Deutsche Bank Der japanische Scheinriese

Die Deutsche Bank wurde von der japanischen Bankenaufsicht vor der Erdbebenkatastrophe als wichtigste Bank der Welt eingestuft. Dabei spielt sie in dem von japanischen und amerikanischen Instituten dominierten Land nur eine Nebenrolle. Dies könnte sich beim anstehenden Wiederaufbau ändern.
Von Kristian Klooß
Blick aus dem Tokio Tower: Für Nippon hat die Deutsche Bank wachsende Bedeutung

Blick aus dem Tokio Tower: Für Nippon hat die Deutsche Bank wachsende Bedeutung

Foto: Lee Jin-man/ AP

Hamburg - Für die Japaner ist die Sache klar. Die wichtigste Bank der Welt stammt nicht aus den Vereinigten Staaten, nicht aus England, der Schweiz oder Japan. Die Liste der 60 wichtigsten Banken, die die japanische Bankenaufsicht erst vor wenigen Monaten präsentierte, wird von der Deutschen Bank angeführt.

"Wichtig", das bedeutet aus Sicht der Japaner aber vor allem eines: systemrelevant. Mit anderen Worten: Sollte die Deutsche Bank  zusammenbrechen, dann wären die Auswirkungen für Japan schlimmer als beim Zusammenbruch von JP Morgan oder Goldman Sachs.

Dass seit der Natur- und Reaktorkastrophe vor allem über einen möglichen Kollaps der japanischen Wirtschaft diskutiert wird, wirft ein anderes Licht auf jene Liste, die natürlich auch die Deutsch-Banker kennen. Und natürlich wissen sie auch, was eine solche Liste für den Ruf ihres Geldinstituts bedeutet - zumal in Krisenzeiten, wie sie die Japaner zurzeit durchleben.

So wundert es nicht, dass die Deutsche Bank schon kurz nach der Erdbebenkatastrophe verkündete, gemeinsam mit dem japanischen Roten Kreuz ein Spendenkonto einzurichten. 20 Millionen Yen, knapp 175.000 Euro, stellte die Deutsche Bank für die Katastrophenopfer direkt zur Verfügung. Wenn nötig, würde der Betrag aufgestockt, teilte die Bank mit. Weit mehr als eine Million Euro haben die Mitarbeiter nach Angaben des Geldinstituts seitdem für die Opfer der Naturkatastrophe gespendet.

Und während Bayer, SAP, BMW, ARD und ZDF nacheinander bestätigten, ihre deutschen Mitarbeiter auszufliegen oder zumindest in den Süden der Insel umzusiedeln, demonstrierte die Deutsche Bank Standhaftigkeit. Die rund 1100 Mitarbeiter, die vor allem in den Niederlassungen im Raum Tokio untergebracht seien, würden dort weiterhin eingesetzt. Schließlich sei kein Angestellter bei der Katastrophe zu Schaden gekommen, sagte ein Banksprecher.

Japan nimmt als Industrieland eine Sonderrolle ein

Und doch stellt sich die Frage, warum ausgerechnet die Deutsche Bank in Japan als systemrelevantes Geldinstitut gilt. Denn eigentlich ist sie im Land kaum sonderlich präsent. Ein eigenes Filialgeschäft betreiben die Deutschen in Japan nicht, anders als zum Beispiel in Indien oder China.

Auffällig wurde das Geldinstitut eigentlich nur im Juni 2010, als drei Wertpapierhändler des Instituts zu einem kurzfristigen Kurssturz des Nikkei-225-Index' beitrugen, nachdem versehentlich rund 180 Verkaufsaufträge wiederholt erteilt worden waren. Die Handelsabteilung hat die Bank inzwischen geschlossen.

Wertpapiergeschäfte wickelt das Institut über die japanische Konzerntochter DB Trust ab. Das Schwesterunternehmen, die Deutsche Bank AG Japan, ist zuständig für das Firmenkundengeschäft, also vor allem die Abwicklung und Finanzierung von Ex- und Importgeschäften, Devisenhandel, Liquiditätsmanagement und die Unternehmensfinanzierung.

"Für die Deutsche Bank ist in Japan vor allem das Geschäft mit deutschen Unternehmen bedeutsam", sagt Konrad Becker, Analyst bei Merck Finck & Co. Zwar entwickele sich dieses Geschäft auch in den benachbarten Schwellenländern rasant, doch Japan nehme als etabliertes Industrieland in der Region weiterhin eine Sonderstellung ein. "Die Bank kann hier auch andere Geschäfte betreiben als zum Beispiel in Indien oder China, wo es stärkere staatliche Regulierungen gibt."

Becker schätzt, dass die Deutsche Bank rund 4 bis 6 Prozent ihrer Gesamterlöse im Corporate & Investment Banking in Japan erwirtschaftet, was Erlösen von rund 0,8 bis 1,2 Milliarden Euro entspricht.

Ein Marktanteil von 0,8 Prozent

Weltweit gehört Tokio damit zu den sechs regionalen Hauptstandorten der Bank: neben Frankfurt, London, New York, Dubai und Singapur. Doch dass Deutschlands größtes Geldinstitut eine außerordentliche Systemrelevanz besitzt, so wie es die japanische Bankenaufsicht einschätzt, daran lässt sich mit Blick auf Japan zumindest zweifeln. "Ich würde die Deutsche Bank in so einer Liste nicht auf eins setzen", sagt Andreas Pläsier, Analyst bei Warburg Research. Er sieht in einem solchen Ranking eher die US-Banken vorne.

