Nomura Japan-Banker verzweifeln an ihren Lehman-Kollegen

Die japanische Investmentbank Nomura trat an, sich durch die Übernahme von Teilen der US-Pleitebank Lehman zum Global Player zu entwickeln. Doch aus einem Aufbruch wurde bislang ein Abbruch auf Raten.
Von Kristian Klooß
Nomura-Zentrale in Tokio: Auslandsexpansion unter keinem guten Stern

Nomura-Zentrale in Tokio: Auslandsexpansion unter keinem guten Stern

Foto: Junko Kimura/ Getty Images

Hamburg - Es ist jetzt zweieinhalb Jahre her, dass das japanische Brokerhaus Nomura zum großen Sprung ansetzte. Während andere Banken in der Finanzkrise ihre Wunden leckten, hatte Nomura kaum in amerikanische Schrottimmobilien investiert. Gleichzeitig suchte das Geldinstitut weltweit nach Wegen aus der Abhängigkeit vom japanischen Markt - allen voran der erst im Frühjahr 2008 zum Konzernchef gewählte Kenichi Watanabe.

Der Untergang der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 kam dem Nomura-Chef dabei mehr als gelegen. Während sich Bob Diamond, Chefinvestmentbanker der britischen Großbank Barclays für rund 1,75 Milliarden Dollar (800 Millionen Euro) die Reste des US-Geschäfts des kollabierten Konkurrenten sicherte, griff Watanabe beim Europa- und Asiengeschäft der zusammengebrochenen US-Bank zu. 225 Millionen Dollar (152 Millionen Euro) zahlte Nomura Holdings  für das Asien-Pazifik-Geschäft Lehmans, das vor allem Japan, China, Australien und Indien umfasste. Außerdem übernahmen die Japaner für einen symbolischen einstelligen Millionenbetrag auch das Investmentbanking Lehmans und den Bereich Equities in Europa und dem Mittleren Osten.

Heute, zweieinhalb Jahre nach der Aufspaltung Lehmans, könnten die Erfahrungen von Barclays und Nomura mit dem Erbe der US-Bank allerdings kaum unterschiedlicher sein.

Bob Diamond, der einst den Lehman-Deal für Barclays einfädelte, ist inzwischen Vorstandschef des zweitgrößten britischen Geldinstituts. Seine Beförderung hat er der rasanten Erholung nach der Finanzkrise vor allem im von ihm verantworteten Geschäftsbereich Barclays  Capital, also dem Investmentbanking, zu verdanken. Waren die Briten schon zuvor im Geschäft mit Anleihen, Devisen und Derivaten stark, schafften sie es nach der Lehmann-Übernahe auch im Aktiengeschäft und im Beratungsgeschäft bei Börsengängen und Übernahmen in die Weltspitze. Mit rund 31,6 Milliarden Pfund (15,3 Milliarden Euro) trug die Sparte im Geschäftsjahr 2010 zu gut 43 Prozent zum Gesamterlös Barclays bei.

Verschiedene Unternehmenskulturen sorgen für Unruhe

Anders Nomura: Das Wertpapierhaus wies im Jahr der Übernahme einen Nettoverlust von 709 Milliarden Yen (5,9 Milliarden Euro) aus. Mit der Übernahme der Lehman-Reste ließ sich damals nur ein Teil der Verluste erklären. Die anderen Verluste stammten aus dem Geschäft mit Eigenanlagen vor allem in japanische Aktien, Geldanlagen in gestrauchelte isländische Banken und in den Fonds des New Yorker Betrügers Bernard Madoff. Erst im ersten Quartal 2009 meldete das Wertpapierhaus wieder einen Gewinn von umgerechnet 85 Millionen Euro.

Zu diesem Zeitpunkt hatte sich aus Sicht Nomuras aber längst ein zweites Problem in den Vordergrund geschoben: Die Integration zweier grundsätzlich verschiedener Unternehmenskulturen. Auf der einen Seite das die amerikanisch geprägte Unternehmenskultur der Lehman-Banker, die flache Hierarchien förderte und Risiken belohnte. Auf der anderen Seite die japanisch geprägte Unternehmenskultur Nomuras, die strenge Hierarchien pflegt und Zurückhaltung prägt. Unter der Hand beschwerten sich schon kurz nach der Übernahme zahlreiche der mehr als 8000 übernommenen Lehman-Mitarbeiter über japanische Besonderheiten wie detaillierte Kleider- und Frisurenvorschriften, Gesangseinlagen bei Morgenbesprechungen und Beförderungen nach dem Senioritätsprinzip.

