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Montage in Bremen "Borgwards Geschichte wird fortgeschrieben, wo sie begann"

Vor seiner Pleite Mitte der 1960er-Jahre gehörte Borgward zu Deutschlands bekanntesten Autoherstellern. Mit chinesischem Geld wird die Marke nun wiederbelebt und kehrt bald mit einem Montagewerk an ihren einstigen Hauptsitz Bremen zurück. Das hat vor allem Vermarktungsgründe.

Sie platzen alle vor Stolz. Der Bremer Wirtschaftssenator Martin Günther etwa freut sich "außerordentlich" über die Entscheidung der wiederbelebten Automarke Borgward, in Bremen ein Montagewerk für Borgward-Autos zu errichten. "Die Tatsache, dass nun die Geschichte dieses Autos dort fortgeschrieben werden soll, wo sie einmal begann, macht es für uns alle zu einem besonderen Ereignis", erklärt er via Presseaussendung.

Christian Borgward, der Enkel des vor 55 Jahren in die Insolvenz gerutschten Firmengründers Carl F.W. Borgward, äußert sich so: "Es ist unbeschreiblich, mit welcher überzeugenden Dynamik das Werk meines Großvaters nun weitergeschrieben wird." Und Unternehmenschef Ulrich Walker, seit Mai vergangenen Jahres an Bord, spricht etwas trockener davon, dass sich die Marke damit zu ihrer eigenen Herkunft bekennt.

Dabei wagt die mit chinesischem Geld wiederbelebte Automarke Borgward nicht einmal einen Riesenschritt nach Deutschland - sondern ein Schrittchen. Vor mehreren Jahrzehnten, mitten in Deutschlands Wirtschaftswunderjahren, war Borgward der größte Arbeitgeber Bremens. Nun will die Marke erst einmal bis zu 10.000 Fahrzeuge jährlich in Bremen zusammenbauen - mit einem Mini-Team. In der Anfangsphase entstehen 50 bis 100 Arbeitsplätze in dem Montagewerk, das eine Fläche von rund 10.000 Quadratmetern haben soll. Investieren will Borgward einen zweistelligen Millionenbetrag. Wo genau das Werk in Bremen entsteht, soll sich in den kommenden Wochen entscheiden.

Das ist in der Autobranche eher ein Einstieg auf kleinstem Niveau. Dies sei aber erst der Anfang und zudem der Tatsache geschuldet, dass in dem Werk keine kompletten Maschinen, Anlagen oder Fahrzeuge gebaut würden, so Walker. Die Stichworte heißen Montage und Zulieferung. Halbfertige Autos und Teilmodule werden nach Bremen geschickt und dort endmontiert. Die Teile kommen aus China, Europa und Deutschland. Firmen wie Bosch sollen bei der Motorentechnologie ganz vorne mitspielen, die Batterien kommen von LG. Continental, Webasto, Schäffler/SKF und Kuka sind weitere Zulieferer. Produziert wird derzeit nur im Borgward-Werk in Miyun bei Peking.

Die ersten neuen Bremer Borgwards sind Elektro-SUVs: Als Premierenmodell ist der vor einem Jahr vorgestellte Borgward BX7 mit vollelektrischem Antrieb vorgesehen. Baubeginn für das Werk ist noch 2017, die Vorserienproduktion des Elektro-SUVs soll Anfang 2018 starten. Weitere Modelle sollen folgen. Weitere Modelle sollen folgen. Über den Verkaufspreis wollte Walker noch nichts sagen. Die Reichweite des E-Borgwards soll bei 400 bis 500 Kilometer liegen. In China wurden seit Ende Juni bislang 15 000 Autos ausgeliefert. Mittelfristig sollen es weltweit 500 000 pro Jahr werden.

Die Borgward Group AG mit Sitz in Stuttgart gehört zu 100 Prozent dem chinesischen Lastwagenbauer Foton. "Wir sind aber kein Tochterunternehmen. Foton ist in Anführungsstrichen nur der Investor", so Walker. In Bremen fand die Pressekonferenz im Festsaal des historischen Bremer Rathauses statt.

