreffen mit Kanadas Notenbankchef Mark Carney eine wüste Schmipftirade, die im Saal anwesende CEOs wie Deutsche-Bank-Chef Josef Ackerman und Goldman-Sachs-Vormann Lloyd Blankfein ungläubig den Kopf schütteln ließ.

Jamie Dimon hat laut Berichten anwesender Banker die Basel-III-Reformen - die er bei anderer Gelegenheit schon als "anti-amerikanisch" verdammt hatte - als "totalen Unsinn" gebrandmarkt. Selbst nach einer Erwiderung von Carney soll Dimon nicht locker gelassen und weiter gemacht haben, bis Kanadas oberster Geldhüter mit rotem Gesicht vor Wut den Saal verließ. In der Branche können es viele nicht fassen, dass jemand den nächsten Chef des Financial Stability Board - jene Regulierungsbehörde, die die abschließenden Basel III-Bestimmungen den G20 vorlegen wird - so unbeherrscht attackiert. Auch für die anstehenden Aktienausgaben, mit denen viele Banken auf beiden Seiten des Atlantiks frisches Kapital einsammeln müssen, ist das keine geschickte Vorbereitung von einem Spitzenbanker, den Barack Obama vor Monaten als einen der schlauesten Männer der Wall Street pries.

Krisenfaktor Banker-Boni

Unter Analysten fragt man sich jetzt wie es sein kann, dass die fünf größten US-Banken kollektiv 2011 satte 65,7 Milliarden Dollar für Kompensationen und Boni zur Seite legen - 8 Prozent mehr als 2010 - wenn die Bedingungen aus Basel III so scharf sein sollen. Besonders Kanadas Finanzkolumnisten nahmen sich Dimon nach dessen Tirade vor: "Die Kompensationen im Finanzsektor sind 70 Prozent höher als im Schnitt aller anderen Industrien. wenn man diese Lücke schließen würde, die es vor 30 Jahren noch gar nicht gab, würde das die operativen Kosten der Banken um 20 Prozent senken und sie könnten die neuen Kapitalvorschriften ohne Schaden für die Gewinne einhalten", schrieb David Olive im "Toronto Star".

So dürfte es bei der Vorlage der nächsten US-Banken-Bilanzzahlen in den kommenden Tagen doch noch ein paar Enttäuschungen geben. Analysten bei der Citigroup zum Beispiel haben Goldman Sachs einen Quartalsverlust vorhergesagt; Goldman Sachs wird am Dienstag seine Quartalsergebnisse präsentieren. Es wäre erst der zweite Verlust, seitdem die Bank eine Publikumsgesellschaft wurde. Für Nervosität sorgen auch Nachrichten, wie die von der Einlagensicherung FDIC. Diese meldete am Dienstag, sie erwarte bis 2015 für ihren Rettungsfonds weitere 19 Milliarden Dollar Belastung aus zusätzlichen Bankenpleiten.

Die Quartalsberichte werden schwach ausfallen, darüber macht sich dann auch niemand in Amerika Illusionen. Der Analyst Howard Chen bei Credit Suisse  hat ausgerechnet, dass Fusionen und Übernahmen im dritten Quartal gegenüber den drei Vormonaten um 34 Prozent eingebrochen sind, während Aktienemissionen um 54 Prozent zurückgingen. Für die Ausgabe von Anleihen war es das schwächste Quartal seit der Finanzkrise. Und jetzt noch die Horrormeldungen aus Europa. US-Präsident Barack Obama warnte, die Schockwellen aus Europa könnten der bereits ohnehin vergleichsweise schwachen US-Konjunktur schaden. An den einschlägigen Angstbarometern für die US-Institute lässt sich das schon ablesen.

Die Prämien für eine Ausfallversicherung gegen Anleihen (CDS) der Geldhäuser etwa schießen seit dem Sommer steil in die Höhe. Für die Bank of America sind sie seit August um 170 Prozent gestiegen. Sie haben sich erst in den vergangenen Tagen wegen der Hoffnung auf eine Rekapitalisierung der Euroland-Banken und den Versprechen von Angela Merkel und Nicolas Sarkozy etwas beruhigt. Am Dienstag fielen die CDS für die Bank of America um 6,1 Prozent. Die für JP Morgan Chase fielen um 5,3 Prozent. Sie waren zuvor seit August um 125 Prozent geklettert. Die für Goldman Sachs hatten in diesem Zeitraum um 247 Prozent zugelegt.

