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Nachfolger: Ackermanns mögliche Erben

Foto: Fredrik Von Erichsen/ dpa

Deutsche Bank Ackermanns Eiertanz um die Nachfolger-Frage

Josef Ackermann kann den Aktionären der Deutschen Bank heute auf der Hauptversammlung eine stolze Bilanz vorlegen und sie auf fette Jahre einschwören. Doch um die Antwort auf eine entscheidende Frage drücken sich Ackermann und sein Oberaufseher Börsig seit Monaten. Das sorgt für Unruhe.

Der eine gibt den charmanten, weltgewandten Leitwolf, dem die Bundeskanzlerin eine Geburtstagsfeier spendiert und der sich mit dem Titel "European Banker of the Year" schmücken kann. Der andere gilt als spröde und meidet das Rampenlicht. Bei seinen wenigen öffentlichen Auftritten greift er gerne zu Zitaten, wenn er Fragen nicht direkt beantworten will.

Die Unterschiede zwischen Josef Ackermann, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Bank , und seinem Oberaufseher Clemens Börsig könnten kaum größer sein. Heute ist das ungleiche Gespann für den reibungslosen Ablauf der Hauptversammlung der Deutschen Bank verantwortlich.

Harten Gegenwind haben die beiden von Aktionärsseite kaum zu erwarten. Nur zu den fragwürdigen Immobilienfinanzierungsgeschäften der Hypothekentochter MortgageIT in den USA, die dem Geldhaus eine Milliardenklage eingebracht hat, wird es kritische Fragen geben. Doch die wird das ungleiche Duo Ackermann und Börsig wohl gekonnt professionell parieren.

Schwerer könnte beiden jedoch die Antwort auf jene Nachfolge-Frage fallen, die seit Monaten über der Bank schwebt.

Spätestens zur Hauptversammlung im Mai 2013 will Josef Ackermann als Frontmann der Deutschen Bank abtreten. Das ist die offizielle Sprachregelung. In Bankkreisen hält sich aber das Gerücht, dass Ackermann bereits ein Jahr früher seinen Hut nehmen könnte. Der gebürtige Schweizer ist jetzt 63 Jahre alt. Er hat die Bank vergleichsweise gut durch die Finanzkrise gebracht, hatte die Rolle des Buhmanns der Nation ebenso inne wie jene des international gefeierten Bankers. Seit Monaten fragen sich Aktionäre und Branchenkenner, wer Ackermanns Platz einnehmen soll. Doch bisher hüllt sich die Bank in Schweigen.

Wichtigem Aktionär geht die Nachfolger-Suche zu langsam

Derzeit steht Deutschlands größtes Bankhaus bestens da. Im vergangenen Jahr hat die Bank einen Gewinn von 2,6 Milliarden Euro erzielt, und die Zahlen für das erste Quartal 2011 fielen gut aus. Ackermanns Ziel, in diesem Jahr einen Vorsteuergewinn von zehn Milliarden Euro vorzulegen, rückt in greifbare Nähe, bis 2013 sollen es noch ein bis zwei Milliarden mehr werden.

Läuft alles glatt, wird Ackermann im Frühjahr 2012 einen Rekordgewinn verkünden können - nach exakt zehnjährigem Wirken bei der Bank. Es wäre ein guter Zeitpunkt, mit einer goldgeränderten Bilanz ein Denkmal zu setzen und die Bank zu verlassen. Ackermann, Börsig und die Führungsriege der Deutschen Bank wissen das - und deshalb tobt hinter den Kulissen seit Monaten der Kampf um die Ackermann-Nachfolge.

Dem britischem Finanzdienstleister Hermes Funds Managers geht die Suche nach einem Nachfolger offenbar zu langsam voran. Laut einem Bericht der "Financial Times Deutschland" schrieb Hermes an Aufsichtratschef Börsig: "In Investorenkreisen wachsen Zweifel, ob der Aufsichtsrat der Deutschen Bank dieser Aufgabe in angemessener Weise gerecht wird". Das Frankfurter Geldinstitut wies die Kritik zurück. Hermes vertritt Pensionsfonds, die weniger als 0,5 Prozent der Deutsche-Bank-Aktien halten. Eine echte Hausmacht hat Hermes damit nicht. Doch der Brief ist ein Hinweise, dass die Aktionäre langsam unruhig werden.

