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Kapital und Schulden: Wie deutsche Großbanken dastehen

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Bankenhilfe Riesenlast für Euro-Bürger

Laute Drohgebärde: Kommt die staatliche Zwangsstütze, drohen Banken mit einer Schrumpfkur, die auch die Realwirtschaft träfe.

Hamburg - Andrea Endria scheint derzeit der mächtigste Mann Europas zu sein. Der Italiener leitet die neu geschaffene Europäische Bankenaufsicht (EBA), die bisher nur ins Licht der Öffentlichkeit trat, wenn sie mit Stresstests die Krisenresistenz der Banken prüfte, zuletzt im Juli. Jetzt rechnen seine Beamten wieder die Bilanzen durch. Und diesmal geht es um viel: Europas politische Führer Merkel, Sarkozy und Barroso haben sich auf eine Absicherung der Banken für eine Staatspleite verständigt, die im Fall Griechenland nun ernsthaft erwogen wird. Die Bankenhilfe soll das Hauptthema des kommenden EU-Gipfels am 23. Oktober sein.

"Wir unternehmen keinen neuen Stresstest", erklärt eine EBA-Sprecherin gegenüber manager magazin online. Man prüfe aber die aktuelle Kapitalposition der Banken und ihre Bestände an Staatsanleihen - alles im Rahmen bisheriger Beschlüsse. Spätestens zum nächsten Treffen der europäischen Finanzminister Anfang November werde die Behörde dann vorschlagen, wie mit dem Befund umzugehen sei.

EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso hatte am Mittwoch im Europaparlament erklärt, die "Schutzwälle" müssten verstärkt werden. Das bedeute "vorübergehend eine erheblich höhere Eigenkapitalquote". Wie hoch die ausfallen solle, sagte Barroso nicht - aber dass sie europaweit mit staatlicher Kapitalhilfe erreicht werde, falls die Banken das Ziel aus privaten Mitteln nicht erreichten. Im letzten Schritt könne auch der Euro-Rettungsfonds EFSF aktiv werden. Er sagte auch, dass allen Banken, die das Ziel noch nicht erreichten, dürften keine Boni und Dividenden zahlen.

Die Musterschüler des Juli-Stresstests sind die Krisenfälle von heute

Im jüngsten Stresstest hatte die EBA noch ein Verhältnis von 5 Prozent Eigenkapital gemessen an den risikogewichteten Aktiva im Krisenfall als genügend betrachtet. Jetzt werde die Messlatte auf 9 Prozent angehoben, berichten die Nachrichtenagentur Reuters und die "Financial Times" aus Brüsseler Kreisen. Auch der Bankenverband nennt diese Zahl in einem Beschwerdebrief an Finanzminister Wolfgang Schäuble - der sich davon ungerührt zeigen dürfte: "Wir werden sicherstellen, dass alle systemrelevanten Banken ausreichend mit Kapital ausgestattet werden, auch wenn dies nicht allen Banken gefällt", hatte er schon am Mittwochabend klargestellt.

Im Juli haben nur 25 der 90 begutachteten Banken diese Marke geschafft, darunter drei der zwölf deutschen Institute: die bereits voll verstaatlichte Hypo Real Estate sowie die zur Sparkassen-Gruppe gehörenden Landesbank Berlin und Dekabank. Alle britischen, französischen und italienischen Geldhäuser hätten das Ziel verfehlt, auch die Deutsche Bank  und die Commerzbank  kamen nur auf 6,5 Prozent. Von den börsennotierten Großbanken schaffen es nur die spanische BBVA , aus Schweden Nordea  und SEB . Intesa Sanpaolo , Santander  und ING  sind mit Kernkapitalquoten knapp unter 9 Prozent immerhin nahe dran.

Allerdings wird dem Vernehmen nach auch das Stressszenario diesmal strenger formuliert. Eine Umschuldung hatten die Aufseher damals nämlich nicht vorgesehen. Ohnehin scheinen die Ergebnisse des jüngsten Tests längst von der Realität überholt zu sein. Die belgische Dexia, gerade erneut verstaatlicht, hatte im Krisenszenario eine ausgezeichnete Kapitalquote von 10,4 Prozent erreicht. Die österreichische Erste Bank, die wegen der Krise in die roten Zahlen rutscht, kam aus komfortable 8,1 Prozent. Daher hatte die Kapitalhilfe für die acht durchgefallenen Banken auch kaum die Märkte beruhigt, bis zuletzt wuchs das Misstrauen der Banken untereinander stark an.

Ackermann droht: Wir können auch anders

Doch den Fall der Fälle mit stärkeren Kapitalpuffern abzusichern, wäre teuer, vor allem für die Steuerzahler. Von privater Seite käme das benötigte Kapital "sicher nicht", erklärte Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann am Donnerstag auf dem Unternehmertag seines Instituts in Berlin.

