Währungskrise "Dann steigen die Deutschen aus dem Euro aus"

Hält die Währungsunion zusammen? Ja - wenn sie die Bundesbürger nicht überfordert, meint Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, im Interview mit manager magazin Online. Ein Gespräch über die Prinzipien der Deutschen und die Schulden der anderen.
Comeback der D-Mark: "Der Euro muss die Währung bleiben, die den Bundesbürgern versprochen wurde - stabiles Geld"

Comeback der D-Mark: "Der Euro muss die Währung bleiben, die den Bundesbürgern versprochen wurde - stabiles Geld"

Foto: Corbis

mm: Herr Mayer, die Euro-Krise hat sich zwar durch den EU-Gipfel vorige Woche erstmal entspannt, aber die Schuldenproblematik bleibt bestehen. In dieser Situation kämpfen die Bundesbank und ihr neuer Präsident Jens Weidmann um ihre Glaubwürdigkeit; im aktuellen Heft beschäftigen wir uns damit in einem ausführlichen Report. Ist das angesichts der komplexen Lage in Europa ein verlorener Kampf?

Thomas Mayer: Auf jeden Fall ist es ein lohnender Kampf. Weidmann stellt sich ziemlich geschickt an. Er ist ja in keiner einfachen Lage: Einerseits muss er sich solidarisch in den Rat der Europäischen Zentralbank einreihen; seinen neuen Kollegen dort darf er nicht in den Rücken fallen. Andererseits darf er auch die Solidarität der Deutschen nicht überfordern. Das ist ein Spagat, den er bisher gut hinbekommen hat.

mm: Der Gipfel vorige Woche hat nach Ansicht vieler Beobachter den Einstieg in die Transferunion beschlossen. Das wollte die Bundesbank in dieser Form nie.

Mayer: Das ist wahr. Aber zugleich werden die Euro-Notenbanken durch die Brüsseler Beschlüsse ein stückweit aus der Schusslinie genommen. Zum Beispiel muss die EZB in künftigen Krisensituationen nicht mehr Staatsanleihen vom Markt kaufen, das soll nun der Rettungsfonds EFSF übernehmen. Das geht in die Richtung der Bundesbank-Forderung nach einer Trennung zwischen Geldpolitik und Fiskalpolitik. Immerhin.

mm: Der "Spagat", von dem Sie eben sprachen. hat ja viel mit der wachsenden Euro-Müdigkeit der Bundesbürger zu tun. 80 Prozent der Deutschen halten die Stabilität des Euro für gefährdet, wie Umfragen zeigen. Wie sollte der Chef der Bundesbank unter diesen Bedingungen agieren?

Mayer: Weidmann muss eine Brücke bauen zwischen den Deutschen und dem Euro. Er muss daran arbeiten, dass der Euro die Währung bleibt, als die er den Bundesbürgern versprochen worden ist: als stabiles Geld, wobei jedes Mitgliedsland prinzipiell für seine eigenen Finanzen verantwortlich bleibt.

mm: Und diese Grundvoraussetzung sehen Sie gefährdet?

Mayer: Der Gipfel hat ja eine deutliche Fortentwicklung der Währungsunion beschlossen, hin zu einem Europäischen Währungsfonds, wie Präsident Sarkozy sagte. Diese Idee ist mir prinzipiell nicht unsympathisch, Ähnliches hatte ich schon vor über einem Jahr vorgeschlagen. Das beruhigt zwar erstmal die Märkte. Aber es schafft neue, grundsätzlichere Probleme. Falls der Eindruck entsteht, die Bundesrepublik müsse für alle anderen mitzahlen, ob über Eurobonds, den EFSF oder direkt, dann wird es eng. Dann besteht die realistische Gefahr, dass sich die Deutschen vom Euro abwenden und aus der Währungsunion aussteigen wollen.

"Wir dürfen nicht unbegrenzt haften"

mm: Was kann denn der Bundesbank-Chef konkret tun, damit der Euro erhalten bleibt?

Mayer: Vor allem muss Weidmann im Rat der Europäischen Zentralbank für die deutsche Position werben.

mm: Akut geht es ja darum, eine erneute Ausbreitung der Krise zu verhindern. Müssen da prinzipielle Fragen nicht zurückstehen?

Mayer: Wenn wir die Prinzipien jetzt nicht im Blick haben, dann wird die Währungsunion in ein paar Jahren zerfallen. Dann werden nämlich Deutsche und Niederländer aussteigen.

mm: Also dürfen wir Ihrer Meinung nach auf keinen Fall für die Schulden anderer Euro-Staaten haften?