Gespanntes Verhältnis zwischen Chef und Oberaufseher

Ackermann hat sich bei der Deutschen Bank eine herausragende Stellung erarbeitet - auch dank seines ausgeprägten Machtinstinkts. Als er im Jahr 2002 seinen Job antrat, übernahm er als einziges Vorstandsmitglied Verantwortung für das operative Geschäft. Hießen seine Vorgänger noch Vorstandssprecher und waren damit zumindest theoretisch primes inter pares, hat Ackermann als Vorstandsvorsitzender eine Machtfülle und Autorität, die einem CEO amerikanischer Prägung nahekommt.

Laut Gesetz ist zwar der Aufsichtsratschef dafür zuständig, den Nachfolger des Vorstandschefs zu suchen. Doch Ackermann hat auf der Hauptversammlung vor einem Jahr klargestellt, dass er bei der Auswahl mitreden will. Er suche "zusammen mit Herrn Börsig" seinen eigenen Nachfolger, erklärte er damals.

"Ackermann weiß, wass er kann und was er geleistet hat. Er hat einen fundierten Machtanspruch", sagt ein Branchenkenner. Der Noch-Chef heizt die Nachfolge-Debatte aber auch selbst an, indem dem er inoffiziell Sympathien für einen externen Kandidaten erkennen lässt. Dabei deutete bislang einiges in Richtung des ehemaligen Bundesbank-Präsidenten Axel Weber, der Anfang des Jahres überraschend zurücktrat und nun ein Jahr lang als Professor an der Universität Chicago unterrichtet.

Börsig soll darüber nicht allzu glücklich sein. Handhabe dagegen hat er kaum. Die Position des Oberaufsehers ist durch eine Episode geschwächt, die vor zwei Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Ursprünglich wollte Ackermann bereits 2010 gehen. Doch Börsig hatte im Frühjahr 2009 die fatale Idee, sich selbst als Nachfolger vorzuschlagen, ohne sein Vorgehen mit den anderen Aufsichtsräten abzustimmen.

Ackermann wiederum war von Börsigs Vorstoß entsetzt und beendete das Nachfolge-Chaos, indem er überraschend seinen Vertrag bis 2013 verlängerte. Mit Börsig schloss er eine Art Burgfrieden: Der als selbstherrlich geltende Mathematiker und Betriebswirt durfte Aufsichtsratschef bleiben. Doch das Verhältnis zwischen beiden gilt seither als professionell und nicht gerade freundschaftlich.

Hohe Anforderungen an Ackermann-Nachfolger

In einem seiner seltenen öffentlichen Auftritte versuchte Börsig zwar Mitte Mai, Gerüchte über Zwistigkeiten bei der Nachfolgersuche zu zerstreuen. "Wir verfolgen einen geordneten Prozess und haben ausreichend Zeit", sagte er bei einer Veranstaltung. Doch dann fügte er noch ein abgewandeltes Zitat des ehemaligen russischen Regierungschefs Michael Gorbatschow hinzu. "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben", meinte Börsig. "Und wer zu früh kommt, den bestraft es auch".

Das kann man durchaus als Warnung an Ackermann verstehen, bereits jetzt einen bevorzugten Kandidaten ins Spiel zu bringen. Die Anforderungen an den künftigen Deutsche-Bank-Chef sind hoch. "Er muss in der Lage sein, sehr unterschiedliche Geschäftsmodelle zu führen", sagt Friedrich-Wilhelm Graf von Pfeil, Senior Partner des internationalen Headhunters Korn/Ferry.

Ackermanns Nachfolger muss das Investmentbanking in New York oder London ebenso vertreten wie das bodenständige Privatkundengeschäft der neuen Tochter Postbank. In der deutschen Öffentlichkeit muss er ebenso präsent sein wie auf den internationalen Finanzmärkten. Dazu benötigt er ein weltweites Netzwerk an politischen Kontakten. "Ein rein deutsches Gewächs ist dieser Aufgabe nicht gewachsen. Sie brauchen jemanden, der international erfahren, verdrahtet und anerkannt ist, und sich auch so positionieren kann", meint von Pfeil.

