Montag, 16. September 2019

Unternehmensstrategie Der verdrängte Bankkunde

Beratung: Der Schlüssel zum langfristigen Erfolg von Banken liegt im Kundengeschäft

Wer den Margendruck im Kundengeschäft mithilfe des Investment Banking kompensieren wollten, musste in der Finanzkrise beinah ausnahmslos auf Geld vom Staat setzen. Jetzt spricht noch mehr für die Rückbesinnung auf das Kundengeschäft - das Verhältnis von Risiko und Ertragschancen.

Lohnt sich das Geschäft mit Kunden eigentlich? Mitunter sieht es aus, als hätten sich sämtliche Bankmanager diese Frage mehrfach gestellt, jedesmal den Kopf geschüttelt und nein gesagt. Jedenfalls lässt sich nur so erklären, weshalb in den letzten zehn Jahren nahezu alle großen europäischen Banken das Kundengeschäft vernachlässigt und das Kapitalmarktgeschäft aufgebaut haben.

Natürlich standen dahinter die Gewinnaussichten des Investment Banking, in dem diese Banken seit Mitte der neunziger Jahre Fuß fassen oder ihre Aktivitäten im Bereich Eigenhandel und Treasury erweitern wollten. Schließlich war dort mit den hohen Provisionen und Wachstumsraten zu rechnen, wohingegen das klassische Privat- und Firmenkundengeschäft mit den kleiner werdenden Margen einen wenig attraktiven Eindruck machte.

Erst die Finanzmarktkrise hat gezeigt, wie selten diese Strategie aufgegangen ist. Gerade diejenigen, die den Margendruck im Kundengeschäft mithilfe des Investment Banking kompensieren wollten, mussten beinah ausnahmslos mithilfe staatlicher Garantien gestützt werden. In Deutschland gehörten dazu die IKB Börsen-Chart zeigen, Hypo Real Estate Börsen-Chart zeigen, Commerzbank Börsen-Chart zeigen - nicht zuletzt durch die Übernahme der Dresdner Bank - und beinah sämtliche Landesbanken. Nur wenige Banken wie Goldman Sachs Börsen-Chart zeigenoder die Deutsche Bank Börsen-Chart zeigenhatten ein funktionierendes Risikomanagement und ausreichendes Eigenkapital, um die Krise aus eigener Kraft zu überwinden.

Hinterher, als die jeweiligen Rettungsaktionen die Finanzmärkte dann vor dem befürchteten Zusammenbruch bewahrt hatten, wollten die Aufsichtsbehörden, Aktionäre, Bankkunden und Steuerzahler verständlicherweise wissen, welche Geschäftsmodelle die Banken fortan anstrebten, sodass nicht demnächst die nächsten Rettungspakete geschnürt und bezahlt werden müssten.

Zunächst einmal werden die geplante Regulierung der Finanzmarkttransaktionen, die Erhöhung der Eigenkapitalquoten durch Basel III und die massive Einschränkung der Eigenhandelsaktivitäten die Attraktivität des Investment Banking reduzieren. Vielleicht spricht das ja für die Rückbesinnung auf das Kundengeschäft.

Eine deutlich bessere Begründung liefert jedoch die langfristige Analyse der Bilanzen und Gewinn- und Verlustrechnungen der Banken. Hätten die Manager, aber auch die Investoren, außer dem Gewinn auch die Volatilität und damit das Risiko der Erträge im Blick gehabt, wäre vielen bereits vor Ausbruch der Finanzkrise klar geworden, dass der Schlüssel zum langfristigen Erfolg im Kundengeschäft liegt.

Aber wie die Analyse zeigt, ist das Missverhältnis von Risiko und Ertrag desto höher, je geringer die Kundenorientierung ist. Das heißt auch, dass Institute mit wenig ausgeprägtem Kundengeschäft - wie die deutschen Landesbanken, aber auch die Dresdner Bank vor ihrem Zusammenschluss mit der Commerzbank - bei niedriger Eigenkapitalverzinsung (RoE) ein deutlich höheres Risiko aufweisen als solche mit starker diesbezüglicher Verankerung wie Santander Börsen-Chart zeigen oder HSBC Börsen-Chart zeigen.

Was nicht heißt, dass es kein Investment Banking geben sollte, sondern nur, dass Banken mit starker Kundenorientierung langfristig, bei geringeren Risiken, bessere Renditechancen haben.

Falls die Krise ein Gutes hatte, dann zeigt sie Bankmanagern und Anlegern die Unhaltbarkeit kapitalmarktorientierter Geschäftsmodelle. Mag sein, dass das Kundengeschäft nicht den Nervenkitzel des Investment Banking bietet, aber wenigstens entsprechen die Renditen gewöhnlich dem Risiko.

Die Klage einiger Bankmanager, dass Wettbewerbsdruck oder regulatorische Rahmenbedingungen nationaler und multinationaler Behörden den gewünschten Ergebnissen im Weg stehen, ist kein Argument für die erneute Rückkehr zu langfristig risikoreichen Interbankgeschäften. Dem höheren Risiko steht auch zukünftig keine vergleichbare Ertragserwartung gegenüber. Für die Politik sollte das Anlass genug sein, die begonnenen aufsichtsrechtlichen Reformen umzusetzen und zu verhindern, dass die nicht tragfähigen Geschäftsmodelle mit öffentlichen Mitteln am Leben gehalten werden.

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