Der Blick auf das Beratungsgeschäft mit Unternehmensübernahmen und Zusammenschlüssen verdeutlicht, dass der Deutschen Bank in Japan keine überragende Bedeutung zukommt. Nach Angaben des Brancheninformationsdienstes Bloomberg brachten es die Deutschen im vergangenen Jahr in Japan auf einen Marktanteil von rund 13,2 Prozent. Morgan Stanley (23,7 %), JP Morgan (21,9 %) und Goldman Sachs (19,1 %) schnitten weit besser ab.

Und auch das Geschäft mit Unternehmensanleihen, eigentlich eine Paradedisziplin der Deutschen Bank, wird in Japan von anderen Instituten dominiert. Allen voran schreiten laut Bloomberg die einheimischen Banken Mizuho Financial (20,5 %), Nomura (18,5 %), Daiwa Securities (16,9 %) und Sumitomo Mitsui (15,3 %) im klassischen Bond-Geschäft vorneweg. Gefolgt von der amerikanischen Großbank Morgan Stanley (14,1 %). Die Deutsche Bank brachte es 2010 auf gerade 0,8 Prozent Marktanteil. Wobei der japanische Markt für 2010 auf ein Volumen von rund 126 Milliarden Euro geschätzt wird.

Auch mit Tepco war die Deutsche Bank schon im Geschäft

Das derzeit medienwirksamste Geschäft der Deutschen Bank in Japan zeichnet sich indes nicht durch seine finanzielle Bedeutung aus. Nach Angaben der Nichtregierungsorganisation "Urgewald" hat das Institut über eine Anleihe von rund 30 Millionen Euro den Bau von Kraftwerken des japanischen Energieversorger Tepco mitfinanziert. Dies war so lange nichts Ungewöhnliches, bis Tepco durch die Havarie seines Atomkraftwerks in Fukushima und zahlreiche vertuschte Schlampereien beim Betrieb der Reaktoren weltweit in die Schlagzeilen geriet.

Die genannten 30 Millionen Euro sind abgesehen davon gering, wenn man sie mit den 17 Milliarden Euro vergleicht, mit denen japanische Banken und Stiftungen dem Kraftwerksbetreiber Tepco jetzt unter die Arme greifen wollen, um zumindest für einen Teil der Katastrophenfolgen aufzukommen.

An der Notfinanzierung beteiligt sind die drei großen japanischen Bankengruppen Sumitomo Mitsui, Mizuho Financial und Mitsubishi UFJ. Da diese Großbanken zum Teil selbst Aktienpakete an Tepco halten, haben sie zwar bereits Milliardenverluste erlitten. Doch werden sie sich wohl letztlich auf die öffentliche Hand verlassen können. So dürfte die Entwicklungsbank von Japan - die von der Regierung kontrolliert wird - sich in den Reigen der Privatbanken einreihen und Tepco ebenfalls Kapital für den Wiederaufbau zur Verfügung stellen.

Japanische Regionalbanken gehören zu den Verlierern

"Der Staat wird sicher seinen Teil dazu beitragen, dass kein Unternehmen umfällt", sagt Michael Rohr, Analyst von Silvia Quandt Research. Sollte es in den Atommeilern Fukushimas nicht zum Schlimmsten kommen, betrachtet er die Folgen für die japanische Wirtschaft als überwindbar.

"Kurzfristig wird es wohl einen kleinen Dämpfer im Asset-Bereich geben", sagt Rohr. Wobei er vor allem für lokale Banken in den von Erdbeben und Tsunami zerstörten Gebieten hohe Abschreibungen erwartet. Die Schäden der Katastrophe schätzt die japanische Regierung inzwischen auf rund 218 Milliarden Euro.

Die Deutsche Bank sieht Rohr davon allerdings weder im Kredit- und Anleihengeschäft noch im Geschäftsbereich Mergers & Akquisitions stark betroffen. "Kurzfristig dürfte die Bank am ehesten unter einer Abkühlung des Devisenhandels leiden." Dies gelte vor allem bei Devisengeschäften für Importe und Exporte. "Eben solange die ein oder andere Gesellschaft ihre Geschäfte einstellt oder nur noch eingeschränkt betreibt."

In den anderen Geschäftsfeldern könne die Deutsche Bank letztlich sogar Marktanteile hinzugewinnen, glaubt Rohr. Eine Meinung, die auch andere Analysten teilen. "Einige der japanischen Banken werden damit beschäftigt sein, ihre Wunden zu pflegen", sagt Warburg-Analyst Pläsier. Sei es wegen beschädigter Gebäude oder IT-Infrastrukturen, sei es wegen hoher Abschreibungen von Krediten.

Um kurzfristig die Liquidität zu sichern, hat die japanische Notenbank daher direkt nach der Katastrophe rund 170 Milliarden Euro an flüssigen Mitteln in den Markt gepumpt. Darüber hinaus stockte sie ihre Wertpapierkäufe um rund 44 Milliarden Euro auf. Von staatlicher Überschuldung - die Verbindlichkeiten Japans betragen mehr als 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts - ist im Land erst einmal keine Rede mehr. "Ob Re-Finanzierung, ob Ausgabe von Bonds, davon wird die Deutsche Bank profitieren", sagt Pläsier.

Die von der japanischen Bankenaufsicht aufgestellte Liste der systemrelevantesten Banken der Welt liegt derzeit im Übrigen zur Prüfung beim Finanzstabilitätsrat (FSB). Dieser will bis Mitte des Jahres prüfen, welche Institute künftig als besonders systemrelevant eingestuft werden - und so möglicherweise strengere Eigenkapitalregeln unterworfen werden.

An einer allzu eiligen Umsetzung solcher Vorgaben dürfte die japanische Bankenaufsicht in Anbetracht des derzeitigen Kreditbedarfs wohl nicht mehr interessiert sein.

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