Mayer: Doch, aber nicht unbegrenzt. Durch die Rettungsschirme haften wir untereinander bis zu einer festgelegten Grenze. Wir sind keine OHG, wir sind eine GmbH, und deren Stammkapital ist gerade durch den Gipfel abermals erhöht worden. Wenn diese Programme aber fehlschlagen, dann kommt der nächste Schritt, nämlich die Insolvenz des Partners. Wenn wir diesen Charakter der Währungsunion jetzt nicht etablieren, sondern ein Land wie Griechenland immer weiter finanzieren, dann sehe ich keine Hoffnung, dass wir diesen Charakter in Zukunft etablieren werden. Ohne eine solche Haftungsbegrenzung wird die Währungsunion langfristig erodieren.

mm: Aber innerhalb eines Staates wieder Bundesrepublik agieren wir doch auch anders. Warum nicht auf europäischer Ebene?

Mayer: Die europäischen Wähler sind nicht bereit für eine politische Union. Innerhalb einer solchen Union wäre eine gegenseitige Haftung ohne Limit möglich. So wie wir das in Deutschland haben. Aber Sie sehen ja schon in Deutschland, dass die unbegrenzte Solidarität zwischen Nord und Süd, Ost und West den Bürgern nur schwer zu vermitteln ist. In Europa funktioniert das überhaupt nicht.

mm: Herr Mayer, wie viele in Deutschland, so betonen auch Sie stark das Prinzipielle. Währenddessen riskieren wir, alle miteinander unterzugehen. Nach wie vor sind Kettenreaktionen mit verheerenden Folgen - die Spanien, Italien und am Ende vielleicht auch Deutschland mitreißen könnten - nicht ausgeschlossen.

Mayer: Wenn Spanien oder Italien Pleite gingen, dann wäre ohnehin das Spiel aus. Ich glaube nicht, dass Griechenland ein so großes Problem darstellt wie Lehman. Seit Ende 2008 ist das Szenario einer Griechenland-Umschuldung im Markt. Alle sind darauf vorbereitet. Es wird Ansteckungseffekte geben, aber dass dies zu einem Zusammenbruch des Weltfinanzsystems führt, glaube ich nicht.

mm: Die Europäische Zentralbank und auch Jens Weidmann waren strikt gegen einen Schuldenschnitt für Griechenland. Zu recht?

Mayer: Die EZB ist verwundbar. Sie hat die griechischen Banken finanziert und sich damit große Mengen an griechischen Staatsanleihen hereingeholt. Dann hat die EZB versucht, der Politik den Schwarzen Peter zuzuschieben, um ihre Bilanz zu schützen. Inzwischen hat sie aber eingelenkt.

mm: Das klingt so, als hätte die EZB anders handeln können. Tatsächlich musste sie doch für die Versäumnisse der Politik einspringen - weil die EZB die einzig handlungsfähige Institution im Euro-Raum ist.

Mayer: In der Tat muss die EZB künftig aus der Staatsfinanzierung herausgehalten werden. Der Euro ist bislang eine Schönwetter-Konstruktion. Daran ändern auch die Beschlüsse des letzten EU-Gipfels nichts Wesentliches. Wenn ein Tief kommt, regnet es überall rein. Das erleben wir gerade. Aber jetzt muss man das Dach reparieren. Und das muss so gemacht werden, dass es nicht beim nächsten Windstoß einstürzt. Dafür muss man Prinzipien etablieren. Nummer eins: Die Zentralbank kümmert sich nur um die Stabilität des Geldes. Sie wird sich nicht mehr um die Finanzierung maroder Staaten oder maroder Banken hineinziehen lassen. Prinzip Nummer zwei: Es gilt die nationalstaatliche Haftung. Bis zu einem gewissen Grad, Stichwort GmbH, helfen wir uns gegenseitig aus, wenn die Märkte übertreiben. Aber ansonsten haftet jeder Staat einzeln - und damit auch seine Gläubiger - für Fehler. Wenn man nicht zu diesen Prinzipien zurückkehrt, stürzt die Schönwetter-Konstruktion beim nächsten Windstoß um.

mm: Und dann?

Mayer: Dann kommt es zur Desintegration der Währungsunion.

mm: Also: Zurück zu nationalen Währungen?

Mayer: Das kann sein. Aber es könnte sich auch ein Hart-Euro herauslösen, der Deutschland, Holland, Österreich und andere Länder umfasst und von der Bundesbank als Institution geführt würde. Der Weich-Euro würde dann von der EZB gemanagt.

mm: Mit anderen Worten: Sie halten es für möglich, dass Bundesbank-Präsident Weidmann im Laufe seiner achtjährigen Amtszeit die D-Mark wieder einführen muss?

Mayer: Ich halte es für möglich, aber nicht für wahrscheinlich. Wir sollten für den Euro kämpfen - für einen harten, prinzipienfesten Euro.

Überblick: Die Beschlüsse des europäischen Krisengipfels

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