Für die Deutsche Bank, die erst vor einem knappen Jahr unter günstigeren Marktbedingungen mit Mühe eine Kapitalerhöhung in ähnlicher Größenordnung gestemmt hat, ergäbe sich aus den strengeren Anforderungen Finanzkreisen zufolge ein Bedarf von neun Milliarden Euro, bei der Commerzbank kommen viele Experten auf ein noch höheres Niveau. Die Schweizer Credit Suisse schätzt, dass europaweit 220 Milliarden Euro fehlen.

Schon im August hatte IWF-Präsidentin Christine Lagarde, kurz nach ihrem Abschied als französische Finanzministerin, die kontinentale Elite mit der Äußerung verärgert, Europas Banken bräuchten 200 Milliarden Euro. Im aktuellen Weltfinanzstabilitätsbericht errechnet der Internationale Währungsfonds sogar einen Schaden von 300 Milliarden Euro, den die Krise seit Ende 2009 in den Bilanzen der Banken in der Euro-Zone angerichtet habe.

"Enteignung ist nicht der Weg nach vorn"

Alastair Ryan, der in London für die UBS Banken analysiert, errechnet, die Staaten würden nach dieser Aktion 40 Prozent der Anteile der Banken in der Euro-Zone besitzen. "Enteignung ist nicht der Weg nach vorn", urteilt der Analyst unisono mit der deutschen Bankenlobby. Manche Banken seien eigentlich überkapitalisiert, die Staatshilfe könne die Banken bremsen und die Staaten überfordern. Doch sie werde wohl trotzdem kommen.

Deutsche-Bank-Chef Ackermann verweist deshalb auf einen anderen Ausweg: Wenn die Regulierer eine höhere Kapitalquote fordern, könnten die Banken ihr Kapital erhöhen - oder ihre Aktiva verringern, sodass das existierende Kapital den Anforderungen genügt. "Die Deutsche Bank wird alles tun, dass wir auch dieses Mal kein Staatsgeld brauchen", erklärte Ackermann. Dies könne unter Umständen heißen, "die Bilanzen massiv zu kürzen, vielleicht sogar, sich von Dingen zu trennen, die durchaus im strategischen Interesse der Bank liegen".

So gehen bereits die französischen Großbanken vor. Der aktuell geplante Bilanzabbau von BNP Paribas  und Société Générale  umfasst rund 150 Milliarden Euro. Diese Strategie kommt einer Drohung gleich. Denn damit würden die Banken auch für Unternehmen und Haushalte notwendige Kredite verknappen. "Die Risiken einer großen Kreditklemme sind sehr realistisch, daher hoffen wir darauf, dass das bei den Tests berücksichtigt wird", betont Huw van Steenis, Bankenexperte von Morgan Stanley . Mit anderen Worten: Eine hübsche Volkswirtschaft haben Sie da. Wäre doch schade, wenn ihr was zustoßen würde.

Ergebnis Stresstest 2011: Kernkapitalquoten deutscher Banken in Prozent*

Bank
Basisszenario
Krisenszenario
2010 2011 2012 2011 2012
BayernLB 9,3 9,1 9,0 8,1 7,1
Commerzbank 10,0 8,3 8,9 6,8 6,4
Dekabank 13,0 10,5 12,3 8,6 9,2
Deutsche Bank 8,8 8,0 8,5 6,7 6,5
DZ Bank 8,2 9,4 9,5 7,9 6,9
HSH Nordbank 10,7 10,4 10,5 9,8 5,5
Hypo Real Estate 28,4 17,1 14,8 12,6 10,0
Landesbank Berlin 14,6 13,8 13,9 10,4 10,4
LBBW 8,2 8,3 9,1 7,1 7,1
Nord/LB 4,6 6,9 6,8 6,2 5,6
WestLB 8,7 8,8 8,8 7,3 6,1
WGZ-Bank 10,8 11,7 11,9 9,6 8,7
Helaba** 5,5 8,7 9,0 7,8 6,8
Basisszenario: Wie entwickelt sich das harte Kernkapital, wenn die Wirtschaft in der Euro-Zone 2011 um 1,5 Prozent und 2012 um 1,8 Prozent wächst?
Krisenszenario: Die Wirtschaft in der Euro-Zone schrumpft 2011 um 0,5 Prozent und 2012 um 0,2 Prozent. Die Aktienkurse brechen ein, die Schuldenkrise verschärft sich.
* Hartes Kernkapital ist Geld, das in Krisenzeiten stets verfügbar ist - sofort und bedingungslos. Dazu zählen Aktien und Gewinnrücklagen.
** Nach eigenen Angaben: Die Helaba (Landesbank Hessen-Thüringen) schloss sich am Donnerstag selbst aus dem Test aus, weil die Bankenaufsicht die milliardenschwere stille Einlage des Landes Hessens nicht als Sicherheit anerkennt.
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