Angst vor der nächsten großen Liquiditätskrise

Es überzeugt also die Anleger wenig, wenn US-Institute darauf hinweisen, dass sie in einigen Punkten bessere Kennziffern aufzuweisen haben als die europäischen Mitstreiter. Bei der sogenannten "tangible equity ratio" - dem um immaterielle Vermögenswerte reduzierten Eigenkapital, das Verluste absorbieren kann - stehen die US-Banken in der Tat oft besser da. JP Morgan und die Bank of America  kommen bei dieser Messlatte auf unter 6 Prozent, die Citigroup und Wells Fargo sogar über 7 Prozent. Große europäische Banken wie BNP Paribas , die Société Générale und Spaniens Banco Santander  liegen dagegen bei 4 Prozent oder darunter. Und das, obwohl Europas Banken im Gegensatz zu den US-Geldhäusern den Bruttowert von Derivaten ausweisen. Die Deutsche Bank  und die Commerzbank  kommen auf etwa 3 Prozent.

Eine verschärfte Bankenkrise in Europa könnte auch in den USA die Zinsen für kurzfristige Ausleihungen scharf nach oben treiben, die Aktienkurse würden ihre schroffe Talfahrt wieder aufnehmen, Zahlungen aus Gegengeschäften mit Euro-Landbanken könnten ausbleiben. Die Liquiditätskrise von 2008 würde sich zurückmelden. Es wären vor allem Probleme großer europäischer Banken, die in den USA für ein Branchenbeben sorgen könnten, wie der Volkswirt Jay Bryson bei Wells Fargo Securities sagt.

Bryson malt sich zwei mögliche Krisenszenarien aus. Im ersten würde die Regierung Griechenlands wachsenden Protesten der Bevölkerung nachgeben und Forderungen der Troika nicht mehr nachkommen, worauf keine weiteren Tranchen aus den beiden Bailout-Paketen fließen würden. Steigende Zinsen würden in der Folge weitere Peripherieländer in eine Zahlungsunfähigkeit treiben. Große Banken im Euro-Land könnten zumindest teilweise nicht mehr Kredite von US-Banken tilgen.

Harter Kampf um die öffentliche Meinung

Im zweiten Szenario finden Europas Regierungen keine Lösung für die Schuldenkrise. Diese würde sich hinziehen, bis ein oder mehrere Länder Bankrott sind. Morgan Stanley ist laut den CDS-Prämien die am meisten gefährdete US-Bank in einem solchen Szenario. Die Aktie der Bank wurde Ende September wie von einem Erdbeben erschüttert, als "Zero Hedge", ein führender Finanzblog in den USA, berichtete, Morgan Stanley sei allein bei französischen Banken mit 39 Milliarden Dollar engagiert. Das wären zwölf Milliarden Dollar mehr als die gesamte Marktkapitalisierung.

In Finanzkreisen wurde eilig darauf verwiesen, dass die 39 Milliarden Dollar eine Bruttoposition seien, die Absicherungen des Engagements an den Terminbörsen sowie etwaige Versicherungen nicht berücksichtigen. Der Kurs der Aktie ging trotzdem in den freien Fall über, weil sich Morgan Stanley wegen der unmittelbar bevorstehenden Bilanzpräsentation nicht im Detail zu dem Bericht äußern konnte. "Ist Morgan Stanley das nächste Lehman?", fragte nicht nur CNN Money.

Den Kampf der Bank um die öffentliche Meinung angesichts dieser Fußfesseln sowie eilig einberufene Versammlungen mit den Mitarbeitern, die Hintergrundgespräche mit großen Investoren und die Überzeugungsarbeit bei Analysten verglich das Finanzblog der New York Times mit einem "Krieg". Vom Kursabsturz um 52 Prozent seit dem Hoch im März hat sich die Morgan-Stanley-Aktie ab Freitag erst einmal um 15 Prozent erholt. Die Bank berichtet am kommenden Montag ihre Ergebnisse für das dritte Quartal.

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