Zudem muss Deutschlands neuer Ober-Banker in seiner Meinung standfest sein, sagt Bankenanalyst Konrad Becker von der Privatbank Merck Finck & Co. Der Chef der Deutschen Bank müsse den Spagat zwischen dem Investmentbanking und den anderen Geschäftsbereichen meistern.

Die Makel der internen Kandidaten

Zwar hat sich die Deutsche Bank in den letzten Jahren vom Investmentbanking wieder stärker in Richtung weniger volatiler Bereiche bewegt - unter anderem auch deshalb, weil die guten Einnahmen aus dem Investmentbanking sich nur wenig auf den Aktienkurs auswirkten. "Doch die Konflikte zwischen beiden Bereichen können immer wieder aufbrechen", meint Becker. "Da muss der Chef ausgleichend wirken und eine klare Strategie vorgeben." Zudem müsse ein Chef der Deutschen Bank in der Politik Ansprechpartner haben, die ihm auch zuhören, so Becker.

Diese Voraussetzungen bringt der Ex-Bundesbanker Weber zweifellos mit. Starke interne Kandidaten für den Top-Job gibt es - doch alle weisen ein paar Makel auf. Seit Jahren als Kronprinz gehandelt wird etwa Anshu Jain, der oberste Investmentbanker des Geldinstituts. Der gebürtige Inder hat sein Berufsleben in New York und London verbracht und bewegt sich geschickt auf internationalem Parkett. Zwar lernt Jain angeblich Deutsch, doch er ist kaum in der deutschen Politik und Wirtschaft verankert. "Diesen Job zu machen, wenn man Deutsch nur als Fremdsprache kennt, halte ich für unmöglich", sagt ein Insider. Arbeitnehmervertreter fürchten zudem, dass er das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank wieder zurückfahren könnte.

Risikovorstand Hugo Bänziger gilt ebenfalls als möglicher Kandidat. Wie Ackermann ist Bänziger gebürtiger Schweizer. Er hat in Zürich und London gearbeitet, doch er hat noch nie einen operativen Bereich wie das Privatkundengeschäft oder das Investmentbanking geleitet. Zudem hat er intern den Ruf, gegenüber Untergebenen teils einen rauen Ton anzuschlagen.

Chancen für einen Chef von außen steigen

Ein paar Vorstände haben nur Außenseiterchancen: Finanzvorstand Stefan Krause etwa wechselte erst 2008 von BMW zur Deutschen Bank. Er hat sich zwar schnell in die Bank eingearbeitet, doch einen operativen Bereich hat er ebenfalls noch nicht geführt. Privatkundenvorstand Rainer Neske gilt als Spezialist in seinem Gebiet - doch im Investmentbanking hat er bislang keine Erfahrung gesammelt. Regionalvorstand Jürgen Fitschen gilt mit 62 Jahren als zu alt für den Job, Arbeitsdirektor Hermann-Josef Lamberti hat wie Krause keine Erfahrung im operativen Bankgeschäft.

Die Makel der internen Kronprinzen öffnen die Türen für einen externen Bewerber. Webers größtes Manko ist es, noch nie in einer privatwirtschaftlich geführten Bank gearbeitet zu haben. Sein Ruf als standfester Experte macht ihn per se noch nicht zu einem guten Vorstandsvorsitzenden. Ackermann, meint Insider, gibt seinen Managern das Gefühl, dass er sie braucht. Deshalb läuft es gut in der Bank. Weber hingegen gilt vor allem als Fachmann. "Wenn sie solche Leute führen wollen, können sie nicht sagen, ich bin schlauer als die anderen", warnt ein Insider.

Doch Fachwissen, so hat Ackermann vor wenigen Wochen die Zeitung "Welt am Sonntag" in Hongkong wissen lassen, sei für ihn ohnehin nicht das sine qua non. Die Frage sei weniger, ob nun ein interner oder externer Kandidat besser sei, philosophierte Ackermann laut dem Bericht zu später Stunde. Die Frage sei, was der Chef der Bank leisten müsse. "Die richtige Persönlichkeit kann alles lernen. Persönlichkeit aber kann man nicht lernen", resümierte Ackermann.