Die Nomura-Verantwortlichen reagierten, indem Sie den Wichtigsten der neuen Mitarbeiter hohe Boni zahlten. So wollten Sie sich die Treue der neuen Angestellten erkaufen. Die Personalkosten stiegen. Und doch setzte nach Ablauf der ersten Haltefristen Ende 2009 ein Exodus der Top-Manager ein. Mehr als ein Dutzend hochrangige Ex-Lehman-Banker verließen Nomura innerhalb von Monaten.

Nomuras Personalkarussel sorgt für Wirbel

Eine Entwicklung, die sich bis heute fortsetzt. Erst kürzlich kündigte Adrian Mee, Chef des europäischen Übernahmegeschäfts, und wechselte zum Konkurrenten Bank of America Merrill Lynch. Mee wird künftig von Piero Novelli ersetzt werden, der selbst einst für Merrill Lynch  arbeitete.

Gleichzeitig sorgte auch die der Internationalisierung geschuldete Personalpolitik Nomuras zuletzt für Wechsel und Wirbel in den Top-Etagen. Im März ernannte das Geldinstitut den gebürtigen Inder Jasjit "Jesse" Bhattal zum Vize-Präsidenten. Gleichzeitig wurde er zum CEO für das Großkundengeschäft ernannt. Mit Bhattal wird damit erstmals ein Ausländer diese Schlüsselposition bekleiden und gleichzeitig die wichtigste Position unter den Nicht-Japaner im Unternehmen inne haben. Die Benennung der japanischen Managerin Junko Nakagawa zum Finanzvorstand des Unternehmens gilt für japanische Verhältnisse als ebenso ungewöhnlich.

Auch im US-Geschäft gab Nomura unlängst einen Wechsel bekannt. Der bisherige Chef des US-Investmentbankings, Glenn Schiffman, wurde ausgetauscht - nachdem er nur ein Jahr im Amt war. Sein Nachfolger, Jim De Naut, arbeitete noch bis zum vergangenen Sommer für die Deutschen Bank . Er soll das US-Geschäft Nomuras endlich in Schwung bringen.

Die Personalie zeigt, an wem sich die Japaner orientieren. Denn die Deutschbanker sind längst dort, wo Nomura hin will. Doch der Weg vom japanischen Brokerhaus zur weltumspannenden Investmentbank mit einem global bedeutsamen Research-, Handels- und Konsortialgeschäft ist lang. Wie schwer sich Nomura tut, zeigt schon ein Blick auf die Zahlen.

Ex-Lehman-Marktanteile von anderen Banken aufgesogen

Zwar vermeldete die Nomura-Grupe in dieser Woche den achten Quartalsgewinn in Folge. Der Nettogewinn fiel im Schlussquartal des bis Ende März laufenden Geschäftsjahres allerdings um 35 Prozent auf 11,9 Milliarden Yen (98 Millionen Euro). Im gesamten Geschäftsjahr (31. März) erwirtschaftete Nomura einen Nettoumsatz von 1,13 Billionen Yen (9,4 Milliarden Euro). Der Nettogewinn lag bei 28.7 Milliarden Yen (239 Millionen Euro).

Die meisten Umsätze und Gewinne erwirtschaftet Nomura indes weiterhin im lukrativen Japangeschäft. Im von Lehman übernommenen Auslandsgeschäft in Europa und Asien schreibt die Bank nach Aussage von Nomura-Chef Watanabe hingegen weiter Verluste. Auch das US-Geschäft, in dem die Bank im dritten Quartal sogar noch schwarze Zahlen vermeldet hatte, rutschte im vierten Quartal ins Minus.

In Europa hat die Bank inzwischen Konsequenzen gezogen: Im April wurde bekannt, dass Nomura-Europa-Chef Sadeq Sayeed gehen muss. Dieser hatte vor nicht einmal zwei Jahren dem Handelsblatt gesagt: "Wir hoffen, in allen Sparten eine der globalen Top-Investmentbanken zu werden."

Was daraus wurde, zeigen wiederum die Zahlen. Allein im Frankfurter Deutschland-Büro, der wichtigsten europäische Nomura-Niederlassung nach London, arbeiteten zuletzt 130 Mitarbeiter. Die Bank selbst verweist in Deutschland seit der Übernahme Lehmans zwar durchaus Erfolge auf. So war sie zum Beispiel an einem Konsortium beteiligt, das den Kauf des Kabelnetzbetreibers Unitymedia durch LibertyGlobal einfädelte. Auch beim Kauf des Mode-Einzelhändlers Takko Fashion durch das Private Equity-Unternehmen Apax Partners war Nomura als M&A-Berater im vergangenen Jahr beteiligt. "Insgesamt hat Nomura im Jahr 2010 bei über 170 Transaktionen beraten und ist vor allem bei grenzüberschreitenden Transaktionen führend", sagt eine Sprecherin des Unternehmens.

