Möglicher Interessenkonflikt Springer-Chef soll "Bild"-Kampagne gegen Adidas losgetreten haben

Groß war der Aufschrei in der "Bild"-Zeitung, in der Politik und bei Kunden, als Adidas in der Corona-Krise seine Ladenmieten nicht mehr zahlte. Quelle für die Artikelserie war offenbar Axel-Springer-Chef Mathias Döpfner. Pikant dabei: Er vermietete selbst an Adidas.
Über die Pressefreiheit: Am vergangenen Dienstag erhielt der Springer-Chef Mathias Döpfner lang anhaltenden Beifall für seine letzte Rede als Präsident des Verlegerverbandes BDZV

Über die Pressefreiheit: Am vergangenen Dienstag erhielt der Springer-Chef Mathias Döpfner lang anhaltenden Beifall für seine letzte Rede als Präsident des Verlegerverbandes BDZV

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Seine letzte Rede als Präsident des Verlegerverbandes BDZV hat er gerade gehalten: Über Freiheit und Pressefreiheit sprach Mathias Döpfner (59) am vergangenen Dienstag, das Motto des diesjährigen Kongresses. Die Gäste, viele Geschäftsführer und Inhaber von Zeitungen unter ihnen, spendeten lang anhaltenden Applaus, berichten Teilnehmer.

Auf eine andere Huldigung hätte der mächtige Springer-Chef sicher gern verzichtet: Kurz zuvor hatte der ehemalige US-Präsident Donald Trump dem Manager auf seinem Netzwerk "TruthSocial" für seine Unterstützung im letzten Wahlkampf gedankt. Döpfner hatte einst in einer Mail seine Beschäftigten aufgefordert, für einen Wahlsieg Trumps zu "beten", wie die "Washington Post" aufdeckte. Genutzt hat es nicht, Trump verlor die Wahl. Darüber verlor Döpfner kein Wort in seiner Rede. Dem "Stern" erklärte eine Verlagssprecherin, dies sei Scherz gewesen. "Mathias Döpfner ins Trump-Lager zu stellen, ist Quatsch."

Gut möglich, dass Döpfner den Aufruf seinerzeit als Scherz verstanden wissen wollte. Weniger amüsiert dürfte er auf die jüngste Enthüllung der "Financial Times"  reagieren: Die Zeitung berichtet, Döpfner habe das Springer-Flaggschiff "Bild" für eine Kampagne gegen den Adidas-Konzern genutzt, der in der Pandemie vorübergehend die Mietzahlungen für Shops eingestellt hatte. "Bild" habe dabei aber nicht offengelegt, dass Döpfner selbst Immobilien an Adidas vermietete, für deren Nutzung nun kein Geld mehr geflossen sein soll.

Dem "FT"-Bericht zufolge gehe aus Grundbuchdaten hervor, dass Döpfner Miteigentümer eines Altbaus in der Münzstraße im historischen Zentrum Berlins ist, in dem Adidas ein Geschäft über zwei Etagen angemietet hatte.

Heftige Reaktionen gegen Adidas

Döpfner selbst sei die Quelle für eine ganze Reihe von Artikeln in der "Bild" gewesen, in denen das Boulevard-Blatt zwischen März und April 2020 das Verhalten von Adidas immer wieder auf das Schärfste rügte. "Bild" habe Adidas-Chef Kasper Rørsted (60) in den Berichten und Meinungsartikeln als gierigen Kapitalisten dargestellt, dem es an Charakter fehle und der die Grundprinzipien des Vertrauens untergrabe.

Die Berichte brachten Adidas arg in Bedrängnis. Die Reaktionen reichten von Boykott-Drohungen bis hin zu dem Vorschlag des Bundesarbeitsministers Hubertus Heil, Adidas zu verklagen. Der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Florian Post verbrannte sogar öffentlich ein Adidas-Trikot. Adidas knickte später ein und entschuldigte sich in großen Anzeigen, unter anderem in der "Bild", für seine "Fehler".

In einer Stellungnahme gegenüber der "FT" bestreitet der Axel-Springer-Verlag, dass ein potenzieller Interessenkonflikt vorgelegen habe. Diese Vorstellung sei "absurd". Döpfner, dem 22 Prozent an der Springer SE gehören, habe die Informationen an "Bild" weitergegeben, weil er "sofort wusste, dass es sich um eine Angelegenheit von übergeordnetem öffentlichem Interesse handelt", die aufgedeckt werden müsse, so der Verlag. Dies sei Aufgabe eines Verlegers. "Aus heutiger Sicht würde und wird er genau das Gleiche tun."

Axel-Springer-Verlag bestreitet Interessenkonflikt

Auch habe Döpfner dem damaligen und später gefeuerten "Bild"-Chefredakteur "selbstverständlich" offengelegt, dass er Vermieter von Adidas sei. Es sei aber "absolut nicht zumutbar" gewesen, ihn als Quelle in der Printausgabe zu nennen. Außerdem habe die Berichterstattung "nicht nur eine einzige Filiale in Berlin" betroffen, sondern tausende von Adidas-Geschäften in aller Welt.

Angesichts der weltweiten Corona-Lockdowns brachen 2020 die Umsätze und Gewinne von Adidas ein, der Konzern setzte die Dividendenzahlung aus und besorgte sich bis zu drei Milliarden Euro Notkredite vom Staat, um die Krise zu überstehen. Auch andere große Einzelhändler hatten zu der Zeit die Mietzahlungen vorübergehend gestoppt. Doch während die "Bild" Adidas an den Pranger stellte, hätte das Blatt den anderen Einzelhändlern deutlich weniger Aufmerksamkeit gewidmet, schreibt die "Financial Times".

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