Doppelspitze als unliebsamer Ausweg

Das kann man als Bestätigung für Weber deuten. Doch handfeste Hinweise auf Ackermanns Präferenz sind bislang nicht in Sicht. Zumal sich das Blatt jetzt in eine andere Richtung zu wenden scheint. Einem Bericht der FTD zufolge sucht Aufsichtsratsmitglied Tilman Todenhöfer, der Chef der Bosch-Industrietreuhand, gemeinsam mit seinem Vertrauten Börsig nach einem externen Kandidaten. Dieser soll aus dem Vorstand eines Dax-Konzerns kommen, aber selbst kein Banker sein.

Ackermann agiert bislang in der Frage, wer sein Nachfolger werden soll, medial geschickt. Seine bisherigen Aussagen zum Nachfolger-Thema lassen sich allgemein auslegen - oder eben in Richtung eines bestimmten Kandidaten. Fest steht, dass Ackermann von Webers besonnenem und entschlossenem Handeln in der Finanzkrise tief beeindruckt war. Doch mit seinem unrühmlichen Abgang hat Weber in der Politik viel Vertrauen verspielt. Zudem würden viele Vorstände der Deutschen Bank eine interne Lösung bevorzugen. Doch langsam gehen ihnen die geeigneten Kandidaten aus.

Auffällig sind Medienberichte in den letzten Wochen, die nicht unbedingt ein gutes Licht auf die Kronprinzen aus den eigenen Reihen werfen. Mitte April erschien etwa ein Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem Finanzvorstand Krause mit seiner neuen Lebenspartnerin abgebildet war. Der Inhalt des Artikels: Wie Top-Manager mit Affären ihre Karriere riskieren. Bei Berichten über die US-Schadenersatzklagen gegen die Deutsche Bank wird darauf hingewiesen, dass viele der Rechtsstreitigkeiten in den Zuständigkeitsbereich von Anshu Jain fallen. "Da wird gerade gelichtet", kommentiert ein Branchenkenner.

Wenig Begeisterung für mögliche Doppelspitze mit Jain

Denkbar wäre es auch, dass die Deutsche Bank eine Doppelspitze bekommt - wie es die Deutsche Bank bereits zwischen 1976 und 1988 mit den Sprecher-Duos Wilhelm Christians/Wilfried Gut und Christians/Alfred Herrhausen vorexerzierte. Analysten sind von solchen Modellen jedoch wenig begeistert, weil so schnell Rivalitäten und Missverständnisse entstehen können. "Eine Doppelspitze wäre ein fauler Kompromiss", meint Bankenexperte Becker. Solche Führungsduos machen nur dann Sinn, wenn es keine Alternativen gibt, meint auch ein Branchenkenner.

Die Spekulationen gehen jedoch in die Richtung, dass Weber zunächst gemeinsam mit Jain die Bank führen könnte - oder Jain noch einen zweiten Kandidaten an die Seite bekommt, der sich um gute Beziehungen in Deutschland bemüht. Dieser muss aber nicht unbedingt aus den eigenen Reihen kommen, sondern könnte auch durchaus aus dem Vorstand eines Dax-Konzerns an die Spitze der Deutschen Bank wechseln.

Eines zeichnet sich aber auch ab: Allzu bald werden sich Börsig und Ackermann kaum öffentlich auf einen Kandidaten festlegen. Zum einen besteht dazu kein zwingender Grund. Dass Ackermann tatsächlich nächstes Jahr das Handtuch wirft, erscheint angesichts der guten Gewinnprognosen für 2012 und 2013 eher unwahrscheinlich. Zumal Ackermann derzeit den Eindruck vermittelt, als würde ihm sein Job großen Spaß machen.

Zum anderen werden sich Börsig und Ackermann hüten, den neuen Bank-Chef frühzeitig zu benennen. "Ackermann wäre eine lahme Ente, wenn sein Nachfolger bereits jetzt bekannt wäre", erklärt ein Insider. Frühestens im Herbst dieses Jahres rechnen Branchenbeobachter deshalb mit klaren Worten zur N-Frage. Weber unterrichtet ohnedies noch bis April in den USA. Und in den nächsten Monaten kann sich das Blatt auch noch mal unerwartet wenden. Denkbar wären etwa auch andere externe Kandidaten, meinen Insider. Die besten Chancen hätten wohl Schweizer Banker, auch ein Deutscher aus dem angloamerikanischen Bereich käme in Frage. Oder eben der Vorstand eines Dax-Konzerns. Bis auf weiteres bleibt die Gerüchteküche also heiß.

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