Neue Erkenntnisse Springer trennt sich von "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt

Der Medienkonzern Axel Springer hat "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt mit sofortiger Wirkung freigestellt. Der Medienmanager habe Privates und Berufliches nicht klar getrennt, hieß es zur Begründung.
Auch ohne Veröffentlichung eine verhängnisvolle Recherche: "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt muss den Verlag nach Recherchen eines Investigativteams der Ippen-Mediengruppe verlassen

Auch ohne Veröffentlichung eine verhängnisvolle Recherche: "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt muss den Verlag nach Recherchen eines Investigativteams der Ippen-Mediengruppe verlassen

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Der Medienkonzern Axel Springer hat mit sofortiger Wirkung "Bild"-Chefredakteur Julian Reichelt (41) von seinen Aufgaben entbunden. Das teilte das Unternehmen am Montag in Berlin mit. Als Folge von Presserecherchen habe das Unternehmen in den letzten Tagen neue Erkenntnisse über das aktuelle Verhalten von Julian Reichelt gewonnen, hieß es. Dabei habe der Vorstand erfahren, dass Julian Reichelt auch nach Abschluss des Compliance-Verfahrens im Frühjahr 2021 Privates und Berufliches nicht klar getrennt und dem Vorstand darüber die Unwahrheit gesagt habe.

Neuer Vorsitzender der dreiköpfigen Chefredaktion und Mitglied des sogenannten "Bild"-Boards werde Johannes Boie (37), derzeit Chefredakteur der "Welt am Sonntag". Alexandra Würzbach (53) bleibe Chefredakteurin der "Bild am Sonntag" und verantwortlich für das Personal- und Redaktionsmanagement. Claus Strunz (55) sei als Chefredakteur für das Bewegtbild-Angebot verantwortlich.

Die "New York Times" hatte am Wochenende einen langen Bericht  über den Medienkonzern Axel Springer veröffentlicht, auch mit Blick auf die Pläne zur Übernahme der US-Mediengruppe "Politico". In dem Artikel ging es unter anderem um "Bild"-Chefredakteur Reichelt und die im Frühjahr erstmals öffentlich bekanntgewordene Vorwürfe gegen ihn. In deutschen Medien war damals von möglichem Machtmissbrauch und Ausnutzung von Abhängigkeitsverhältnissen die Rede gewesen. Auch der SPIEGEL beschrieb das System Reichelt.

Springer prüfte die Vorwürfe seinerzeit in einem internen Verfahren. Im März teilte das Unternehmen dann mit: "Der Vorstand ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es nicht gerechtfertigt wäre, Julian Reichelt aufgrund der in der Untersuchung festgestellten Fehler in der Amts- und Personalführung – die nicht strafrechtlicher Natur sind – von seinem Posten als Chefredakteur abzuberufen." In die Gesamtbewertung seien auch die "enormen strategischen und strukturellen Veränderungsprozesse und die journalistische Leistung unter der Führung von Julian Reichelt eingegangen". Nach einer befristeten Freistellung kehrte Reichelt zunächst zu Deutschlands größter Boulevardzeitung zurück.

Die "New York Times" erwähnte in ihrem Bericht auch, dass ein Investigativ-Rechercheteam der Ippen-Mediengruppe über Monate weiter recherchiert habe und nun eigentlich eine Veröffentlichung mit weiteren Details geplant gewesen sei. Diese sei dann nach Einwirken des Verlegers Dirk Ippen (81) zurückgehalten worden, wie am Sonntag auch das Medienmagazin "Übermedien" berichtete.

Das Medienhaus Ippen, zu dessen Portfolio auch "Frankfurter Rundschau", "Münchner Merkur" und die Münchner Boulevardzeitung "TZ" gehören, teilte weiter zu den zurückgehaltenen Recherchen mit: Es sei keine leichte oder schnelle Entscheidung gewesen, und "es gab eine intensive Diskussion beider Seiten im Haus. Am Ende ist es aber klar das Recht eines Verlegers, Richtlinien für seine Medien vorzugeben." Zudem hieß es: "Wir stehen als Mediengruppe Ippen ganz klar dazu, dass Redaktionen frei und unabhängig arbeiten können und arbeiten müssen. Gleichzeitig hat ein Verleger immer das Recht, Leitlinien festzulegen, und es ist auch normal, bei großen Recherchen die Rechtsrisiken gemeinsam abzuwägen."

Das Rechercheteam hatte in einem Brief an den Verleger und Geschäftsführung seinen Unmut über die Entscheidung geäußert. Im Netz kursierte das Protestschreiben.

SPIEGEL/dpa
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