Borgward gehörte einst zu den bekanntesten Autoherstellern Deutschlands und ging 1961 pleite. Borgwards Enkel Christian belebte die von seinem Großvater gegründete Marke 2015 wieder und ist Aufsichtsratschef der Borward Group. Seinerzeit wurde Borgward durch Top-Modelle wie Isabella, Arabella und Hansa 2400 bekannt.

CKD-Werke sonst nur in Schwellenländern üblich

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In der Autobranche ist es üblich, Modelle im halbfertigen Zustand um den Erdball zu karren und sie in einem anderen Land zusammensetzen zu lassen. Diese sogenannte Completely Knocked Down (CKD)-Produktion hat ein paar entscheidende Vorteile: Mit CKD lässt sich relativ rasch und vergleichsweise kostengünstig eine Fahrzeugproduktion in einem Land aufbauen. Werden die Autos dann im Land zusammengeschraubt, gelten sie als lokale Erzeugnisse und umgehen so hohe Importzölle.

Aus genau diesem Grund betreibt etwa BMW CKD-Montagewerke in Ägypten, Brasilien und Indien, VW in Nigeria und bald auch in Kenia. Bisher standen solche Montagefabriken fast nur in Schwellenländern. Ein CKD-Werk in einem Hochlohnland wie Deutschland ist zumindest ungewöhnlich. Einzig der Elektroauto-Hersteller Tesla setzt mit seinem europäischen Montagewerk in den Niederlanden auf ein ähnliches Konzept.

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Die Vermeidung von Importzöllen hat Borgward mit seinem Bremer Werk, in das die angeblich auf Jahrzehnte durchfinanzierte Automarke einen zweistelligen Millionenbetrag investieren will, nicht im Sinn. Zwar sind die Transportkosten für Autoteile vergleichsweise niedrig, erklärt Willi Diez vom Institut für Automobilwirtschaft der Hochschule für Wirtschaft in Nürtingen-Geislingen. Schwerer dürfte indes wiegen, dass sich ein in China gebautes Auto schlechter verkaufen könnte.

"Die Idee an sich ist schon außergewöhnlich", meint Diez. Die GM-Tochter Opel und Ford unterhalten zwar noch ihre jahrzehntealten Standorte. Doch kein anderer ausländischer Hersteller denkt laut dem Importeursverband VDIK daran, ausgerechnet im Hochlohnland Deutschland Autos aus Einzelteilen wieder zusammenbauen zu lassen.

"Markenargument schlägt Kostenargument"

"Das Image "made in Germany" wird Borgward helfen", sagt Peter Fuß, Autoexperte bei der Unternehmensberatung Ernst & Young. "Aus Kostengründen wird keine Produktion in Deutschland angesiedelt. Da schlägt das Markenargument das Kostenargument."

Denn die Bremer Produktion hilft auch bei der Vermarktung in China. Denn die wiederbelebte deutsche Automarke Borgward entwirft dann nicht nur ihre Fahrzeuge in Deutschland, sondern produziert sie auch vor Ort. Die Feinheiten der CKD-Produktion werden es vermutlich nicht in die Marketingbroschüren schaffen.

Mit seinen vorerst 100 Leuten in Bremen wird Borgward jedenfalls kaum an alte Beschäftigungszeiten anschließen können. Mit den den Marken Borgward, Lloyd, Goliath und Hansa war die Borgward-Gruppe Mitte des vorigen Jahrhunderts noch der größte Arbeitgeber Bremens - mit bis zu 23 000 Mitarbeitern.

Doch der Stadtstaat an der Weser kann bei der Autoproduktion ohnedies mit einem Superlativ aufwarten. Dort, wo früher Borgward-Autos mit dem Rauten-Emblem entstanden, werden heute Daimler-Pkw gebaut - im Mercedes-Benz-Werk in Sebaldsbrück. 2015 wurden dort 324 000 Pkw hergestellt, mehr als an jedem anderen Mercedes-Standort. Mit knapp 13 000 Beschäftigten ist Mercedes heute größter privater Arbeitgeber der Region - wie vor Jahrzehnten Borgward.

mit Material der Nachrichtenagenturen Reuters und dpa
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