Die Ergebnisse für das aktuelle Jahr sind indes ernüchternd. Laut Bloomberg brachte Nomura im ersten Quartal 2011 als Konsortialführer gerade einmal Anleihen in Höhe von rund acht Milliarden Dollar an den Markt. Die Deutsche Bank platzierte im selben Zeitraum Anleihen im Wert von rund 90 Milliarden Dollar.

Interessant ist dabei ein Vergleich mit den Zahlen von 2007, also vor dem Zusammenbruch Lehmans: Im damaligen Gesamtjahr brachte Nomura Anleihen im Wert von 24,4 Milliarden Dollar an den Markt. Lehman alleine brachte es auf das Jahr gesehen auf 88,3 Milliarden. Die Deutsche Bank lag 2007 bei 236,7 Milliarden Dollar. "Lehman ist komplett untergegangen", sagt Michael Rohr, Finanzmarktanalyst bei Silvia Quandt Research. "Die einstigen Marktanteile wurden von den domestizierten Banken aufgesogen."

Die Japankatastrophe bringt neue Risiken mit sich

Die von Konzernchef Watanabe durchgepeitschte Strategie, sich unabhängig vom japanischen Markt zu machen, ging bislang nicht auf. Und durch die Erdbeben- und Tsunamikatastrophe in Japan sieht sich das Geldinstitut inzwischen weiteren Problemen gegenüber.

Der Heimatmarkt, in dem Nomura immer noch knapp 60 Prozent seiner Umsätze erwirtschaftet, war schon vor der Katastrophe durch einen stark angestiegenen Yen-Wechselkurses zum US-Dollar geprägt, was die Insolvenzrate vor allem kleinerer und mittlerer exportorientierter Unternehmen in Japan erhöht hatte. Die Katastrophe ließ die japanische Währung im Vergleich zum US-Dollar kurzfristig gar auf den höchsten Stand nach dem Zweiten Weltkrieg klettern. Auch der Ausfall von Krediten einzelner, direkt vom Erdbeben betroffener Unternehmen, könnte Nomura treffen.

Darüber hinaus leiden die japanischen Großbanken, die wie Nomura stark im Eigenhandel und Investmentbanking engagiert sind, an den Kursverlusten der im Nikkei und im breiter gefassten Topix gelisteten Unternehmen. So verlor der Nikkei  seit Mitte März knapp 1000 Punkte und notiert derzeit bei rund 9700 Punkten, was auch Nomura zu Abschreibungen zwingen könnte.

Ein weiteres Risiko bergen die Staatsanleihen in den Büchern der japanischen Banken. Ende Dezember beliefen sich die Gesamtbestände auf mehr als 1,2 Billionen Euro. Sollten die Renditen der Papiere infolge der Krise deutlich steigen, würde ihr Marktwert sinken - da sich bei Anleihen Renditen und Kurse gegenläufig zueinander entwickeln.

Die japanische Konkurrenz hat ähnliche Probleme

Nomura steht mit diesen Problemen allerdings nicht alleine da. Denn Ähnliches gilt auch für die anderen großen japanischen Banken. Schließlich haben sich die Größten unter ihnen in den vergangenen Jahren selbst an internationalen Investmentbanken beteiligt.

So kaufte sich die Mizuho -Finanzgruppe mit rund 800 Millionen Euro bei Merrill Lynch ein. Die Sumitomo Mitsui Financial Group zahlte eine ähnlich hohe Summe für eine kleine Beteiligung an der britischen Barclays Bank. Und das Geldinstitut Mitsubishi Tokyo Financial Group  UFJ hält einen Anteil von 21 Prozent an Morgan Stanley.

In Japan kamen solche Engagements in Übersee im Übrigen zuletzt nicht bei jedem gut an. So kritisierte beispielsweise Finanzminister Shzabur Jimi: "Japanische Banken waren nie so gut im Investment-Banking wie etwa Goldman Sachs ."

Ob Japans Finanzminister Recht behält, wird sich zeigen. Für Nomura wäre ein Scheitern der globalen Strategie indes nichts ganz Neues. Denn schon Anfang der 90er-Jahren versuchte das Geldinstitut mit Verbriefungen von Gewerbeimmobilienkrediten in den USA Fuß zu fassen. Das Engagement endete jedoch wenige Jahre später - mit einem Verlust von 600 Millionen US-Dollar.