Griechenland "Konzerne nicht auf Horror-Szenario festlegen"

Schreiben Banken und Versicherer ihre Griechen-Bonds zu gering ab? Bilanzexperte Carsten Zielke warnt im Interview davor, Konzerne zu höheren Abschreibungen zu zwingen. Massenhaft unterstellte Horror-Szenarien in den Büchern könnten zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung werden.
Schuldenschnitt: Banken verzichten auf einen Teil ihrer Forderungen gegenüber Griechenland

Schuldenschnitt: Banken verzichten auf einen Teil ihrer Forderungen gegenüber Griechenland

Foto: DPA

mm: Herr Zielke, das unabhängige Bilanzierungsgremium IASB hat sich bei der europäischen Wertpapier- und Marktaufsicht ESMA darüber beschwert, dass Banken ihre Griechenland-Bonds nur unzureichend abschreiben. Wie bewerten Sie den Vorgang?

Zielke: Politisch betrachtet ist das natürlich eine peinliche Indiskretion, denn das Schreiben der IASB an die Marktaufsicht ESMA war natürlich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

mm: Und wie sehen Sie das als ausgewiesener Bilanzexperte. Ist die Kritik des Bilanzierungsgremiums berechtigt?

Zielke: Die Frage ist nicht einfach mit Ja oder Nein zu beantworten. Denn als die Institute ihre Halbjahresbilanzen erstellten, war unklar, ob und in welchem Ausmaß die Banken und Versicherungen sich als private Gläubiger an der Rettung Griechenlands beteiligen würden. Das heißt, es gab auch noch keinen Konsens über die mögliche Höhe von Abschreibungen im Zuge des geplanten Anleihenumtausches.

mm: So überraschend kann der Forderungsverzicht nicht gewesen sein. Schließlich haben alle namhaften Banken und Versicherer ihre Hellas-Bonds in ihren Bilanzen zum Teil abgeschrieben.

Zielke: Richtig, aber eben rückwirkend. Und sie haben das sehr unterschiedlich gehandhabt. Die französische Bank BNP  und der französische Versicherer CNP etwa haben lediglich die empfohlenen 21 Prozent abgeschrieben, und auch nur auf Papiere mit einer Laufzeit bis zum Jahr 2020. Bei den anderen Papieren, die BNP bis zur Endfälligkeit halten will, sieht die Bank keinen Abschreibungsbedarf, weil sie unterstellt, dass Europa für Griechenland einsteht, folglich auch kein Zahlungsausfall zu befürchten sei.

mm: Halten Sie das für legitim? Lässt sich der Einwand von IASB-Chef Hoogervorst einfach so vom Tisch wischen?

Zielke: Das IASB schätzt die Perspektiven Griechenlands offenbar schlechter ein als es die Politik und manche Unternehmen derzeit tun. In meiner Funktion als EFRAG-Mitglied (siehe Kasten links "Zur Person"), die die EU-Kommission bei Bilanzierungsregeln berät, halte ich die von der BNP und anderen Instituten vorgenommenen Abschreibungen aus bilanztechnischer Sicht für ausreichend.

Diese Praxis entspricht schlicht dem, was die Politik beschlossen hat. Wer nicht an eine schnelle Werterholung der Papiere glaubt oder gar eine Pleite des Landes befürchtet, schreibt eben großzügiger ab. Die Allianz  zum Beispiel hat ihren gesamten Bestand an Hellas-Bonds auf den Marktwert reduziert - also auch jene Papiere, die erst weit nach 2020 fällig werden.

mm: Weil sich die Allianz das eher leisten kann als andere Banken und Versicherer?

Zielke: Das könnte man so sehen. Aber die Frage ist doch vielmehr, wie lange ich die Papiere halten möchte. Ist kein Halten bis zur Endfälligkeit geplant, dann reflektiert der aktuelle Marktwert ein realistischeres Bild. Möchte ich dagegen Bonds bis zur Endfälligkeit halten, dann ist der Kostenansatz häufig der bessere, wie selbst das IASB mit dem neuen Standard IFRS 9 bestätigt hat.

mm: Die Société Générale hat nach einer Aufstellung von JP Morgan den Wert ihrer Griechenbonds im Handelbuch lediglich um 20 Prozent gemindert.

Zielke: Mir steht es nicht zu, die Bilanz meines Arbeitgebers zu kommentieren. Aber wie bei der BNP und der CNP entspricht dieser Wert im übrigen den Vorstellungen des Instituts der Wirtschaftsprüfer (IDW) und stellt den langfristigen Haltecharakter dieser Häuser da.

Höhere Abschreibungen können Märkte noch mehr verunsichern

mm: Das unabhängige Gremium IASB überarbeitet fortlaufend die Bilanzregeln IFRS und IAS. Ziel ist dabei eine korrekte Rechnungslegung sowie eine transparente und damit für die Kapitalmärkte verlässliche Finanzberichterstattung. Diese Standards setzt die EU-Kommission durch ein Anerkennungsverfahren als verbindliches Recht um, in dessen Verlauf Sie als EFRAG-Mitglied die EU-Kommission beraten. Ihre Tätigkeit ist also eng mit der des IASB verknüpft. Was irritiert Sie also an der Position von IASB-Chef Hoogervorst?

Zielke: Nicht viel. Die Lage im Euroraum ist derzeit aber nun einmal unübersichtlich und nicht eindeutig. Wir sollten den Unternehmen daher nicht vorgeben, sich über deutlich höhere Abschreibungen in der Bilanz auf ein Horror-Szenario festzulegen. Dieser Schuss kann auch nach hinten losgehen, zu einer Art selbsterfüllender Prophezeiung werden. Ich hielte so ein Vorgehen für höchst gefährlich.

mm: Warum?

Zielke: Sicher, man könnte jetzt den Unternehmen vorschreiben, dass sie ihren kompletten Bestand an Griechenland-Bonds um mindestens 60 Prozent abschreiben. Dann hätten wir zwar eine einheitliche und für die Märkte transparentere Betrachtungsweise. Diese Vorgabe unterstellt jedoch nun einmal eine 60prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die Papiere ausfallen. Ich befürchte, genau das könnte die Märkte noch viel mehr verunsichern als sie es derzeit ohnehin schon sind.

mm: Das IASB sollte sich in seinen Forderungen also zurücknehmen?

Zielke: Das Board sollte sich auf das bilanztechnisch Notwendige beschränken. Und rein technisch gesehen gibt es an geringeren Abschreibung derzeit nichts auszusetzen. Was ich allerdings für besorgniserregend halte ist, dass die Höhe der Wertberichtigungen so stark voneinander abweicht. Denn damit beeinflussen die Institute natürlich ihr Ergebnis. Und die Ergebnisse werden weniger vergleichbar für uns Analysten.

mm: Wenn einzelne deutsche Banken und Versicherer griechische Bonds schärfer abschreiben als ausländische Wettbewerber, ist das ein Vorteil für diese Unternehmen?

Zielke: Es kann insofern ein Vorteil sein, als diese Konzerne dem Markt signalisieren: Schaut her, wir gehen konservativer vor und schaffen uns damit ein dickes Gewinnpolster, falls es nicht zum Ausfall kommt. Denn entstehen durch höhere Abschreibungen auf festverzinsliche Titel unter Umständen erhebliche stille Reserven, können die Unternehmen diese nach IFRS später heben und den Gewinn damit beträchtlich in die Höhe schrauben. Ob das ein besseres Bild der wirtschaftlichen Lage des Instituts wiedergibt, ist allerdings fraglich.

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